Wir graben in die 6 000 Jahre Sprachgeschichte der wichtigsten kurdischen Nomen — und entdecken, warum Şimşêr der Vater von scimitar, Zîw etymologisch Argentinien, Gewher der Ursprung von Juwel, Mîwān Bruder von Gemeinschaft, Bext verwandt mit Sanskrit-Gott Bhaga, Perî identisch mit Schumanns Peri, und Deng (Stimme) etymologisch identisch mit dem deutschen Donner ist. 20 Welten · 85 Fälle + Bonus — eine etymologische Reise durch die kurdische Weltsicht.
Vom Scheitel zur Hierarchie: *ker-
Der Kopf als Architektur der Macht. Serok (Präsident), Serbest (frei = „kopfgebunden"), Serkewtin (Erfolg = „oben drauf fallen"), Sermaye (Kapital — wie lat. caput), Seretā (Anfang). Verwandt mit deutsch Horn/Hirn, lat. cerebrum, griech. kranion.
→ FALL 2Vom Greifen zur Verfassung: *ǵʰés-
Die Hand als Werkzeug der Welt. Desteɫat (Macht = „Reichweite der Hand"), Destpêk (Anfang), Dastûr (Verfassung), Destkewt (Errungenschaft), Destdirêjî (Übergriff). Verwandt mit griech. cheir (→ Chirurgie), Sanskrit hasta.
→ FALL 3Vom Schlag zum Mut: *ḱḗrd-
Das Herz als Sitz des Willens. Dilêr (mutig = „Löwenherz"), Dilnyā (sicher), Dilsûz (loyal = „brennendes Herz"), Dilteng (traurig), Dilpāq (ehrlich). Verwandt mit deutsch Herz, lat. cor (→ Courage), griech. kardia, Sanskrit hṛdaya.
→Von der Schwelle zur Welt: *dʰwṓr-
Die Tür als Grenze des Lebens. Derve (draußen), Derga (Türstelle), Derçûn (Erfolg = „hinausgehen"), Derfet (Chance = „Türöffnung"), Derkirdin (rauswerfen). Verwandt mit deutsch Tür/Tor, lat. fores (→ Forum), engl. door, Sanskrit dvāra.
→ FALL 5Heiliges Element der Veden: *h₁n̥gʷnis
Das Feuer als Seele des Hauses. Agirdan (Kamin = „Feuerhalter"), Agirkujên (Feuerwehr = „Feuertöter"), Agirbest (Waffenstillstand = „Feuergebunden"), Agirîn (feurig), Newroz (Neujahr — undenkbar ohne Agir). Verwandt mit lat. ignis (→ Ignition), Sanskrit Agni (Vedischer Feuergott).
→ FALL 6Vom „Nackten" zur Würde: *nagna-
Das Brot als Code der Würde. Nan-xwardin (essen = „brotessen"), Nan-peydā-kirdin (verdienen = „Brot finden"), Nan-u-xway (Gastfreundschaft = „Brot und Salz"), Nan-brrîn (arbeitslos machen = „das Brot abschneiden"), Tandûr (Lehmofen). Wurzel nagna bedeutet „nackt" — das einfachste Fladenbrot.
→Vom Licht zur Zeit: *leuk-
Die Sonne als Motor der Zeit. Newroz (Neujahr = „neuer Tag"), Rojhalāt (Osten = „Sonnenaufgang"), Rojāwā (Westen = „Sonnenuntergang"), Rojname (Zeitung), Rojgar (Epoche). Verwandt mit deutsch Licht/Luchs, lat. lux (→ Lucidus), engl. light, Sanskrit rocas.
→ FALL 8Der Messer der Zeit: *meh₁-
Der Mond als Maß der Welt. Mangeşew (Mondlicht), Mangāne (Monatsgehalt), Mangî (monatlich), Sere-mang (Monatsanfang). Aus *meh₁- („messen") — der Mond ist das Werkzeug, mit dem die Welt vermessen wird. Verwandt mit deutsch Mond/Monat/Maß, engl. moon/month, lat. mensis (→ Menstruation).
→ FALL 9Raum der Erzählkunst: *kšap-
Die Nacht als Raum der Gemeinschaft. Şewçere (Snacks beim Geschichtenerzählen = „Nacht-Knabbern"), Şewnim (Tau = „Nacht-Feuchte"), Şewnişîn (Nachtschwärmer = „Nachtsitzer"), Emşew (heute Nacht). Aus indo-iranischer Wurzel *kšap- — anders als deutsches Nacht (aus *nokʷts), aber selbe Idee. Verwandt mit Sanskrit kṣap, persisch shab.
→Vom Glanz zur Ehre: *kueit-/*svit-
Das Weiß als sichtbare Tugend. Rûspî (Ältester = „Weiß-Gesicht"), Serspî (Weiser = „Weiß-Kopf"), Dilspî (ehrlich = „Weiß-Herz"), Dastspî (großzügig = „Weiße Hand"), Spîkirdin (reinwaschen). Charakteristischer iranischer „Sp-Effekt" (*sv- → sp-). Verwandt mit deutsch Weizen/Wiesel, engl. white/wheat, slawisch svet (Licht), Sanskrit śveta.
→ FALL 11Vom Krishna zum Nomadenzelt: *kr̥snó-
Das Schwarz als Gegenpol zum Spî. Rûreş (entehrt = „Schwarz-Gesicht"), Baxtreş (unglücklich), Dilřeş (boshaft), Māl-e-reş (schwarzes Nomadenzelt), Reşbeɫek (kurdischer Kreistanz). Direkt verwandt mit dem indischen Gott Krishna („der Schwarze") aus Sanskrit kṛṣṇa. Auch slawisch čërnyj.
→ FALL 12Vom Feuer zur Schönheit: *reudʰ-
Das Rot als Farbe der Transformation. Sûrkirdin (braten = „Rot-Machen"), Sûrhilgařān (erröten), Gulsûr (rote Rose), Sûr-u-miř (puterrot vor Wut), Xên-sûr (blut-rot). Verwandt mit deutsch Rot/Rost/Röteln, engl. red/rust/ruddy, lat. ruber (→ Rubin), griech. erythrós (→ Erythrozyt), Sanskrit rudhirá.
→ FALL 13Vom Glanz zur Hoffnung: *ǵʰelh₃- + iran. *kesk-
Das Grün als Doppelwurzel — Sewz aus PIE *ǵʰelh₃- (verwandt mit deutsch Gelb/Gold/Galle, griech. khlōrós → Chlorophyll); Kesk aus alter iranischer Wurzel (Standardwort im Kurmanji, auf der kurdischen Flagge). Keskewan (Wilde Pistazie — König der Zagros-Wälder), Sewze (Gemüse), Sewz-çāu (grünäugig), Gannime-sewz (grüner Weizen), Benîştî taɫ (Pistazienharz). Grün ist die Farbe der Hoffnung und der Resilienz.
→Vom Idealismus zur Krankheit: *šigra-
Der Löwe als Maß aller Dinge. Şêr-e-jin (Löwenfrau, starke Frau), Şêrpence (Krebs = „Löwenklaue"!), Şêrdil (Löwenherz), Şêrāne (tapfer), Şêrko/Şêrzād (Vornamen). Aus indo-iran. *šigra- („schnell, scharf"). Das Sprichwort „Şêr şêr-e, çi jin-e çi mêr-e" — Mut kennt kein Geschlecht.
→ FALL 15Vom Überlebenskünstler zur Dämmerung: *wĺ̥kʷos
Der Wolf als Symbol für Erfahrung und Härte. Gurg-e-barān-dîde (erfahrener Krisenmanager = „Wolf, der den Regen sah"), Gurg-u-mêş (Dämmerung), Gurg-e-mêř (Verräter), Gurgāne (gierig). Aus PIE *wĺ̥kʷos mit charakteristischem iranischen W→G-Wandel — direkt verwandt mit deutsch Wolf, engl. wolf, griech. lykos (→ Lykantrop), Sanskrit vṛka.
→ FALL 16Vom Biss zur Weisheit: *mer-
Die Schlange als Hüterin der Schwelle. Şāhmārān (Schlangenkönigin — Hüterin des medizinischen Wissens), Mār le āstîn (Schlange im Ärmel), Mārmîlke (Eidechse), Mārpeç (Spirale), Mār-gîr (Schlangenbeschwörer). Aus PIE *mer- („beißen, sterben") — dieselbe Wurzel wie deutsch Mord, lat. mors/mordere, Sanskrit Māra (Buddhismus-Dämon).
→ FALL 17Vom Treuen zum Schimpfwort: *ḱwṓn
Der Hund als Spiegel des Menschen — Wesen der extremen Gegensätze. Seg-e-geřān (Herdenschutzhund — „Löwen der Herde"), Seg-bab (Hundesohn — schwerste Beleidigung), Seg-merg (einsamer Tod), Seg-ser (dickköpfig). Aus PIE *ḱwṓn — verwandt mit deutsch Hund, engl. hound, lat. canis (→ Kanaren!), griech. kyon (→ Zyniker „die Hundsgleichen"), Sanskrit śvan. 10 000 Jahre Hund-Mensch-Symbiose in einem Wort.
→Vom Einzelnen zur Einheit: *aiwa-ka
Die Eins als Code für Individualität. Yekêtî (Einheit, Union), Yeksān (Gleichheit), Yekşem (Sonntag), Yekcar (sehr/absolut). Aus PIE *aiwa-ka- — direkt verwandt mit Sanskrit eka (das höchste Eine in der Vedischen Philosophie, Brahman).
→ FALL 19Vom Zweifel zur Schwangerschaft: *dwóh₁
Die Zwei als Dualität. Dûdil (zweifelnd = „zwei-herzig"), Dûgyān (schwanger = „zwei-seelig"!), Dûbāre (Wiederholung), Dûçerxe (Fahrrad = „zwei-Rad"). Aus PIE *dwóh₁ — eines der stabilsten Wörter der Welt. Klingt fast identisch wie lat. duo.
→ FALL 20Vom Th zum S: *tréyes
Die Drei als Stabilität. Sêgoşe (Dreieck), Sêpê (Stativ — identisch zu griech. tripod!), Sêşem (Dienstag). Aus PIE *tréyes mit T→S-Wandel — verwandt mit lat. tres, griech. treis, dt. drei, engl. three.
→ FALL 21Vom Quattuor zum Çwār: *kʷetwóres
Die Vier als Ordnung der Welt. Çwārrê (Kreuzung), Çwārşem (Mittwoch — im Jesidentum Schöpfungstag!), Çwāru werz (4 Jahreszeiten), Çwārde (14 = Symbol der Schönheit, „Mond der 14. Nacht"). Schul-Beispiel des Satem-Gesetzes (PIE *kʷ → kurd. ç).
→ FALL 22Von der Hand zum Punsch: *pénkʷe
Die Fünf als Zahl der Hand. Pênje (Handfläche), Pence (Finger), Pênje-mor (Fingerabdruck-Siegel), Pênjşem (Donnerstag). Sensationell: Punsch kommt vom Sanskrit-Wort pañca (5) — der Punsch hatte fünf Zutaten! Auch engl. fist (Faust) gehört zur Familie.
→ FALL 23Vom Würfel zum Hexagon: *swéḱs
Die Sechs als Zahl der Geselligkeit. Şeş-beş (perfekter Backgammon-Wurf — pan-orientalisches Glücks-Idiom!), Şeş-goşe (Hexagon), Şeş-paɫû (Würfel), Şeş-mangî (Halbjahr). Aus PIE *swéḱs mit sw→š-Wandel — verwandt mit lat. sex, griech. heks (→ Hexagon).
→ FALL 24Vom septem zum heft: *septḿ̥
Die Sieben als heilige Zahl. Hefte (Woche), Heft Tan / Heft Siwar (die 7 Erzengel — zentral im Jesidentum und Yarsanismus!), Heft-řeng (Regenbogen = „Sieben-Farben"), Heftā (70). Aus PIE *septḿ̥ mit dem S→H-Gesetz — parallel zu griech. hepta (→ Heptagon). Lat. September = ursprünglich 7. Monat.
→ FALL 25Vom Oktopus zum Heştpê: *oḱtṓw
Die Acht als doppelte Symmetrie. Heştpê (Krake) = exakt das griechische Oktopus („Acht-Fuß")! Heştā (80 — Alter der „zweiten Weisheit"), Heştem (der Achte), Heşt-goşe (Oktagon). Aus PIE *oḱtṓw mit Satem-Wandel — verwandt mit Sanskrit aṣṭa, lat. octo (→ Oktober!).
→ FALL 26Vom novem zum no: *néwn̥
Die Neun als Vorabend der Vollendung. No-māngî (neunmonatig = Schwangerschaft), Nawed (90), No-em (der Neunte = die letzte Tür im Märchen). Eines der stabilsten Wörter der Welt: der N-Anlaut ist seit 5 000 Jahren unverändert (Sanskrit nava, lat. novem → November, dt. neun).
→ FALL 27Vom decem zum de: *déḱm̥
Die Zehn als abgeschlossenes System (beide Hände voll). Deye (Dekade), De-yek (Zehntel — historische Steuer wie der mittelalterliche Zehnt!), De-sedî (prozentual = „pro Hundert"), Bist (Zwanzig = „zwei-Zehner"). Radikale Verkürzung aus PIE *déḱm̥ — verwandt mit lat. decem (→ Dezember, Dekade).
→ BONUS · 0Vom indischen śūnya zum europäischen Zero/Ziffer
Die Null als einziger Nicht-Indogermanischer Fall — arabisches Lehnwort (صفر = leer). Sensation: Aus diesem kurdisch-arabischen Wort entstanden im Westen zwei völlig verschiedene Wörter: Ziffer (über lat. cifra) und Zero (über ital. zefiro) — auch engl. cipher (Geheimcode). Das Konzept selbst kam aus Indien (Sanskrit śūnya = Leere). Brücke zwischen Indien, Arabien, Kurdistan und Europa.
→Vom Sehen zur Liebe: *weid-
Die Liebe als „inneres Bild". Sensationell: Stammt aus derselben Wurzel wie Bînîn (sehen — Verb-Arch. Fall 7) und Wêne (Bild). Für die Ahnen waren Wahrnehmung und Liebe ein und dasselbe. Evîndār (Verliebter = „Liebe-Halter"), Xoşewîst (Geliebte), Agirî Evînê (Feuer der Liebe). Verwandt mit lat. video (→ Vision, Video), griech. idea (→ Idee, Ideologie), Sanskrit veda.
→ FALL 29Vom Schlag zur Geburt: *gʷhen-
Der Schmerz als „Schlag". Sensationell: stammt aus derselben Wurzel wie das Verb Kuştin (töten — Verb-Arch. Fall 12). Sere-jān (Migräne), Jān-e-man (Geburtswehen = „Schmerz des Bleibens", verbunden mit Verb-Arch. Fall 21), Jān vs. Derd: akut vs. chronisch. Verwandt mit Sanskrit han-, griech. phónos (Mord), lat. defendere.
→ FALL 30Vom Denken zum Vermissen: *vîra-
Die Sehnsucht / das Gedächtnis — Verschmelzung von Ratio und Emotio. Einzigartige Konstruktion: „Bîr-it de-ke-m" („Ich mache deinen Gedanken" = Ich vermisse dich) — Sehnsucht als aktive Handlung. Faszinierende Homonymie: Bîr bedeutet auch Brunnen — beides Orte der Tiefe. Bîrkirdinewe (nachdenken), Bîrhatin (Erinnerung). V→B-Wandel. Verwandt mit Sanskrit vīra, lat. vir, althd. wîs (weise).
→ FALL 31Vom Lichtblick zur Standhaftigkeit
Die Hoffnung als „aktive Weitsicht". Eines der wenigen rein kurdischen Wörter, das ohne arabisch-persischen Einfluss überdauert hat (Persisch nutzt heute Omîd). Hoffnung wird visuell begriffen: ein Licht am Ende des dunklen Tals. Hîwādār (hoffnungsvoll = „Hoffnung-Halter"), Bêhîwa (verzweifelt), Geşa-y Hîwa (Erblühen der Hoffnung). Hîwa ist auch ein beliebter geschlechtsneutraler Vorname.
→Vom Säugen zur Süße: *dʰeh₁-
Die Milch als Fundament der biologischen und moralischen Herkunft. Aus PIE *dʰeh₁- („säugen") — derselbe Stamm wie Dāyk (Mutter), lat. femina (Frau = „die Säugende"), filius (Sohn). Şîr-pāk (ehrenhaft = „reine Milch"), Şîrîn (süß!), Şîr-der (Säugetier). Lautlich strikt von Şêr (Löwe) getrennt — bemerkenswertes kurdisches Wortpaar in der Poesie.
→ FALL 33Vom Bienenwesen zur Honig-Zunge
Der Honig als kurdisches Sondergut: während die meisten indogermanischen Sprachen die Wurzel *médʰu (→ deutsch Met) übernahmen, baute das Kurdische einen funktionalen Begriff: Hingwên = „Bienen-Essenz" (Heng = Biene). Mange-hingwên (Flitterwochen = „Honig-Mond") = identisch zu engl. Honeymoon! Uralter indogermanischer Hochzeitsbrauch. Zimān-hingwênî (Honig-Zunge = Beredsamkeit).
→ FALL 34Vom Rind zum Fleisch: *gʷōus
Das Fleisch als materielle Substanz. Faszinierende semantische Verschiebung: Aus dem PIE-Wort für „Rind" (*gʷōus) wurde im Iranischen das Wort für das Produkt. Goşt-u-pôst (Mark und Bein), Bagoşt (kräftig = „mit Fleisch"), Goşt-froş (Metzger). Verwandt mit deutsch Kuh, engl. cow, lat. bos (→ Boulevard „Ochsenweg", Beef), Sanskrit gaúḥ.
→ FALL 35Vom Mineral zum Gewissen: *séh₂ls
Das Salz als heiliger Gesellschaftsvertrag. Aus PIE *séh₂ls mit charakteristischem iranischen S→X-Wandel. Sensation: Während das Persische zu arab. namak wechselte, bewahrt Kurdisch die ur-indogermanische Wurzel — näher an lat. sal als an seinem persischen Nachbarn! Nan-u-xwê (Brot und Salz = heilige Gastfreundschaft), Xwê-korî (Undankbarkeit = „Salz-Blindheit"), Xwê-y zimān (Witz = „Salz der Zunge"). Verwandt mit lat. sal (→ Salat, Salami, Salary — der römische Soldatensold wurde in Salz ausgezahlt!), engl. salt, griech. hals.
→Vom Löwen zum Krummsäbel
Das Schwert als „Löwenklaue" (Şim+Şêr). Sensation: Aus dem persisch-kurdischen Şimşêr wurde das europäische Scimitar! Mit Şimşêrbāz (Fechter = „Schwert-Spieler"), Zimān-e-şimşêr (ultimatives Argument), Şimşêr-be-dast (kampfbereit). Der Mensch hat keine Löwenklauen — er erfand sie im Stahl.
→ FALL 37Vom Stoß zum Schild: *sper-
Der Schild als „Sperre". Aus PIE *sper- („stoßen") — derselbe Stamm wie dt. Sperre/Speer, lat. spernere. Sper-kirdin (sich für andere zum Schild machen — Akt des Opfers), Sper-e-dil (Schild des Herzens = Geduld), Sper-e-māşîn (Stoßstange). „Ein Mann ohne Schild ist wie ein Haus ohne Tür."
→ FALL 38Vom Ringkampf zur Politik
Der Sieg als „Oben-drauf-Fallen" — Ser (Fall 1) + Kewtin (fallen). Erstaunlich konkret verglichen mit abstraktem dt. Sieg. Das physische Bild eines Ringkampfes: am Ende liegt der Sieger oben. Serkeftû (siegreich), Pîrozî (gesegneter Sieg — moralische Legitimation), Pahlawān (wahrer Held = wer über sich selbst siegt).
→ FALL 39Vom Sitz zur Zivilisation: *kei-
Der Frieden als „Niederkunft". Aus PIE *kei- („liegen, wohnen") — derselben Wurzel, aus der auch lat. civitas (→ Zivilisation!), dt. Heim/Heimat, Sanskrit śiva (gnädig) stammen. Frieden heißt im Kurdischen: sich wieder niedersetzen. Āştî-kirdin (Frieden „machen"), Āştî-xwāz (Pazifist), Hev-āştî (Harmonie). Beliebter geschlechtsneutraler Vorname.
→Vom Stein zum Meteoriten: *h₂eḱ-
Das Eisen als „scharfer Stein". Aus PIE *h₂eḱ- (scharf, spitz) — das erste Eisen kam vom Meteoriten! Sanskrit aśman = „Stein UND Himmel". Verwandt mit dt. Axt, lat. acus/acer (→ akut, Akupunktur). Im Mythos schmiedet Kawa der Āsingar die Befreiung — Schmied besiegt Tyrann Zahhak (Newroz-Legende).
→ FALL 41Vom Baum zur Treue: *deru-
Das Holz/Baum als Treue. Aus PIE *deru- — derselbe Stamm wie engl. tree/true/truth, dt. treu/Teer, lat. durus/durare (→ Dauer!), griech. drys (→ Druide). Treue ist etymologisch baum-hafte Standhaftigkeit. Dār-çîn (Zimt = „China-Holz") ist Zeugnis der Seidenstraße. Sê-dāre (Galgen = „Drei-Hölzer").
→ FALL 42Vom Teppich zur Poesie: *kʷei-
Das Weben/Sammeln. Aus PIE *kʷei- („schichten") — derselbe Stamm wie griech. poieō/poíēsis (→ Poesie!). Ein kurdischer Teppichweber und ein griechischer Dichter tun etymologisch dasselbe: einzelne Elemente in göttliche Ordnung bringen. Kîlîm (Teppich), Ber-činîn (Ernten), Dîwār-činîn (Trockenmauerbau), Dest-čin (handverlesen).
→ FALL 43Vom Fadenrichten zum Satz: *reg-
Das Spinnen als Verb der geistigen Ordnung. Aus PIE *reg- („gerade richten") — derselbe Stamm wie dt. Recht/Reihe, lat. rex (König!) → Regel/regieren, Sanskrit rājan (→ Mahārāja). Genialer kurdischer Sprung: Řiste (Satz) = „Wort-Gespinst"! Sprache als lineare Konstruktion. Řāst (gerade = wahr), Řê (Weg). Eine Hirtenfrau, ein römischer König und ein Grammatiker tun etymologisch dasselbe: das Wirre gerade biegen.
→Vom Glanz zur Weisheit: *ǵʰelh₃-
Das Gold als Sonne der Erde. Aus PIE *ǵʰelh₃- („glänzen") — derselbe Stamm wie dt. Gelb/Gold/Galle, griech. khlōrós (→ Chlorophyll) UND das kurdische Sewz (Grün, Fall 13)! Material der Ewigkeit. Zêřinger (Goldschmied = Finanzberater), Gute-y Zêřîn (goldene Worte = nicht rostend), Dast-zêřîn (Midas-Hände), Dil-zêř (Herz aus Gold).
→ FALL 45Vom Mondlicht zu Argentinien: *h₂erǵ-
Das Silber als gefangenes Mondlicht. Aus PIE *h₂erǵ- („weiß glänzen") — derselbe Stamm wie lat. argentum, das chem. Symbol Ag und der Name Argentinien! Im Kurdischen das Metall des Mondes (Mang, Fall 8); Gold das der Sonne. Dengî Zîwîn (silberne Stimme = klar wie Bergbach), Kānî-y Zîwîn (silberne Quelle), Zîw-u-zêř (Gesamtvermögen).
→ FALL 46Vom Zagros zur Weltkultur
Das Kupfer als Seele des Hauses. Kein indogermanisches Erbe, sondern orientales Kulturwort aus der Kupfersteinzeit im Zagros — Heimat der Kurden! Die Wurzel wanderte mit der Technologie selbst — identisch in Kurdisch, Persisch, Türkisch, Arabisch. Misgar (Kupferschmied), Bāzār-î Misgarān (rhythmisches Stadtgedächtnis), Mis-î jêr zêř (Heuchelei = „Kupfer unter Gold").
→ FALL 47Vom Wesen zum Juwel
Der Edelstein als Ur-Substanz. Aus mittelpersisch *gōhr („Wesen, Substanz, Natur"). Sensation: Aus diesem orientalischen Wort wurde über Arabisch (jawhar) und Italienisch (gioiello) das englische Jewel und das deutsche Juwel! Gewher-nās (Edelstein-Kenner = Menschenkenner!), Gewher-řêž (Edelsteine streuend = poetisch), Be-gewher (von edler Natur). Wer „Juwel" sagt, spricht ein orientalisches Wort, das nicht nur den Stein, sondern das Wesen einer Sache bezeichnet.
→Vom Heiligtum zur Identität
Der Berg als „Mutter der Kurden". Im kurdischen Denken kein lebloses Geologie-Objekt, sondern primärer Garant der Existenz des Volkes. Çiya = massives Hochgebirge (vs. Kêw = einzelner Fels). Untrennbar mit dem Zagros verbunden. Penāge (Zuflucht), Çiyāyî (Bergbewohner = Träger des Widerstands), Lûtke (Gipfel), Gely (Tal). „Kurden haben keine Freunde außer den Bergen" — soziolinguistische Zusammenfassung der kurdischen Geschichte.
→ FALL 49Vom Aqua zur Zivilisation: *h₂ep-
Das Wasser als Ur-Quelle der Zivilisation. Aus PIE *h₂ep- — exakt dieselbe Wurzel wie lat. aqua (→ Aquarium, Aquädukt) und dt. Aue (Passau, Moldau!). Sensation: Während der Westen „Zivilisation" von civis (Bürger) ableitet, leitet das Kurdische sie vom Wasser ab: Āwedānî = das bewässerte Land. Rû-āu (Gesichtswasser) = Ehre. Wîrān (verlassen) = „wasserlos".
→ FALL 50Vom Berg zur Freiheit
Das Wilde als Reinheit, nicht als Chaos. Wer aus dem Berg kommt (Kêw + î), lässt sich nicht zähmen. Kêwî ist im Kurdischen fast immer positiv: Wildhonig (Hingwên-e-kêwî) ist heiliger, Giyā-kêwî (Wildkräuter) sind heilkräftiger, ein „wildes" Bergmädchen (Kîze-kêwî) ist unzähmbare Schönheit. Gegensatz zu Māɫî (häuslich = abhängig). Spiegel einer Lebensweise, in der Höhe und Härte das Beste hervorbringen.
→ FALL 51Vom Schutzwall zum Befreiungsmotiv
Die Kette als Struktur des Zusammenhalts. Persisches Lehnwort (zanjîr), das die kurdische Welt bestimmt: Zinjîre-çiya = Gebirgskette des Zagros (eiserner Schutzwall!); Zinjîre-y Xên = Blutskette (Sippe); Zinjîre-y Bîrok = Gedankenkette. Doppelbedeutung: Sie kann schützen (Berge) und versklaven (Ketten). „Břînî Zinjîrekan" (Ketten sprengen) — zentrales Befreiungs-Motiv: Übergang vom Kolia (Sklave) zum Kêwî (Bergmensch). Auch modern: Zinjîre-y Filîm (TV-Serie), Zinjîre-y Bāzāř (Ladenkette).
→Vom Boden zur Würde: *bhudʰ-
Die Sippe als „Haus-Boden". Geniales Kompositum: Bin (Fundament — PIE *bhudʰ- = dt. Boden, lat. fundus!) + Māɫ (Haus). Adel im Kurdischen: nicht Titel, sondern Tiefe des Fundaments. Soziale Hierarchie: Xîzān (Kernfamilie) ⊂ Binemāɫe (Sippe) ⊂ Hoz (Stamm). Binemāɫe-y şêrān (Sippe von Löwen) = höchstes Lob.
→ FALL 53Vom griechischen Gesetz zum Wasserglanz
Die zwei Seiten der Ehre. Nāmûs aus griech. nomos (Gesetz — derselbe Stamm wie Autonomie, Ökonomie!) — das ungeschriebene innere Familiengesetz. Ābřû rein kurdisch: Aw (Wasser, Fall 49) + Řû (Gesicht) = „Wasser des Gesichts". Ābřû-çûn (Ehre verlieren) = „Sein Gesichtswasser ist weggeflossen". Nāmûs = schützende Mauer; Ābřû = strahlende Schönheit.
→ FALL 54Vom Tausch zur Gastfreundschaft: *mey-
Der Gast als „Gast Gottes". Aus PIE *mey- („wechseln, tauschen") — derselbe Stamm wie dt. Gemeinschaft/Gemeinde, lat. communis/mutare (→ Kommune, Mutation), Sanskrit mithas (→ Gott Mithra!). Mîwān-î Xudā (Gast Gottes), Mîwāndārî (Gastfreundschaft), Jordar (Gästezimmer — bester Raum), Mîwān-u-xwê (Brot und Salz teilen = Teil der Sippe werden). 5000 Jahre Logik des Teilens.
→Vom Leben zur Seele: *gʷeih₃-
Das Gras als physische Seele. Sensation: Aus PIE *gʷeih₃- („leben") stammen Giya (Pflanze) UND Giyān (Seele) — beides „Leben"! Auch griech. bios (→ Biologie), lat. vivus (→ vital), Sanskrit jīvá. Animistische Weltsicht: Die Erde atmet durch das Gras. Giyāderman (Kräutermedizin = „lebendiges Heilmittel"). Bemerkenswert: Im traditionellen Kurdisch gibt es kein Wort für „Unkraut".
→ FALL 56Vom Baum zum Dharma: *deru-
Die Medizin als „Baum-Stoff". Sensation: Aus PIE *deru- — exakt derselbe Stamm wie Dār (Baum, Fall 41) UND das indische Dharma (Weltgesetz)! Vor Glasflaschen war Rinde und Harz die erste Apotheke. Dermānxāne (Apotheke), Derman-î kêşe (Lösung), Bê-derman (unheilbar), Dermānsāz (Pharmazeut = „Heilmittel-Bauer"). Erkrankt = Statik erschüttert; Derman gibt die Standhaftigkeit eines Baumes zurück.
→ FALL 57Vom Geschmack zur Weisheit
Das Bittere als Symbol für Kraft und Wahrheit. Kein abzulehnender Geschmack — sondern Qualitätsmerkmal guter Medizin: Tāɫ-u-Tîž (bitter und scharf). Tāɫ-çêj (wer Bitteres gekostet hat) = weiser, gereifter Mensch. Zimān-tāɫ (bittere Zunge) = wer die Wahrheit sagt, ohne sie zu versüßen. Im Deutschen oft negativ — im Kurdischen fast immer positiv: Spiegel der Berg-Identität, in der Härte das Beste hervorbringt.
→ FALL 58Vom Narkotikum zum Widerstand
Die Narzisse als kurdische Nationalblume. Sensation: Aus griech. narkissos (von narkao = betäuben) — derselbe Stamm wie Narkose und Narzissmus! Während der Westen sie mit Selbstverliebtheit verband, machten die Kurden sie zum Symbol des Widerstands: Nergiz-e-ber-berf („Narzisse vor dem Schnee") — die Blume, die ihren Kopf durch die letzte Schneedecke steckt. Untrennbar mit Newroz verbunden. Çāu-e-Nergizî (Narzissen-Augen) — Schönheitsideal der Liebespoesie. Derman-î Xam (Medizin gegen Traurigkeit).
→Vom Dämon zur Schönheit
Die Fee als Lichtwesen — Bedeutungswandel über 3 000 Jahre: Aus altiranisch *pairikā- (gefährliche Dämonin im Zoroastrismus!) wurde im Kurdischen das reine Lichtwesen. Wanderweg in den Westen: aus orientalisch Perî wurde europ. Peri (Schumann: „Das Paradies und die Peri", 1843!). Perîşān (verwirrt) = wörtlich „von Feen zerzaust". Perîzād (wunderschön = von Fee geboren). 3000 Jahre Schönheits-Ästhetik.
→ FALL 60Von der Zuteilung zur Hindu-Gottheit
Das Schicksal als „Zuteilung". Aus PIE *bhag- („zuteilen") — derselbe Stamm wie der Sanskrit-Gott Bhaga (Zuteiler — daraus Bhagavad Gita!) und das russische bog (Gott)! Im Kurdischen ist Glück kein Zufall, sondern einen Anteil besitzen. Baxtewar (glücklich), Bê-baxt (Unglücklicher = Verräter!), Baxt-reş (vom Pech verfolgt), Bext-im bêt (höchster Eid). Näher an indischer und slawischer Götterwelt als am westlichen Zufall.
→ FALL 61Vom Verhüllten zum Schwellenrespekt
Der Dschinn als „verborgener Nachbar". Aus dem arabischen Stamm j-n-n („verhüllen") — derselbe Stamm wie Cennet (Paradies, verhüllt durch Bäume) und Cenîn (Embryo, verborgen). Perfektes Beispiel der „Kurdisierung": Die Kurden füllten das arabische Lehnwort mit ihren uralten vorislamischen Naturgeister-Vorstellungen. Tabu-Wort nachts — man sagt Baştiran („die Besseren") oder Ewanî tir („die Anderen") aus Respekt. Kānî (Quelle) = Portal zur Geisterwelt. Ber-derga (Türschwelle) = „Sitzplatz der Anderen". Cinok (kleiner Geist) = freches Kind. Sprache als Bannkraft.
→Vom Donner zum Wort: *sten-
Die Stimme als domestizierter Donner. Aus PIE *sten- („donnern") — derselbe Stamm wie dt. Donner/stöhnen, engl. thunder/stun, lat. tonare (→ Detonation!), Sanskrit stanati. Dengbêj (Barde = „Stimmen-Sager") ist das lebende Archiv Kurdistans — A-cappella-Tradition als UNESCO-immaterielles Kulturerbe. Dengdan (wählen = „Stimme geben"), Bê-deng (still = machtlos). Vereint Geräusch, Klang und Stimme in einer Ur-Kraft.
→ FALL 63Vom Instrument zur Organisation
Das Instrument als innere Ordnung. Philosophische Doppelung: Sāz bedeutet zugleich Musikinstrument UND Harmonie. Die einzigartige kurdische Antwort auf „Wie geht es dir?" — Min Sāzim = „Ich bin gestimmt" — zeigt: Der Mensch ist ein Musikinstrument. Sāzkirdin (bauen, organisieren), Sāzmān (Organisation = „bleibende Ordnung"), Sāzkār (anpassungsfähig). Vom Sāz zur Politik — selbe Logik: Teile in Harmonie bringen.
→ FALL 64Vom Sprung zum Widerstand
Der Tanz als kollektives Gebet der Standhaftigkeit. Geniales Kompositum: Haɫ (auf) + Perkê (von Peřîn springen) = „Auf-Hüpfen". Vertikale Energie gegen die Schwerkraft der Berge. Govend (Tanzkreis) ist menschliche Zinjîre (Kette, Fall 51!) — kein Anfang, kein Ende. Ser-çopî (Anführer = „Kopf des Taschentuchs" — Ser, Fall 1!), Sê-pê (Drei-Fuß-Schritt — Sê, Fall 20!). In Verbots-Zeiten der Sprache stummes Widerstandszeichen: „Wir stehen noch fest auf diesem Boden."
→Die rituelle Zahl der Wende
Die Vierzig als Zahl der Transformation. Çile = 40 Tage (Geburt, Trauer, Sufi-Einkehr), Çile-y Zistān (40 Tage Winter), Çile-y Hāwîn (40 Tage Sommer), Çil-mêř (40 Männer), Çil-kanî (40 Quellen). Aus altiranisch *çathvaraçat = 4 × 10. Die kurdische Geduld atmet in 40-Tage-Schritten.
→ FALL 66Zwei + Zehn = vollendeter Kreis
Die Zwölf als kosmische Harmonie. Dwānze Mang (12 Monate), Dwānze Burj (12 Sternzeichen), Dwānze Suwāre-y Merîwān (12 Reiter — unbesiegbare Elite). Strukturell Dû (2) + De (10) — direkt verwandt mit lat. duodecim (→ Dutzend), gr. dōdeka, Sanskrit dvādaśa.
→ FALL 67Das Satem-Wort des Lebens
Die Hundert als Krönung. Sed Saɫ = 100 Jahre (höchster Lebensgruß), Sed Miř = 100 Schafe (Wohlstand). Aus PIE *ḱm̥tóm nach dem Satem-Lautgesetz (ḱ→s) — Sed ist das namensgebende Wort für die Satem-Gruppe (Iranisch, Slawisch, Sanskrit). Verwandt mit lat. centum, gr. hekaton, Sanskrit śatám.
→ FALL 68Das Tor zur indo-iranischen Unendlichkeit
Die Tausend als poetisches Bild des Unzählbaren. Aus altiranisch *hazahra- — eine iranische Spezialität, die nichts mit lat. mille oder dt. tausend zu tun hat! Verbindet uns mit Sanskrit sahasra und Persisch hezār. Hezār-Dāstān = Nachtigall („Tausend-Geschichten"), Hezār-o-yek-šab = 1001 Nächte, Hezār-mêř = Held, der für tausend zählt. Wer Hezār sagt, denkt indisch-iranisch.
→Sitz der Schicksals-Liebe
Die Leber als Sitz der biologischen Liebe zu Kindern und Geschwistern. Aus PIE *yekʷr̥- — verwandt mit gr. hēpar (Hepatitis!), lat. iecur, Sanskrit yakṛt. Cergim („meine Leber") ist die tiefste Liebeserklärung an das Kind. Während das Herz (Dil) die Wahl-Liebe trägt, ist die Leber die Schicksals-Liebe.
→ FALL 70Wächter der Zusage und Ehre
Das Auge als Sitz der Aufmerksamkeit, Ehre und des heiligen Versprechens. Aus PIE *okʷ- — verwandt mit dt. Auge, lat. oculus, gr. ōps (Optik!). Ser Çāu = „auf meine Augen" = gern geschehen (heilige Zusage). Çāuge (Auge der Erde) = Wasserquelle. Auge als sozialer Maßstab — Gier ist „Augen-Hunger".
→ FALL 71Etymologisch identisch mit Gras (Giya)!
Die Seele als dynamischer Lebensfluss. Aus PIE *gʷeih₃- (leben) — verwandt mit gr. bios (Biologie!), lat. vivus (vital), Sanskrit jīvá. Identische Wurzel wie Giya (Gras, Welt 14): für die Ahnen war die Seele, was „grünt und wächst". Giyānekem = die häufigste Liebeserklärung im Kurdischen. Suffix -giyān nach Namen = höchster Respekt + Zärtlichkeit.
→ FALL 72Soziale Wirbelsäule der Loyalität
Der Rücken als Fundament der Sicherheit. Aus PIE *post (hinten, nach) — identische Wurzel wie lat. post (Post-Skriptum, Postmoderne)! Pişt-estûr („dicker Rücken") = mächtig, einflussreich — wichtigste kurdische Macht-Metapher. Pişt-kirdin („den Rücken machen") = verraten. Pişt-be-Xudā = auf Gott vertrauen. Paşerož (Zukunft = „nach-der-Sonne") aus derselben Wurzel.
→Identische Wurzel wie Şîr (Milch)!
Die Mutter als „die Säugende". Aus PIE *dʰeh₁- (säugen) — identische Wurzel wie Şîr (Milch, Welt 8). Verwandt mit lat. femina („Säugende"), filius („Gesäugter"), gr. thelê. Şîr-pāk (reine Milch) = guter Charakter — Lob für Mutter und Kind. Mit Suffix -k wie Bāuk, Xuşk.
→ FALL 74Hüter / Schützer (P → B)
Der Vater als Pfeiler und Schützer. Aus PIE *phtḗr + *pā- (schützen — Wurzel von Parastin!). Verwandt mit lat. pater, dt. Vater, engl. father. Typisch iranischer P → B-Wandel. Kurmancî Bāb, Sorani Bāuk. Bāb-u-pîr = Vorfahren („Väter und Alte"). Im Binemāɫe die tragende Wand.
→ FALL 755000 Jahre altes Sprachfossil
Der Bruder als erster Verbündeter. Aus PIE *bʰréh₂tēr — eines der reinsten Sprachfossile. Identisch mit dt. Bruder, lat. frater (→ fraternité), gr. phratēr, Sanskrit bhrātṛ, russ. brat. Sorani wählte die kraftvolle Apokope — eine Silbe ungebrochener Solidarität. „Ewé brā-y nîye, pişt-î nîye".
→ FALL 76S → X-Lautgesetz (wie xwê = Schweiß)
Die Schwester als Hüterin des Ābřû. Aus PIE *swésōr („die eigene Frau") — verwandt mit dt. Schwester, lat. soror (Sōrorität), engl. sister. Berühmtes S → X-Lautgesetz des Kurdischen (parallel zu xwê = Schweiß, xwêş = süß). Mit Suffix -k wie Dāyk und Bāuk.
→ FALL 77Zweiter Vater / politischer Ehrentitel
Der Onkel väterlicherseits als rechtlicher Stellvertreter. Aus PIE *amā- (vertraut) — verwandt mit lat. amita (Tante, Rollenverschiebung!), dt. Amme. Zum eigenen Binemāɫe gehörend. Politischer Ehrentitel: Mām Jelāl = „Onkel des Volkes". Strenge und Gesetz — Gegenpol zum mütterlichen Xāɫ.
→ FALL 78IDENTISCH mit dem deutschen Onkel!
Linguistische Sensation: Der mütterliche Onkel und das deutsche Onkel sind exakt dasselbe Wort! Beide aus PIE *h₂éwh₂os. Westzweig: → lat. avunculus → frz. oncle → dt. Onkel. Ostzweig: → altiran. *xvāra- → Xāɫ. Während Mām die Strenge ist, ist Xāɫ Liebe ohne Bestrafung. „Xāɫ wekû bāuk-e" — wie ein Vater, aber ohne Härte.
→ FALL 79Strenge Wächterin des Ābřû
Die Tante väterlicherseits als weibliche Stimme des Fundaments. Aus PIE *mā- (Mutter — universelle Wurzel). Latein nutzte sie für Tante mütterl. (matertera) — das Kurdische reservierte sie für Tante väterl. Kurmancî Metîk mit Suffix -k wie Dāyk. Wächterin der Familien-Ehre.
→ FALL 80Verwandt mit dt. Puppe und lat. puer!
Die Tante mütterlicherseits als zweite Mutter. Aus PIE *pau- (klein, Kind) — verwandt mit lat. puer (Kind), pupilla (Augapfel/Waisenkind), dt. Puppe (ursprünglich „kleines Mädchen"), frz. poupée! „Pûr wekû dāyk-e" — Trost ohne Strenge. Während die Met über das Gesetz wacht, wacht die Pûr über dein Herz.
→PIE *deh₃-/*dʰē- → lat. datum, dt. Tat
Recht als „das Gegebene / Gesetzte". Aus PIE *deh₃- (geben) und *dʰē- (setzen, stellen) — verwandt mit lat. datum, donum, gr. didōmi, dt. Tat, Tatsache. Dādgāh = Gerichtshof („Ort des Rechts"), Dādwer = Richter, Bê-dād = Tyrannei („ohne Recht"). Das älteste politische Wort des Iranischen.
→ FALL 82IDENTISCH mit dt. Recht und lat. rectus
Linguistische Sensation: Wahrheit ist im Kurdischen geometrische Geradheit. Aus PIE *reg- (gerade führen, lenken) — identische Wurzel wie dt. Recht, richtig, regieren, lat. rectus, regere (→ Direktion, Regent), engl. right, Sanskrit ṛju-. Řāst = rechts/wahr/gerade — drei Bedeutungen in einem Wort. „Řāstî talx-e" — die Wahrheit ist bitter.
→ FALL 83Gleiche Wurzel wie Bext (Welt 15)!
Vergeben und schenken teilen sich eine Wurzel. Aus PIE *bʰag- (zuteilen, austeilen) — identische Wurzel wie Bext (Schicksal, Welt 15 Fall 60!), Sanskrit-Gott Bhaga („der Austeiler"), avest. baxš-, russ. Bog (Gott). Wer schenkt, teilt sein Bext. Baxşandin = vergeben, Baxşîş = Trinkgeld (Lehnwort ins Deutsche: Bakschisch!). Lê-baxşîn = Amnestie.
→ FALL 84Mit Suffix -bār aus PIE *bher- (tragen)
Schuld als das, was getragen werden muss. Tāwān-bār = schuldig („Schuld-Träger") — das Suffix -bār kommt aus PIE *bʰer- (tragen), verwandt mit dt. Bürde, gebären, lat. fero, gr. pherō, Sorani Birdin (tragen). Die Wortbildung selbst trägt die Last. Bê-tāwān = unschuldig, Tāwānbārkirdin = anklagen. Schuld ist das Gegenteil von Baxşîn.
→ FALL 85Aus arab. ḥaqq über semantische Wende
Maf ist das jüngste Wort der Welt — der individuelle Anspruch, abgeleitet von arab. ḥaqq (Wahrheit, Recht), aber im Kurdischen zu einem eigenen Begriff für persönliche und politische Rechte umgeformt. Während Dād das objektive Gesetz ist und Řāstî die Wahrheit, ist Maf der Anspruch des Einzelnen gegen die Macht. Maf-î mirov = Menschenrechte, Maf-parwer = Rechtspfleger/Verteidiger. Das Wort der Moderne.
→Wer die etymologischen Geschwister der kurdischen Verben entdecken will, ist eingeladen in die Schwester-Reihe Verb-Archäologie mit 21 Verben.
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