Wir graben in die 2500 Jahre Sprachgeschichte der wichtigsten kurdischen Verben — und entdecken, warum Präsensstamm und Präteritalstamm oft so verschieden aussehen. Eine wissenschaftliche Tiefenanalyse für alle, die verstehen wollen, nicht nur lernen.
2 Wurzeln, 1 Verb: *gaub- + *ah-
Wie aus zwei völlig verschiedenen altiranischen Wörtern für „sprechen" ein einziges kurdisches Verb-Paradigma wurde.
→ FALL 2Ein Wort, zwei Schicksale: *hardz-
Dasselbe Wort, das vor 2500 Jahren ein „r" hatte — und sich dann in Präsens (→ل) und Präteritum (→شت) anders entwickelt hat.
→ FALL 3Phonetisches Fossil: *ā-gam-
Wie aus „her-gehen" ein einziges ێ wurde — eine 2500-jährige Lautabschleifung dokumentiert.
→ FALL 4Vom *šyav- zum bloßen ç
Das wahrscheinlich kürzeste Verb der Welt: der Präsensstamm besteht aus einem einzigen Buchstaben — Überbleibsel einer 3000 Jahre alten Wurzel.
→ FALL 5Die Mutter aller Wurzeln: *ǵenh₁-
Aus einer einzigen Silbe za- baut die Sprache ein ganzes Universum: زایینگا · زاوا · زستان · زارۆک. Verwandt mit deutsch Kind, lateinisch genus.
→ FALL 6Die existenzielle Definition: *mer-
Aus *mer- entstand Mirov (مرۆڤ) — „der Sterbliche" = Mensch. Verwandt mit lateinisch mors, deutsch Mord, Sanskrit mṛtá.
→ FALL 7Sehen ist Wissen: *weid-
Brücke zwischen Auge und Verstand. Wêne (Bild), Pêşbînî (Prognose), Rōşenbîr (Intellektueller). Verwandt mit deutsch wissen, lateinisch video.
→ FALL 8Vom Formen zum Karma: *kʷer-
Das dynamische Zentrum der Sprache. Kar (Arbeit), Kirdar (Tat), Karker (Arbeiter). Verwandt mit Sanskrit karman → Karma.
→ FALL 9Vom Geben zur Gerechtigkeit: *deh₃-
Aus *deh₃- entstand Dad (Recht), Dadga (Gericht), Dadwer (Richter) — und das deutsche Datum. Verwandt mit lateinisch dare, Sanskrit dāna.
→ FALL 10Vom Schall zur Rede: *dʰwen-
Altertümlich-poetisch. Aus *dʰwen- (tönen) entstand Duwan, Dûandin, Pêşduwa. Verwandt mit Sanskrit dhvani, englisch din.
→ FALL 11Vom Holzfeuer zur Herzensglut: *sauk-
Aus *sauk- (leuchten, brennen) entstand Sûtan, Sūtemenî (Treibstoff), Diɫsûz (loyal = „herzbrennend"). Verwandt mit Sanskrit çuc-, persisch sûxtan. Newroz-Feuer + emotionale Wärme in einer Wurzel.
→ FALL 12Vom Urzeit-Schlag zum Lichtschalter: *gʷhen-
Aus *gʷhen- („schlagen") entstand Kuştin und der Alltagsausdruck Kužandinewe („Licht töten"). Verwandt mit Sanskrit hanti, lateinisch defendere.
→ FALL 13Vom Brotessen zum Schwur: *swel-
Aus *swel- („schlucken") entstand Xwardin, Xwardinewe (trinken), Xem-xwer (fürsorglich), Sond xwardin (schwören). Verwandt mit lat. vorare → engl. devour.
→ FALL 14Vom Ergreifen zum Begreifen: *ghrebh-
Das Verb der Manifestation. Aus *ghrebh- entstand Heɫgirtin (aufheben), Wergirtin (empfangen), Dastgîr (Gefangener), Wênegirtin (fotografieren), Xor-gîran (Sonnenfinsternis). Verwandt mit deutsch greifen, begreifen, Grab.
→ FALL 15Vom Ritzen zum Schreiben: *peig-
Ein technologisches Fossil. Aus *peig- („ritzen") entstand Nûsîn, Nûser (Autor), Pênûs (Stift), Nûsînga (Büro). Genau wie englisch write (germ. writan = ritzen) und lat. scribere (einritzen) — drei Sprachen, eine Wurzel des Markierens.
→ FALL 16Vom Fallen zum Fortschritt: *kap-
Das Verb der Verortung. Aus *kap- („fassen") wurde durch semantische Verschiebung das Verb des Fallens. Pêşkewtin (Fortschritt = „nach-vorne-Fallen"), Řêkewt (Zufall/Datum), Derkewtin (erscheinen). Verwandt mit lat. capere → Kapazität.
→ FALL 17Vom Hirten zum Anwalt: *peh₂- → *pā-
Eines der identitätsstiftenden Verben der kurdischen Sprache. Aus *peh₂- („hüten, weiden") wurde der ganze Weg von der Hirtenherde bis zum Anwalt: Parêzer (Anwalt), Parêzgar (Gouverneur), Parêzge (Provinz), Parêz (Diät = „sich-hüten"), Nîştimanperwer (Patriot). Verwandt mit lateinisch pascere (weiden) → Pastor, mit altpersisch xšaθra-pā-van → griechisch Satrap, mit deutsch Vater („Ernährer und Schützer"). Eine Wurzel, sechs Jahrtausende, drei soziale Welten — vom Schaf zum Bürgerrecht.
→ FALL 18Vom Wachsen zur Ontologie: *bhuh₂-
Der absolute Grundpfeiler der kurdischen Grammatik. Aus *bhuh₂- („wachsen, entstehen") wurde das Verb, das Sein und Werden in einem vereint. Serbexobûn (Unabhängigkeit), Bûyer (Ereignis), Debê (es muss sein), Drostbûn (entstehen), Kirān (Passiv via Bûn). Verwandt mit deutsch bin/Bauen, englisch to be, lateinisch fui/futurus (woher unser Futur), griechisch phýsis (woher Physik), Sanskrit bhavati. Hilfsverb, Verbalisierer, Identität-vs-Existenz.
→ FALL 19Vom Wählen zur Liebe: *weḱ-
Das Verb, das Willen und Liebe nicht trennt. Aus *weḱ- („wünschen, wählen") wurde das semantisch tiefste Affekt-Verb des Sorani. Xoşwîstin (lieben = „schön-wollen"), Xoşewîst (Geliebte/r), Daxwāzî (Antrag), Wîstî Xwa (Gottes Wille — direkt aus altpers. vašnā). Mit der altertümlichen Dativ-Subjekt-Konstruktion (demewê = „mir-will-es"). Verwandt mit deutsch Wunsch/Wonne, englisch wish, lateinisch vōtum, Sanskrit vaś-.
→ FALL 20Vom Tragen zur Vergangenheit: *bher-
Das vielleicht produktivste Verb des Indogermanischen. Aus *bher- („tragen, bringen") wurde der ganze Bedeutungsraum: Řābirdû (Vergangenheit = „das Weitergetragene"), Yārî birdin (gewinnen = „den Sieg davontragen"), Ber (Frucht), Bār (Last), Pêşbirdin (voranbringen). Suppletivpaar mit Hênān (her-bringen). Verwandt mit deutsch tragen/bringen/Bürde/Bruder/gebären, englisch bear/born/burden, lat. ferre (→ Konferenz, Transfer), griech. phérō (→ Metapher, Phosphor), Sanskrit bhárati.
→ FALL 21Vom Verharren zur Heimat: *men-
Das Verb, das die kurdische Heimat in ihrem Namen trägt. Aus *men- („bleiben, verweilen") wurde das vielleicht politisch geladenste Wort der Sprache: Nîştiman (Heimat = „Sitz-Bleibe", territorial-existenziell statt patrilinear!), Māndû (müde = „zu-lange-geblieben"), Māwe (Zeitraum), Mānewe (verbleiben), Penāmên (Asyl-Zuflucht), Bê-nîştiman (staatenlos). Verwandt mit lat. manēre (→ Mansion, permanent, Remanenz), englisch remain/manor, französisch maison, griechisch ménō (→ Mönch, Monolog). Eine Lebenshaltung der kurdischen Kultur.
→Die Lektion zur Kausativ-Blockierung (früher Fall 5) ist umgezogen und Teil der eigenständigen Seite „Kausativ — Bildung & Blockierung" geworden — mit 3 neuen Fallbeispielen (زانین · بینین · دانیشتن).
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