Wie aus einer einzigen altiranischen Wurzel zwei so unterschiedliche Stämme wurden — das Geheimnis liegt im R-L-Wandel und im historischen -ta-Suffix.
هێشتن bedeutet „lassen, übrig lassen, erlauben". Der Präsensstamm ist هێڵ (hêɫ-), aber im Präteritum heißt es هێشت (hêşt-). Wie kommt man von هێڵ zu هێشت? Das ist kein Suppletivwesen wie bei Gutin — es ist dasselbe Wort, das sich in zwei verschiedene Richtungen entwickelt hat. Hier wird's spannend.
Eine einzige Wurzel, zwei phonologische Schicksale.
Beide Stämme — Präsens hêɫ- und Präteritum hêşt- — gehen auf die altiranische Wurzel *hardz- zurück (avestisch harez-). Die ursprüngliche Bedeutung war „freilassen", „entsenden", „loslassen".
Das Geheimnis: Im Präteritum verschmolz die Wurzel mit dem alten Vergangenheits-Suffix -ta, was zu einem ganz anderen Lautcluster führte. Im Präsens hingegen blieb die Wurzel allein, unterlag aber dem berühmten R-L-Wandel.
„Loslassen ist eine alte Kunst. Das R wurde zu L — die Bedeutung blieb."
Die Macht des Suffixes -ta.
In den iranischen Sprachen wurde der Vergangenheitsstamm historisch durch das Anfügen von -ta (Partizip-Perfekt-Suffix) gebildet. Die Konsonantenverbindung rz + ta entwickelte sich im Mitteliranischen regelhaft zu št:
Der R-L-Wandel — und ein dunkles L.
Der Präsensstamm entwickelte sich direkt aus der Wurzel — ohne das -ta-Suffix. Aber er unterlag einem anderen Lautgesetz, dem sogenannten R-L-Wandel: In vielen iranischen Sprachen (auch im Persischen) wurde das historische r oder rz in bestimmten Positionen zu einem l.
l wird zum dunklen L ɫ — typisch für Zentralkurdisch bei Wörtern mit historischem Konsonantencluster.l und ein velarisiertes/dunkles ɫ (ڵ), das mit der Zungenwurzel gegen den weichen Gaumen artikuliert wird. Es klingt etwa wie das deutsche „L" in „voll", aber dumpfer.
Dieselbe Wurzel, fast identische Entwicklung — nur ohne dunkles L.
| Sprache | Infinitiv | Präsens | Präteritum |
|---|---|---|---|
| Sorani | هێشتن | هێڵ | هێشت |
| Persisch (alt/dialektal) | heştan | hel- | heşt- |
Eine Wurzel, viele Geschwister — vom Sanskrit zum Deutschen.
| Sprache | Wort | Bedeutung |
|---|---|---|
| PIE (ur-indogermanisch) | *selg- | loslassen, entsenden, ausgießen |
| Sanskrit | sṛjáti (सृजति) | er lässt los · er erschafft (Erschaffen als göttliches „Loslassen") |
| Avestisch | harez-, hardz- | loslassen, entlassen, freilassen |
| Altpersisch | *harz- | entlassen |
| Mittelpersisch | hištan / hēl- | lassen (mit beiden Stämmen) |
| Persisch (klassisch) | heštan (هشتن), hel- | lassen — heute nur noch in Komposita wie mon-hel |
| Persisch (modern) | gozaştan / gozar- | lassen (Ersatzverb) |
| Deutsch (entfernt) | schleichen, schleudern | entfernt verwandt über die *sel-/selg-Wurzelfamilie |
| Kurmanji | hiştin, hêl- | lassen — parallel zur Sorani-Entwicklung |
| Sorani | هێشتن · هێڵ | lassen, übrig lassen, erlauben |
Der Unterschied zwischen هێڵ und هێشت ist kein Zufall, sondern das Ergebnis zweier verschiedener phonetischer Regeln:
-ta-Suffix als -št, im Präsens verlor es den ursprünglichen Konsonanten zu einem dunklen ɫ.
Nutze diese Seite als Baustein im Sorani-Lernweg: erst verstehen, dann üben, anschließend mit Karteikarten und Beispielsätzen wiederholen.