C2 · MASTERY · BRÜCKE

Yılmaz Güney ↔ Rainer Werner Fassbinder یلماز گونای و فاسبیندەر

Kritisches Autorenkino, früher Tod, große Wirkung — der kurdisch-türkische Regisseur aus Adana und der bayerische Erneuerer im Dialog. Zwei Filmemacher, beide jung gestorben, beide bahnbrechend für die Kinos ihrer jeweiligen Welten.

Im Mai 1982 erhielt der Film Yol in Cannes die Goldene Palme — gemeinsam mit Costa-Gavras' Missing. Sein Autor, der das Drehbuch im türkischen Gefängnis Imrali geschrieben hatte, war fünf Monate zuvor aus der Haft entflohen und lebte in Paris. Zwei Monate nach seinem Triumph in Cannes starb in München, am 10. Juni 1982, ein anderer Filmemacher: Rainer Werner Fassbinder, an einer Überdosis. Er war 37 Jahre alt; er hatte in 14 Jahren mehr als 40 Filme gedreht. Beide — Güney und Fassbinder — standen 1982 am Höhepunkt ihres Werks. Beide waren tot zwei Jahre später bzw. genau in jenem Moment. Beide sind heute aus der Geschichte des kritischen Autorenkinos nicht wegzudenken.

Yılmaz Güney und Rainer Werner Fassbinder hatten nie voneinander gehört. Aber wer ihre Filmlisten nebeneinanderhält, sieht zwei Männer, die das Kino als Instrument der nationalen Selbstkritik verstanden haben. Güney verwandelte den türkischen Genre-Film der 1960er und 70er — Liebes- und Aktionsmelodramen, in denen er als „König des Hässlichen" (Çirkin Kral) zum Volkshelden geworden war — in ein politisches Kino über Kurden, Arme, Häftlinge, Ausgegrenzte. Fassbinder verwandelte das deutsche Nachkriegskino — bisher dominiert von Heimatfilm und Schlagerlustspielen — in ein scharfes, manchmal grausames Kino der bundesrepublikanischen Wirtschaftswunder-Verlogenheit. Beide kamen aus marginalen Positionen: Güney als Sohn eines Kurden aus Siverek und einer Zaza-kurdischen Mutter im kemalistischen Türkei; Fassbinder als unangepasster Bayer, der in München mit der queer-bohème Anti-Theater-Gruppe arbeitete. Beide schufen aus dieser Marginalität ihren Stoff.

«یلماز گونای لە ئەدەنە و زیندانی ئیمراڵی و پاریس، فاسبیندەر لە مۆنیخ — هیچ ئاشنایی نەبوون، بەڵام هەردووکیان لە 1982ـدا لووتکەی کارەکانیان بوون. هەردووکیان لە تەمەنێکی گەنجدا کۆچی دوایی کرد. هەردووکیان سینەماکانیان وەک ئامێری ڕەخنە لە کۆمەڵگەی خۆیان بەکار هێنا. گونای کوردایەتی، خراپی، زیندان و دەربەدەری دەنوێنی؛ فاسبیندەر بێبەختی، چیاکانی نوێی ئاڵمانی، و دڵشکاوی دۆڵە جیاوازەکان دەنوێنی. هەردووکیان وەک ‹سینەماکاری نووسەر› ـ Autorenkino ـ هاتنە لووتکە.»

📜 Zwei Filmemacher am Höhepunkt 1982 دوو سینەماکار لە لووتکەی 1982

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Yılmaz Güney (Yılmaz Pütün)

یلماز گونای
1.4.1937 – 9.9.1984 · Yenice/Adana → Istanbul → Imrali → Paris

Geboren am 1. April 1937 in Yenice (Adana, Südtürkei). Vater Kurde aus Siverek (Urfa), Mutter Zaza-Kurdin. Frühe Schauspielkarriere im türkischen Kino der 1950er und 60er. Wurde als Çirkin Kral („König des Hässlichen") Volksheld in Action- und Melodramfilmen.

Ab 1960er Jahren auch Regisseur und Drehbuchautor. Politische Filme: Umut (Hoffnung, 1970), Ağıt (Klagelied, 1971). Mehrfach inhaftiert wegen politischer Tätigkeit und literarischer Arbeiten. 1974 wegen mutmaßlichen Mordes an einem Richter verurteilt — Schuld umstritten.

Aus dem Gefängnis schrieb er Drehbücher, die von Kollegen verfilmt wurden: Sürü (Die Herde, 1978, Regie Zeki Ökten), Yol (Der Weg, 1982, Regie Şerif Gören). Oktober 1981: Flucht aus Imrali; Exil in Paris. 1982: Goldene Palme in Cannes für Yol. 1983: Eigenregie Duvar (Die Mauer). Gestorben 9. September 1984 an Magenkrebs in Paris; bestattet auf Père Lachaise neben Édith Piaf.

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Rainer Werner Fassbinder

ڕاینەر ڤێرنەر فاسبیندەر
31.5.1945 – 10.6.1982 · Bad Wörishofen → München → Berlin

Geboren am 31. Mai 1945 in Bad Wörishofen, Bayern — drei Wochen nach Kriegsende. Schwierige Kindheit; Mutter Lilo Pempeit (Übersetzerin), Vater Arzt (Eltern getrennt). Ab 1966 in München, Schauspielerausbildung; ab 1968 in der bohème-queeren antiteater-Gruppe.

Erstes Spielfilm-Debüt: Liebe ist kälter als der Tod (1969). Innerhalb von 14 Jahren über 40 Spielfilme, Fernsehfilme und Serien: Die bitteren Tränen der Petra von Kant (1972), Angst essen Seele auf (1974), Effi Briest (1974), In einem Jahr mit 13 Monden (1978), Die Ehe der Maria Braun (1979, Welthit), Berlin Alexanderplatz (1980, 15,5-Stunden-Fernsehserie nach Döblin), Lola (1981), Veronika Voss (1982, Goldener Bär).

Hauptfigur des Neuen Deutschen Films (gemeinsam mit Wenders, Herzog, Schlöndorff). Sein Kino zerlegt das westdeutsche Wirtschaftswunder als Lebenslüge. Gestorben am 10. Juni 1982 an einer Mischintoxikation (Kokain und Schlaftabletten). Alter: 37 Jahre.

🔍 Synoptischer Vergleich بەراوردی ڕاستەوخۆ

Achse Yılmaz Güney R.W. Fassbinder
Lebensspanne 1937–1984 (47 Jahre). Magenkrebs in Paris. 1945–1982 (37 Jahre). Mischintoxikation in München.37 ساڵ. ئەفیون و قورس لە مۆنیخ.
Hintergrund Kurdischer Vater aus Siverek, Zaza-Kurdin als Mutter; Aufwachsen in Adana, prekäre Verhältnisse. Bayerischer Mittelstand; getrennte Eltern; schwierige Kindheit, früh autonom.پاشخانی باوارییە، باوک و دایک جیابوون، منداڵی قورس.
Anfänge Schauspieler im türkischen Volkskino der 50er/60er; „Çirkin Kral" („König des Hässlichen") als Volksheld der Melodramen. Antiteater-Gruppe München 1968; Eintritt in den Neuen Deutschen Film mit Liebe ist kälter als der Tod (1969).گرووپی ‹ئەنتی تیاتر› لە مۆنیخ، 1968.
Hauptwerke Umut (1970), Ağıt (1971), Sürü (1978), Yol (1982, Goldene Palme Cannes), Duvar (1983). Petra von Kant (1972), Angst essen Seele auf (1974), Maria Braun (1979), Berlin Alexanderplatz (1980), Veronika Voss (1982, Goldener Bär).ماریا براون، بەرلین ئالێکساندەرپلاتس، ڤێرۆنیکا ڤۆس.
Werkstatt Gefängniszelle als Schreibwerkstatt; Drehbücher von Mitarbeitern verfilmt; ab 1981 Pariser Exil-Studio. Münchner Filmateliers; bohème-Wohngemeinschaft als Produktionsstätte; Hyperproduktivität.ستۆدیۆکانی مۆنیخ، کۆمەڵگەی هاوژینی هونەری.
Politische Pointe Kritik der türkischen Gesellschaft aus Sicht der Marginalisierten (Kurden, Arbeiter, Häftlinge, Frauen). Kritik des westdeutschen Wirtschaftswunders als Lebenslüge; Gewalt der bürgerlichen Familie; Außenseiter (Gastarbeiter, Queers, Frauen).ڕەخنە لە دوای جەنگ و دوای ‹کوژەکی ئابووری›ـی ئاڵمانی.
Internationale Anerkennung Goldene Palme Cannes 1982 (Yol, geteilt mit Costa-Gavras' Missing); Pierre-Mathieu-Schmidt-Preis u.a. Goldener Bär Berlinale 1982 (Veronika Voss); Bundesfilmpreise; weltweite Retrospektiven seit den 1980ern.ئاژووژی زێرین لە بێرلیناڵە، 1982.
Erbe Symbol des kurdischen Kinos; bahnte den Weg für die nächste kurdische Filmgeneration (Hîner Saleem, Bahman Ghobadi, Jano Rosebiani). Wichtigster deutscher Filmkünstler des 20. Jhs. neben Lang und Wenders; bis heute Pflichtprogramm aller Filmstudien.گرنگترین سینەماکاری ئاڵمانی سەدەی بیستەم.

🎥 I. Politik des Autorenkinos ڕامیاریی سینەمای نووسەرانە

Yılmaz Güney begann seine Karriere als Schauspieler im türkischen Volkskino der 1960er Jahre — einer Industrie, die mit hunderten von Filmen pro Jahr (Yeşilçam) das schiere Volumen Hollywoods spiegelte, aber ästhetisch oft kommerziell-melodramatisch blieb. Güney wurde in diesem System zum Star der Arbeiter- und Marginalisierten-Rolle. Doch früh schon ergänzte er das Schauspiel um eigene Drehbücher, dann um eigene Regieführung. 1970 erschien sein erster wirklich politischer Film: Umut („Hoffnung") — die Geschichte eines verarmten Kutschers in Adana, der vergeblich nach einem vergrabenen Schatz sucht und dabei seine Familie verliert. Mit diesem Film verließ Güney das Yeşilçam-System und betrat das, was wir kritisches Autorenkino nennen.

Der Kameramann ist kein Vermittler — er ist Zeuge. Mein Kino ist Zeugnis, nicht Unterhaltung. Sinngemäß im Geist Güneys Selbstverständnisses (Paraphrase aus Interviews und Vorworten)

Fassbinder vollzieht im westdeutschen Kontext denselben Schritt — vom kommerziellen Genre-Kino weg, hin zu einer scharf-kritischen Kunst. Mit der Münchner antiteater-Gruppe schafft er seit 1968 die Grundlage für sein Filmschaffen. Sein Erstling Liebe ist kälter als der Tod (1969) ist ein Gangster-Film, der die deutsche Versionsgenre-Tradition zugleich aufgreift und ironisiert. Fassbinder ist der wichtigste Autorenfilmer des Neuen Deutschen Films — und er weiß, dass das Kino in seinem Land bisher gelogen hat.

Ich will, dass meine Filme so genau sind wie Glasscherben — dass man sich an ihnen schneidet. Sinngemäße Selbstdarstellung Fassbinders in Interviews; Paraphrase eines wiederkehrenden Topos

Die strukturelle Parallele: Beide nutzen das Kino als politisch-ästhetisches Werkzeug der Wahrheitsfindung. Aber das ist nicht naive Propaganda, sondern handwerkliche Kunst. Güneys Filme sind formal so vollendet wie Fassbinders; Fassbinders Filme sind politisch so präzise wie Güneys. Beide haben verstanden: Wer das Kino als Waffe nutzt, muss zuerst das Handwerk beherrschen. Sonst wird die Waffe zum Pamphlet, und das Pamphlet bewegt niemanden.

Es ist diese Verbindung von politischem Engagement und ästhetischer Konsequenz, die beide Männer in den Rang der großen Autorenfilmer ihres Jahrhunderts hebt — vergleichbar Visconti, Bergman, Tarkowskij, Kiarostami in anderen nationalen Kontexten.

🔒 II. Gefängnis und Studio als Werkstätten زیندان و ستۆدیۆ وەک کارگە

Die Werkstatt Yılmaz Güneys hatte ungewöhnliche Maße. Von 1972 an saß er — mit Unterbrechungen — wegen verschiedener politischer und juristischer Anklagen in türkischen Gefängnissen, zuletzt in Imrali (jener Insel, auf der später Abdullah Öcalan gefangen gehalten werden sollte). Aus seinen Zellen schrieb er die Drehbücher zu seinen großen Filmen — Sürü, Yol, Duvar — und schickte die Manuskripte über kontrollierte Wege an seine Mitarbeiter draußen, die die Dreharbeiten durchführten. Yol ist im klassischen Sinn ein Stellvertreterfilm: Şerif Gören führte Regie, aber jede Einstellung, jede Dialogzeile war von Güney vorgeschrieben. Das Resultat ist eines der wenigen Filmwerke der Weltgeschichte, das vollständig aus dem Gefängnis heraus geschaffen wurde — und dafür eine Goldene Palme erhielt.

من زیندانم وەک ستۆدیۆ بەکار هێنا. کاتێک تۆ ناتوانیت ڕێگەی خۆت بسوێسپێیت، دڵت دەبیتە ڕێگەکەت. شیکاری و وردبینی و وەفا بە دەنگی نەتەوەکەت، ئەوانە ئامێرەکانی منن. «Ich nutzte das Gefängnis als Studio. Wenn du deinen Weg nicht abschreiten kannst, wird dein Herz zu deinem Weg. Analyse, Aufmerksamkeit und Treue zur Stimme deines Volks — das waren meine Werkzeuge.» Im Geist Güneys schriftlicher Reflexionen aus dem Pariser Exil (Paraphrase)

Fassbinders Werkstatt war anders, aber ebenso extrem. Seine antiteater-Gruppe wurde zur permanenten Produktionsgemeinschaft: Schauspieler:innen, Kameraleute, Produzent:innen, Tontechniker lebten und arbeiteten oft in einem einzigen Münchner Haus. Fassbinder selbst arbeitete nach Augenzeugenberichten 18 Stunden täglich. Sein Output — über 40 Spielfilme in 14 Jahren, dazu zwei Dutzend Fernsehfilme, Bühneninszenierungen, Hörspiele — ist im Filmwesen ohne Parallele. Diese Hyperproduktivität war kein Zufall; sie war Programm. Fassbinder wusste, dass er nicht alt werden würde, und er wollte sein Werk in der ihm gegebenen Zeit vollenden.

Ich schlafe, wenn ich tot bin. Bis dahin: dreißig Stunden am Tag arbeiten, sechzig pro Woche, dreihundert Filme im Leben — das ist nicht genug. Sinngemäß zugespitzt nach Fassbinders Selbstdarstellung in Interviews

Damit zeigen sich zwei extreme, aber verwandte Modelle künstlerischer Arbeit. Güney arbeitete unter äußerem Zwang — die Gefängnisbedingungen, die Verbote, die ständige Bedrohung — und brachte daraus seine konzentrierte Form. Fassbinder arbeitete unter innerem Zwang — einer dämonischen Produktionsbesessenheit, die ihn am Ende verzehrte. In beiden Fällen ist die Werkstatt mehr als ein Arbeitsplatz: Sie ist die physische Form ihrer Vision.

🕯️ III. Früher Tod, langes Echo مەرگی زوو، ئاوازی درێژ

Rainer Werner Fassbinder starb am 10. Juni 1982 in seiner Münchner Wohnung an einer Überdosis Kokain und Schlafmittel. Er war 37 Jahre alt. Sein letzter vollendeter Film, Querelle nach Jean Genets Roman, wurde Monate nach seinem Tod uraufgeführt — eine grelle, traumatische, ästhetisch kompromisslose Arbeit, die zeigt, dass Fassbinder bis zu seinem letzten Atemzug formal weitergegangen war. Sein Tod war das Ende des Neuen Deutschen Films in seiner ersten Generation — Schlöndorff, Herzog, Wenders überlebten, aber das spezifisch fassbinderische Kino starb mit ihm.

Mein Leben war zu schnell für eine Liebe. Meine Filme waren meine Liebe. Sie werden bleiben. Sinngemäß im Geist Fassbinders Selbstreflexion (Paraphrase)

Yılmaz Güney starb zwei Jahre und drei Monate später, am 9. September 1984, in Paris an Magenkrebs. Er war 47 Jahre alt. Seine Beerdigung auf dem Friedhof Père Lachaise — er liegt nahe Édith Piaf, Honoré de Balzac und Oscar Wilde — war eine Versammlung der kurdischen und türkischen Diaspora in Frankreich; tausende kamen, viele in Kurmancî und Türkisch zugleich trauernd. Sein Tod war ein Ereignis, das in der türkischen offiziellen Politik kaum gewürdigt wurde, in der kurdischen Diaspora aber mit der Wucht eines nationalen Verlusts erlebt wurde.

من نا کۆچی دوایی دەکەم — فیلمەکانم مردنە. کوردستان لە دیمەنی ‹یۆڵ›ـدا دەژیێتەوە، چونکە من سنووری ‹نا› نووسیویەتم لە کاغەزی هۆشمدا. ئەوەی کە دیمەنی بکا، نامرێت. «Ich sterbe nicht — meine Filme sind das Sterben. Kurdistan lebt in der Einstellung von ‚Yol' weiter, weil ich die Grenze des ‚Nein' auf dem Papier meines Bewusstseins geschrieben habe. Wer Bilder macht, stirbt nicht.» Im Geist Güneys Spätreflexion in Paris (Paraphrase)

Das gemeinsame Erbe der beiden Männer ist im Grunde dasselbe — auch wenn die nationalen Kontexte verschieden waren. Beide haben ihrem Kino eine Form gegeben, die ohne sie nicht möglich gewesen wäre und die nach ihnen weitergetragen wurde. Fassbinder ist der direkte Vorläufer der zweiten und dritten Generation des deutschen Autorenfilms (Christian Petzold, Andreas Dresen, Maren Ade). Güney ist der direkte Vorläufer des kurdischen Autorenfilms (Bahman Ghobadi, Hîner Saleem, Jano Rosebiani, später Lisa Çalan, Kazım Öz, Hüseyin Tabak) — eines Kinos, das ohne ihn vielleicht nie entstanden wäre.

Beide Männer starben jung, aber ihr Werk lebt länger als die meisten Lebensläufe. Beide hatten gewusst: Das Kino ist die einzige Kunstform, die den Tod ihres Schöpfers in echte Zeit übersetzt. Wenn der Film läuft, lebt der Filmemacher.

🪞 Parallel-Zitate وتنی هاوبەش

Yılmaz Güney · 1982
„Yol bedeutet ‚der Weg'. Aber es gibt keinen Weg, der nicht in die Heimat zurückführt — und keine Heimat, die nicht selbst ein Weg ist."
Sinngemäß aus Güneys Pariser Reflexionen 1982/83 zum Yol-Konzept; die kurdisch-türkische Doppelbedeutung des Wortes „Weg".
Fassbinder · 1979
„Maria Braun ist Deutschland. Sie hat einen Mann verloren und einen anderen geheiratet, sie hat einen amerikanischen Liebhaber gehabt, sie ist reich geworden — und am Ende explodiert sie."
Sinngemäß zur Allegorie von „Die Ehe der Maria Braun"; Maria Braun als Personifikation der Bundesrepublik im Wirtschaftswunder.
Güney · 1984
„Wer mich begräbt, begräbt einen Filmstreifen. Vergräbt ihn neben Édith Piaf — sie hat den Schmerz gesungen, ich habe ihn gedreht."
Sinngemäßer Wunsch Güneys vor seinem Tod 1984; tatsächlich auf Père Lachaise bestattet, nahe Édith Piafs Grab.
Fassbinder · 1982
„Ich habe versucht, das Haus dieser Republik zu beschreiben — Zimmer für Zimmer. Wenn ich fertig bin, sind alle Türen offen."
Sinngemäß zu Fassbinders BRD-Trilogie (Maria Braun, Lola, Veronika Voss) als Allegorie der bundesrepublikanischen Geschichte 1945–55.

📚 C2-Glossar فەرهەنگ

Autorenkino, das · Autorenfilm
سینەمای نووسەرانە
Französisch cinéma d'auteur (Truffaut, Godard, 1950er). Filmkunst, in der Regisseur:in als persönliche Künstler:in fungiert, nicht als Industrieangestellte:r. Güney und Fassbinder als Hauptbeispiele.
Neuer Deutscher Film, der
سینەمای نوێی ئاڵمانی
Bewegung des westdeutschen Autorenkinos 1962 (Oberhausener Manifest) bis ~1982. Fassbinder, Wenders, Herzog, Schlöndorff, Kluge als Hauptfiguren.
Yeşilçam, das
یەشیلچام (سینەمای کۆمێرشیی تورکی)
Türkisches kommerzielles Genre-Kino der 1950er–80er (nach der Straße in Istanbul, in der die Produktionsfirmen saßen). Güney war zunächst ein Yeşilçam-Star.
Goldene Palme, die
پاڵمی زێرین
Hauptpreis der Filmfestspiele von Cannes seit 1955. Güney erhielt sie 1982 für Yol (geteilt mit Costa-Gavras' Missing).
Goldener Bär, der
ئاژووژی زێرین
Hauptpreis der Berlinale (Berliner Filmfestspiele) seit 1951. Fassbinder erhielt ihn 1982 für Veronika Voss — wenige Monate vor seinem Tod.
antiteater, das
ئەنتی تیاتر
1968 in München gegründete Theatergruppe um Fassbinder; Keimzelle seiner Filmkollektive. Kennzeichnend: bohème-Lebensgemeinschaft, queere Offenheit, antibürgerliche Ästhetik.
Çirkin Kral, der · „König des Hässlichen"
پاشای ناخۆش (لەقەبی فیلمی گوناوی)
Spitzname Yılmaz Güneys aus seinen Yeşilçam-Jahren als Arbeiter- und Marginalisierten-Held. Sein bürgerlich-attraktives Gegenteil und doch volksnah.
Wirtschaftswunder, das
کاری مەزن ئابووری ئاڵمانی
Wirtschaftliche Wiederaufbau-Phase der BRD ca. 1948–1973. Fassbinders Filme zeigen den verdrängten Preis dieses Wunders: Konformismus, Heuchelei, ausgeschlossene Gruppen.
BRD-Trilogie, die
سێ کۆمەڵەی ئاڵمانیای ڕۆژئاوا
Fassbinders dreiteilige Allegorie der BRD-Geschichte: Die Ehe der Maria Braun (1979), Lola (1981), Die Sehnsucht der Veronika Voss (1982).
Yol — „Der Weg"
یۆڵ — «ڕێگە»
Güneys Hauptwerk (1982), gedreht von Şerif Gören nach Güneys Gefängnis-Drehbuch. Fünf Häftlinge in Hafturlaub durch die Türkei — Allegorie der kurdisch-türkischen Wirklichkeit.
Stellvertreterfilm, der
فیلمی نوێنەرایەتی
Film, der durch eine:n Stellvertreter:in für den verhinderten Hauptautor inszeniert wird. Yol ist das klassische Beispiel: Güney als Drehbuchautor/Konzeptregisseur, Şerif Gören als Set-Regisseur.
Père Lachaise, der
پێر لاشێز (گۆڕستانی پاریس)
Pariser Friedhof, gegründet 1804. Ruhestätte berühmter Künstler:innen — u.a. Balzac, Wilde, Piaf, Jim Morrison; seit 1984 auch Yılmaz Güney.

🎯 Verständnis-Quiz ئەزموونی تێگەیشتن

Sieben Fragen — C2-Niveau

1. Wie alt waren Güney und Fassbinder bei ihrem Tod?
2. Welcher Film Güneys gewann 1982 in Cannes die Goldene Palme?
3. Welche Filmbewegung repräsentierte Fassbinder?
4. Was war die besondere Werkstatt-Situation Yılmaz Güneys ab 1972?
5. Was bezeichnet Fassbinders BRD-Trilogie?
6. Wo wurde Yılmaz Güney 1984 bestattet?
7. Welche strukturelle Parallele verbindet Güney und Fassbinder am stärksten?
Wähle die Antworten — du erhältst sofort Feedback.

🎬 Wer Bilder macht, stirbt nicht. Wer früh stirbt, hinterlässt scharfe Bilder.

Yılmaz Güney und Rainer Werner Fassbinder haben einander nie gekannt. Aber wer ihre Filmografien nebeneinanderhält, sieht zwei Männer, die das Kino als Werkzeug der Wahrheit gegen die offizielle Lüge ihrer Gesellschaft eingesetzt haben — und die beide für diese Arbeit mit ihrem frühen Leben bezahlt haben. 1982 war ihr Höhepunkt: die Goldene Palme in Cannes, der Goldene Bär in Berlin. Wenige Wochen später war Fassbinder tot, zwei Jahre danach Güney. Wer ihre Filme auf C2 sieht, sieht zwei kompromisslose Werkstätten, in denen Film Wahrheit hieß.

🎬 ئەوەی دیمەن دروست دەکا، نامرێت. ئەوەی زوو دەمرێت، دیمەنی تیژ جێ دەهێڵێت.

یلماز گونای و فاسبیندەر هەرگیز یەکترییان نەناسیووە. بەڵام هەرکەس فیلمۆگرافیی هەردووکیان لە تەنیشت یەکترەوە بێنێتەوە، دوو پیاو دەبینێت کە سینەمایان وەک ئامێری ڕاستی لە دژی درۆی فەرمیی کۆمەڵگاکانیان بەکار هێناوە — و هەردووکیان لە بەرامبەری ئەم کارەدا ژیانی گەنجیان دایە. ساڵی 1982 لووتکەی هەردووکیان بوو: پاڵمی زێرین لە کان، ئاژووژی زێرین لە بێرلین. چەند هەفتە دواتر فاسبیندەر مرد، دوو ساڵ پاش ئەوە گونای. هەرکەس لە ئاستی C2 فیلمەکانیان ببینێت، دوو کارگەی بێ ساختەکاری دەبینێت، کە لێیاندا فیلم واتای ڕاستیی هەبوو.

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