C2 · MASTERY · BRÜCKE

Sophie Scholl ↔ Leyla Qasim سۆفی شۆڵ و لەیلا قاسم

Zwei junge Frauen, zwei Diktaturen, ein gemeinsamer Mut: das Wort gegen das Unrecht zu setzen, auch wenn es das eigene Leben kostet. Eine vergleichende Reise zwischen dem München von 1943 und dem Bagdad von 1974 — auf C2-Niveau.

Am 22. Februar 1943 wurde in München eine 21-jährige Studentin der Biologie und Philosophie hingerichtet. Drei Tage zuvor war sie zusammen mit ihrem älteren Bruder Hans im Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität verhaftet worden — sie hatten Flugblätter der „Weißen Rose" verteilt. Einunddreißig Jahre später, am 13. Mai 1974, wurde in Bagdad eine 21-jährige Studentin der Soziologie gehängt. Sie war kurdische Aktivistin gewesen, hatte sich in der Studentenbewegung engagiert und galt der Baath-Diktatur als Bedrohung. Sophie Scholl und Leyla Qasim haben nie voneinander gewusst. Aber wer ihre Lebenslinien nebeneinanderhält, sieht zwei junge Frauen, die zur selben Schlussfolgerung kamen: Es gibt einen Punkt, an dem das Schweigen Verrat ist.

Beide kamen aus relativ gebildeten Familien. Beide studierten — Sophie an der LMU München, Leyla an der Universität Bagdad. Beide schlossen sich Bewegungen gegen ein totalitäres Regime an — Sophie der „Weißen Rose", Leyla der kurdischen Nationalbewegung um Mustafa Barzanis KDP. Beide wurden nach kurzem Schauprozess hingerichtet. Beide wurden zu Symbolen: Sophie für den christlich-bürgerlichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Leyla für die kurdische Frauenbewegung gegen die irakische Baath-Diktatur. Beide tragen heute Schulen, Stiftungen, Plätze und Preise ihren Namen.

«سۆفی شۆڵ لە مۆنیخ، لەیلا قاسم لە بەغداد — هیچ ئاشنایی نەبوون، بەڵام هەردووکیان لە تەمەنی 21 ساڵیدا سێدارەدران. هەردووکیان خوێندکار بوون، هەردووکیان لە ژێر سێبەری دیکتاتۆریدا کاریان کرد، هەردووکیان تا کۆتایی ژیان دانیان بە مافی هاووڵاتیی و ئازادییدا. سۆفی نازییەکانی بەرنەدا، لەیلا بەعسەکانی بەرنەدا — و هەردووکیان تا ئەمڕۆش وەک ستێرەی شکۆی هۆشیاریی نەتەوەکانیان دەدرەوشێنەوە.»

📜 Zwei junge Leben دوو ژیانی گەنج

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Sophie Magdalena Scholl

سۆفی ماگدالێنا شۆڵ
9.5.1921 – 22.2.1943 · Forchtenberg → Ulm → München

Vierte von sechs Geschwistern, Tochter des Beamten und späteren liberalen Bürgermeisters Robert Scholl. Christlich-bürgerliche Erziehung in Ulm. Nach dem Abitur Reichsarbeitsdienst (Pflicht), dann Kindergärtnerin in Blumberg. Frühjahr 1942 Studienbeginn an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) — Biologie und Philosophie. Lektüre Augustinus, Newman, religiöse Reflexion.

Sommer 1942: Beitritt zur Widerstandsgruppe ihres Bruders Hans — Die Weiße Rose. Verteilung von sechs Flugblättern in München, Augsburg, Wien, Berlin, Hamburg — Aufruf zur Selbstbesinnung der akademischen Jugend gegen den NS-Staat.

18. Februar 1943: Verhaftung im Lichthof der LMU beim Verteilen der Flugblätter. 22. Februar 1943: Volksgerichtshof-Schauprozess unter Roland Freisler. Verurteilung zum Tode am selben Tag. Am Nachmittag enthauptet im Strafgefängnis München-Stadelheim. Alter: 21 Jahre.

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Leyla Qasim

لەیلا قاسم
14.12.1952 – 13.5.1974 · Xaneqîn → Bagdad

Geboren in Xaneqîn (Khanaqin) in einer kurdischen Familie aus dem irakischen Kurdistan. Übersiedlung der Familie nach Bagdad. Studium der Soziologie an der Universität Bagdad. Verlobung mit ihrem Mitstreiter Cevad Hemewendi.

Aktiv im Kurdischen Studentenverein (KSSE — Komeleya Xwendekarên Kurd) und in der Bewegung um Mustafa Barzanis Demokratische Partei Kurdistans (KDP). Engagierte sich besonders für die Rechte kurdischer Frauen — ein Doppelfront-Kampf gegen die irakische Baath-Diktatur und gegen patriarchalische Traditionen.

April 1974: Verhaftung durch den Mukhabarat. Sie wurde mit vier Mitstreitern (Cevad Hemewendi, Nerîman Fuad Mestî, Hesen Hama Reşîd, Azad Sleman) angeklagt, eine Entführung Saddam Husseins geplant zu haben. 12./13. Mai 1974: Schauprozess. Am 13. Mai 1974 im Gefängnis Abu Ghraib gehängt. Alter: 21 Jahre. Sie gilt als erste kurdische politische Märtyrerin der Neuzeit.

🔍 Synoptischer Vergleich بەراوردی ڕاستەوخۆ

Achse Sophie Scholl Leyla Qasim
Alter bei Hinrichtung 21 Jahre (geb. 9.5.1921, hingerichtet 22.2.1943). 21 Jahre (geb. 14.12.1952, hingerichtet 13.5.1974).21 ساڵ — هەمان تەمەن وەک سۆفی.
Regime Nationalsozialistisches Deutschland; Hitler-Diktatur; Kriegszeit (Stalingrad gerade verloren). Baath-Diktatur im Iraq (Ahmed Hassan al-Bakr Präsident, Saddam Hussein faktisch mächtigster Mann); Verfolgung der kurdischen Bewegung; Vorabend des Krieges 1974/75.ڕژێمی بەعس و سەردەمی پێش جەنگی 1974/75ی کوردستان.
Studium Biologie und Philosophie an der LMU München (ab Frühjahr 1942). Soziologie an der Universität Bagdad.کۆمەڵناسی لە زانکۆی بەغداد.
Widerstandsgruppe Die Weiße Rose — studentische, christlich-konservativ und liberal motivierte Widerstandsgruppe (Hans Scholl, Sophie Scholl, Christoph Probst, Alexander Schmorell, Willi Graf, Prof. Kurt Huber u.a.). Kurdischer Studentenverein und KDP-Umfeld; kurdische Nationalbewegung um Mustafa Barzani. Auch Frauenrechtskampagnen.یەکێتیی خوێندکارانی کورد و کۆمەڵە ڕامیارییەکانی نزیک پارتی دیموکراتی کوردستان.
Vorwurf „Hochverrat, Feindbegünstigung und Wehrkraftzersetzung" — Verteilung von Flugblättern, die das NS-Regime stürzen sollten. Angebliche Beteiligung an einem Plan, Saddam Hussein zu entführen; politische Tätigkeit für die kurdische Sache.بوختانی پلانی ڕفاندنی سەددام و کاری ڕامیاری نەتەوەیی.
Prozess Volksgerichtshof-Schauprozess unter Roland Freisler, 22.2.1943, München. Dauer: wenige Stunden. Verteidigung wirkungslos. Schauprozess vor Militärgericht der Baath-Regierung, Bagdad, 12./13. Mai 1974. Verteidigung wirkungslos.دادگاکردنی شانۆیی لە لایەن دادگای سەربازیی بەعسەوە، 12-13ی ئایاری 1974.
Hinrichtung Enthauptung durch Guillotine, München-Stadelheim, 22.2.1943, gemeinsam mit Hans Scholl und Christoph Probst. Hinrichtung durch Hängen, Abu Ghraib (Bagdad), 13.5.1974, gemeinsam mit Cevad Hemewendi, Nerîman Mestî, Hesen Hama Reşîd, Azad Sleman.سێدارەدان بە هەڵواسین لە زیندانی ئەبو غریب، تەنیشت چوار هاوڕێی.
Erbe Symbol des deutschen christlich-bürgerlichen Widerstands; Schulen, Plätze, Forschungsstiftungen tragen ihren Namen; weltweite Rezeption. Erste kurdische Märtyrerin der Neuzeit; Symbol der kurdischen Frauenbewegung; 13. Mai = inoffizieller „Tag der kurdischen Frau" in Teilen Kurdistans.یەکەم شەهیدی ژنی نوێی کورد، هێما بۆ بزووتنەوەی ژنانی کورد.

✊ I. Widerstand & Ideal بەرگری و ئاسۆ

Sophie Scholl wuchs in einer Familie auf, in der politische Selbstständigkeit selbstverständlich war. Ihr Vater Robert Scholl hatte als Bürgermeister bereits 1933 öffentlich gegen den nationalsozialistischen Machtanspruch Stellung bezogen. Die Weiße Rose, der sie sich im Sommer 1942 anschloss, war keine politische Organisation im üblichen Sinn. Sie war ein Kreis junger Akademiker:innen, die — geprägt von christlicher Ethik, deutscher Klassik und Augustinus — zur Überzeugung gekommen waren, dass Schweigen unter dem NS-Regime gleichbedeutend mit Mittäterschaft war. Ihre Waffe war das Flugblatt — sechs in Münchner Schreibmaschinenschrift, vervielfältigt im Hinterzimmer, verteilt mit Briefmarken aus eigener Tasche.

Wir wollen keine Helden sein, sondern Bürger. Aber wenn das Bürgersein selbst gefährlich wird, dann müssen wir gefährlich sein. Im Geist der Weißen Rose (Paraphrase aus den Flugblättern)

Leyla Qasims Weg verlief unter anderen Vorzeichen. Sie wuchs in einer Zeit auf, in der die kurdische Frage im Iraq nicht eine Frage des politischen Stils war, sondern eine Frage des physischen Überlebens. Die Baath-Partei hatte ab 1968 die Macht übernommen; ihre Politik gegenüber den Kurden schwankte zwischen Konzessionen und brutaler Verfolgung. Leyla war Studentin in Bagdad, also im Zentrum der arabisch-irakischen Welt — und gleichzeitig Aktivistin für eine Bewegung, die in dieser Welt offiziell verfemt war.

من ژیانی خۆم پێشکەش دەکەم، تاکوو ژنی کورد دەنگی هەبێت — تاکوو خوێندکاری کورد بتوانێت بە زمانی خۆی هۆنراوە بنووسێت. ئەگەر من بمرم، با کوردستان بژی. «Ich opfere mein Leben, damit die kurdische Frau eine Stimme hat — damit die kurdische Studentin in ihrer eigenen Sprache dichten kann. Wenn ich sterbe, möge Kurdistan leben.» Leyla Qasim zugeschrieben (Variante des berühmten letzten Spruchs; Paraphrase)

Das letzte Wort „Bila ez bimirim, da Kurdistan bijî" („Lasst mich sterben, damit Kurdistan lebe") wird Leyla Qasim seit ihrer Hinrichtung zugeschrieben. Ob sie es genau in dieser Form ausgesprochen hat, ist historisch nicht vollständig gesichert; sicher ist, dass es zum Wahlspruch ganzer Generationen kurdischer Aktivist:innen wurde. Es ist die kurdische Variante dessen, was Sophie Scholl in ihren letzten Tagen geschrieben hat: „Ein Ende mit Schrecken ist besser als ein Schrecken ohne Ende." Beide Frauen haben — jede in ihrer eigenen Sprache — denselben Satz formuliert: Es gibt Werte, die größer sind als das eigene Leben.

⚖️ II. Prozess, Würde, Tod دادگا، شکۆ و مردن

Der Schauprozess vor dem Volksgerichtshof am 22. Februar 1943 war keine Rechtsverhandlung im Sinne eines Rechtsstaats — er war eine politische Inszenierung. Roland Freisler, der berüchtigte Vorsitzende des VGH, schrie die Angeklagten an, unterbrach sie, lehnte Verteidigungsanträge ab. Sophie Scholl entgegnete ihm — nach Zeugenberichten — mit ruhiger Klarheit: „Was wir sagten und schrieben, denken viele andere auch. Sie wagen es bloß nicht auszusprechen." Das ist nicht bloß Mut — das ist eine philosophische These über die strukturelle Verlogenheit der Diktatur: dass sie nur deshalb funktioniert, weil die meisten Menschen das, was sie denken, nicht aussprechen.

Es lebe die Freiheit! Hans Scholl, letzte Worte vor der Hinrichtung am 22.2.1943, bezeugt durch Mitgefangene; auch Sophie soll Ähnliches ausgerufen haben

Der Schauprozess am 12./13. Mai 1974 in Bagdad lief nach einem ähnlichen Muster ab. Leyla Qasim und ihre Mitstreiter wurden vor einem Militärgericht der Baath-Regierung angeklagt. Foltervorwürfe stehen bis heute im Raum; mehrere Zeitzeug:innen haben über die Misshandlungen in der Untersuchungshaft berichtet. Das Urteil war von vornherein festgelegt: Todesstrafe durch Hängen. Auch hier war die Verhandlung Inszenierung; auch hier ging es nicht um Recht, sondern um Abschreckung.

من ناترسم. تەنیا یەک ژیانم هەیە، و من ئەو ژیانە بە سەربەرزی پێشکەش دەکەم بە خاکەکەم. «Ich habe keine Angst. Ich habe nur ein Leben, und dieses Leben gebe ich mit erhobenem Kopf meiner Erde.» Im Sinne der Leyla Qasim zugeschriebenen Worte im Gericht (Paraphrase)

Was beide Frauen einigt, ist die Würde im Angesicht des Todes. Sie haben weder geschrien noch gebettelt; sie haben nicht widerrufen; sie haben nicht versucht, ihre Mitstreiter zu belasten. Beide haben die Stunden vor der Hinrichtung — Sophie in ihrer Zelle in Stadelheim, Leyla in Abu Ghraib — in einer Haltung verbracht, die spätere Zeitzeug:innen als ungewöhnlich ruhig beschrieben. Sophie soll am Morgen ihres Todestages zu ihren Eltern gesagt haben: „Ich bin so jung, ja. Aber ich gehe ohne Vorwurf." Leyla soll vor dem Galgen gesagt haben: „Bila ez bimirim, da Kurdistan bijî."

Hier zeigt sich, was beide Hinrichtungen zu einem so erschütternden Beispiel macht: Die Diktatur kann den Körper töten, aber sie kann die Haltung nicht töten. Sophie Scholl und Leyla Qasim haben durch die Art, wie sie starben, ihren Mördern gezeigt, dass sie ihnen — bei aller physischen Macht — moralisch unterlegen waren. Diese Erkenntnis war den Tätern unerträglich. Deshalb erfolgten die Hinrichtungen rasch, ohne Öffentlichkeit, in geschlossenen Räumen.

🌹 III. Vermächtnis & Symbol ڕاسپاردە و هێما

Sophie Scholls Erbe ist heute global. In Deutschland tragen mehrere hundert Schulen, Straßen, Plätze ihren Namen. Universitäten haben Forschungszentren nach den Geschwistern Scholl benannt. Es gibt einen Geschwister-Scholl-Preis für gesellschaftspolitische Sachbücher. Filme (Michael Verhoeven, Marc Rothemund), Hörspiele, Theaterstücke, Romane haben das Bild der jungen Widerstandskämpferin in das kulturelle Gedächtnis Deutschlands eingegraben. Im Februar 2003 wurde Sophie Scholl in einer ZDF-Umfrage zur „bedeutendsten Deutschen des 20. Jahrhunderts" gewählt — vor Konrad Adenauer, vor Helmut Schmidt, vor Albert Einstein.

Manche Menschen sind so, dass nach ihrem Tod ihre Wirkung erst beginnt. Paraphrase eines wiederkehrenden Topos in der Scholl-Rezeption

Leyla Qasims Erbe ist regional fokussierter, aber strukturell verwandt. In Süd-Kurdistan (KRG) tragen heute Schulen, Plätze, Stiftungen ihren Namen. Eine bekannte Frauenrechtsorganisation in Sulaimaniya heißt nach ihr; ein Studienpreis für junge kurdische Frauen wurde gestiftet. In der kurdischen Diaspora — besonders in Deutschland, Schweden, Großbritannien — wird der 13. Mai als inoffizieller „Tag der Leyla Qasim" oder „Tag der kurdischen Frau" begangen. Ihr Bild — die junge, ernste Frau mit dem Kopftuch oder dem offenen Haar, je nach Version — ist in den letzten fünf Jahrzehnten zu einer ikonischen Figur geworden.

لیلا قاسم تەنیا مەرگ نییە — بەڵکو ئاسۆیە. ئەو دامەزرێنەری نهێنیی هەموو کۆبوونەوەیەکی هاوچەرخی ژنانی کوردە، چونکە ئەو نیشانمان پێ دەدات: کاتێک کچێکی 21 ساڵان بە سەری بەرزەوە ڕووبەڕووی دیکتاتۆرییەت دەبێتەوە، ئەی دەبێت ئێمە چی بکەین؟ «Leyla Qasim ist nicht nur Tod — sondern Horizont. Sie ist die heimliche Begründerin jeder modernen kurdischen Frauenversammlung, weil sie uns zeigt: Wenn eine 21-Jährige der Diktatur mit erhobenem Kopf gegenübertritt, was sollen wir dann tun?» Aus dem Geist der modernen kurdischen Frauenrechtsbewegung (Paraphrase)

Damit zeigt sich ein bemerkenswerter Befund: Hinrichtungen erzeugen oft das Gegenteil ihrer beabsichtigten Wirkung. Die Nazis wollten die Weiße Rose auslöschen — sie haben sie unsterblich gemacht. Das Baath-Regime wollte die kurdische Bewegung einschüchtern — es hat ihr eine Schutzheilige gegeben. Beide Frauen, die in ihren letzten Stunden glauben mussten, vergeblich gestorben zu sein, sind heute in das kulturelle und politische Gedächtnis ihrer Völker eingegangen wie kaum eine andere Figur ihres Jahrhunderts.

Es bleibt die Frage, ob die beiden Frauen einander gemocht hätten, wenn sie sich begegnet wären. Sicher ist: Sie hätten einander verstanden. Sie hatten dieselbe Ahnung von dem, was Würde heißt. Sie hatten denselben Glauben daran, dass das Leben einen Sinn jenseits seiner selbst hat. Sie haben — jede in ihrer Sprache, in ihrer Religion, in ihrer Tradition — denselben Satz gelebt: Es gibt Dinge, für die zu sterben sich lohnt.

🪞 Parallel-Zitate وتنی هاوبەش

Sophie Scholl · 22.2.1943
„Was wir sagten und schrieben, denken viele andere auch. Sie wagen es bloß nicht auszusprechen."
Sophie Scholls Antwort auf Roland Freisler im Schauprozess, bezeugt durch Justizinspektor Else Gebel und Mitangeklagte; eine der wirkmächtigsten Sätze des deutschen Widerstands.
Leyla Qasim · 13.5.1974
Bila ez bimirim, da Kurdistan bijî. — با من بمرم، تاکوو کوردستان بژی.
„Lasst mich sterben, damit Kurdistan lebe." Leyla Qasim zugeschriebene letzte Worte; in der kurdischen Erinnerung zum nationalen Wahlspruch geworden, in Schulen und auf Gedenksteinen zitiert.
Sophie Scholl · Tagebuch 1942
„Ein Ende mit Schrecken ist besser als ein Schrecken ohne Ende."
Notiz Sophies aus dem Sommer 1942, vor ihrem Beitritt zur Weißen Rose; oft zitiert als Schlüssel zu ihrer Entscheidung.
Tradition · Kurdische Frauenbewegung
ژیانێک بەبێ شکۆ، ژیان نییە. مردنێک بە شکۆ، مردن نییە.
„Ein Leben ohne Würde ist kein Leben. Ein Tod mit Würde ist kein Tod." Sprichwort, das in der Leyla-Qasim-Rezeption häufig zitiert wird; nicht ihr persönlich zugeschrieben, aber strukturell parallel zu Sophies Diktum.

📚 C2-Glossar فەرهەنگ

Weiße Rose, die
گوڵە سپییەکە
1942–43 in München aktive studentische Widerstandsgruppe gegen das NS-Regime. Hauptakteure: Hans und Sophie Scholl, Christoph Probst, Alexander Schmorell, Willi Graf, Prof. Kurt Huber.
Volksgerichtshof, der (VGH)
دادگای گەلی
1934–1945 in Berlin tätiges NS-Sondergericht für „politische Verbrechen". Unter Roland Freisler ab 1942 zur Tötungsmaschine. Mehrere Tausend Todesurteile.
Flugblatt, das
پەڕەی هاوار · بەڵگەنامەی بڵاوکراوە
Vervielfältigte politische Drucksache zum schnellen, klandestinen Verteilen. Sechs Flugblätter der Weißen Rose, im Sommer und Herbst 1942/Anfang 1943 herausgegeben.
Baath-Partei, die
پارتی بەعس
Arabisch-nationalistische Partei, gegründet 1947 in Syrien. Im Iraq ab 1968 an der Macht; nach 1979 vollständig dominiert von Saddam Hussein. Brutale Verfolgung der Kurden.
Kurdische Demokratische Partei (KDP)
پارتی دیموکراتی کوردستان
1946 von Mustafa Barzani gegründete Partei; bis heute eine der zwei großen Parteien Süd-Kurdistans. Leyla Qasim stand der KDP nahe.
Mukhabarat, der
مۆخابەرات (دەزگای زانیاری)
Geheimdienst des irakischen Baath-Regimes. Verantwortlich für die Verhaftung, Folter und das Verschwindenlassen politischer Gegner:innen.
Abu Ghraib
ئەبو غریب
Großes Gefängnis bei Bagdad, berüchtigt unter dem Baath-Regime für massenhafte politische Haft und Hinrichtungen; nach 2003 erneut bekannt durch US-Folterskandal.
Märtyrer:in, der/die · şehîd
شەهید
In der kurdischen wie in der europäischen Tradition: Person, die für ihre Überzeugung den Tod erlitten hat und deshalb posthum verehrt wird.
Schauprozess, der
دادگاکردنی شانۆیی
Politisch inszenierte Gerichtsverhandlung ohne rechtsstaatliche Substanz; Urteil meist vorher fest. Typische Praxis totalitärer Regimes.
Mittäterschaft, die · Mitläufertum, das
هاوبەشیی تاوان · سۆکراوی بێدەنگ
Mitwirkung an Unrecht durch aktives Tun oder durch unterlassenen Widerspruch. Zentralbegriff der Holocaust- und NS-Forschung.
Widerstandsrecht, das
مافی بەرگری
In Verfassungstheorie und Naturrecht: das Recht der Bürger:innen, sich gegen offensichtliches Staatsunrecht zur Wehr zu setzen. Art. 20 Abs. 4 GG.
Kurdische Frauenbewegung, die
بزووتنەوەی ژنانی کورد
Seit den 1970er Jahren in allen Teilen Kurdistans aktive Bewegung für Frauenrechte; Leyla Qasim gilt als ikonische Vorläuferin.

🎯 Verständnis-Quiz ئەزموونی تێگەیشتن

Sieben Fragen — C2-Niveau

1. Wie alt waren Sophie Scholl und Leyla Qasim, als sie hingerichtet wurden?
2. Was war die Weiße Rose?
3. An welcher Universität studierte Sophie Scholl?
4. An welcher Universität studierte Leyla Qasim?
5. Welche letzten Worte werden Leyla Qasim zugeschrieben?
6. Wer war Roland Freisler?
7. Welche strukturelle Parallele verbindet beide Frauen am stärksten?
Wähle die Antworten — du erhältst sofort Feedback.

🕯️ Es gibt Dinge, für die zu sterben sich lohnt — und Frauen, die das wussten.

Sophie Scholl und Leyla Qasim haben einander nie gekannt. Aber wer ihre kurzen Leben nebeneinanderhält, sieht zwei junge Frauen, die in zwei Diktaturen dieselbe Antwort gefunden haben: dass das Schweigen Verrat ist und die Würde nicht verhandelbar. Sie sind im selben Alter gestorben. Sie haben dieselbe Klarheit gehabt. Sie sind heute beide unsterblich. Wer auf C2 ihre Geschichten liest, lernt nicht nur Geschichte — er lernt, was Mut auf Augenhöhe ist.

🕯️ شتگەلێک هەن، کە بۆیان مردن ئەرزشدارە — و ژنانێک، کە ئەم شتانە دەزانن.

سۆفی شۆڵ و لەیلا قاسم هەرگیز یەکترییان نەناسیووە. بەڵام هەرکەس ژیانە کورتەکانیان لە تەنیشت یەکترەوە ببینێت، دوو ژنی گەنج دەبینێت، کە لە ژێر دوو دیکتاتۆریدا یەک وەڵامیان دۆزییەوە: کە بێدەنگی ناپاکییە و شکۆ کاڵا نییە. هەردووکیان لە هەمان تەمەندا مردن. هەردووکیان هەمان ڕوناکییان هەبووە. هەردووکیان ئەمڕۆ نەمرن. هەرکەس لە ئاستی C2 چیرۆکی هەردووکیان بخوێنێتەوە، نا تەنیا مێژوو فێر دەبێت — فێر دەبێت ئازایی لە ئاستێکدا چی واتا دەهێنێت.

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