Xwezil Dîsa Zar Bûma (Wäre ich wieder ein Kind) – Aram Tigran

Ein zutiefst nostalgisches Lied: die Sehnsucht nach der verlorenen Kindheit im ländlichen Kurdistan – materiell arm, aber seelisch reich und frei. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Baskê MinAram Tigran
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DeutschKurmancî
🔁 Refrain (nach jeder Strophe)
Wäre ich doch früh am Morgen erwacht,
سبێ زوو شیار بووما
Sibê zû şiyar bûma
barfuß und ohne festes Gewand [Şal].
پێخاس و بێ شال بووما
Pêxas û bê şal bûma
Mit rissigen Füßen und trockenen Lippen –
لنگتەرکی، لێڤێن زحا
Lingterikî, lêvên ziha
ach, wünschte ich, ich wäre wieder ein Kind.
خوەزل دیسا زار بووما
Xwezil dîsa zar bûma
Strophe 1 · Das Lamm
Wäre ich doch wie ein Lamm ohne Stimme [unschuldig],
چەوا بەرخ بێ زار بووما
Çewa berx bê zar bûma
ohne Haus und ohne festen Besitz.
بێ مال و بێ پار بووما
Bê mal û bê par bûma
Mit einfachem Geist und einer Seele voller Leben –
رحی سادە، دلی جان
Rihî sade, dilî can
ach, wünschte ich, ich wäre wieder ein Kind.
خوەزل دیسا زار بووما
Xwezil dîsa zar bûma
Strophe 2 · Beim Großvater im Zelt
Hätte ich doch Schutz unter dem Zelt gefunden,
ل بن کۆن ستار بووما
Li bin kon star bûma
an der Seite meines alten Großvaters.
ل چاهشمێ کال بووما
Li çahişmê kal bûma
Mit zerzaustem Haar und einem Hemd aus grobem Stoff –
پۆر رتلی، کراس جاو
Por ritilî, kiras caw
ach, wünschte ich, ich wäre wieder ein Kind.
خوەزل دیسا زار بووما
Xwezil dîsa zar bûma
Strophe 3 · Ohne Ruf und Namen
Wäre ich doch auf einem rotbraunen Pferd geritten,
هەسپێ کۆمەیت سیار بووما
Hespê komeyt siyar bûma
von den Bergen hinab in die Täler.
ژ چیێ بەر وار بووما
Ji çiyê ber war bûma
Wäre ich doch ohne Ruf und ohne Namen geblieben –
بماما بێ دەنگ و ناڤ
Bimama bê deng û nav
ganz allein, nur ein einfaches Kind.
هەر تەک تەنێ زار بووما
Her tek tenê zar bûma

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
خوەزلxwezil„wünschte ich doch“, ach wäre
زارzarKind
شیار بوونşiyar bûnaufwachen
پێخاسpêxasbarfuß
بەرخberxLamm
کۆنkondas [Nomaden-]Zelt
کالkalGroßvater, Alter
کراسkirasHemd, Gewand
هەسپhespPferd
بێ دەنگ و ناڤbê deng û navohne Ruf und Namen
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Die Ästhetik der Armut als Freiheit

Begriffe, die sonst Not beschreiben, sind hier positiv besetzt: barfuß (pêxas), rissige Füße (lingterikî), trockene Lippen (lêvên ziha). Diese physische Härte symbolisiert die unmittelbare Verbindung zu Natur und Erde; die Abwesenheit von Kleidung (bê şal) steht für die Abwesenheit gesellschaftlicher Zwänge und Maskeraden.

2
Das Lamm als Unschuld

Der Vergleich mit dem Lamm (berx) ist ein klassisches Motiv: wehrlos, rein, schutzbedürftig. „Wie ein Lamm ohne Stimme“ zu sein heißt, vor der Last der Sprache und der Verantwortung der Erwachsenenwelt – Politik, Leid, Konflikte – zu fliehen. Kindsein als Zustand des reinen Seins.

3
Die Sakralisierung des nomadischen Lebens

Das Zelt (kon) und der Großvater (kal) repräsentieren die Wurzeln der kurdischen Identität: Das Zelt ist kein Symbol der Not, sondern der Geborgenheit (star); der Großvater verweist auf mündliche Überlieferung und die Weisheit der Ahnen. Die Welt des Kindes ist durch Tradition und familiäre Nähe geordnet und sicher.

4
Die Namenlosigkeit

Bimama bê deng û nav – wäre ich ohne Ruf und Namen geblieben: In der kurdischen Geschichte ist der „Name“ oft mit Verfolgung oder der Last der Repräsentation verbunden. Ein Kind hat noch keinen Platz in der Geschichte – es ist frei von der Bürde der Identität. Diese Namenlosigkeit erscheint als höchste Form der Freiheit.

5
Die unberührte Natur

Der Ritt auf dem rotbraunen Pferd (hespê komeyt) von den Bergen hinab beschreibt grenzenlose Weite: Das Pferd ist Symbol für Adel und Freiheit. Die Kindheit ist die Zeit, in der Mensch und Tier in vollkommener Harmonie mit der Landschaft Kurdistans lebten.

6
Fazit

Weit mehr als eine Kindheitserinnerung: eine existenzielle Klage über den Verlust der Einfachheit in einer komplexen, oft grausamen Welt. Tigran verwandelt den Text in ein Gebet für die Rückkehr zur Unschuld – wahrer Reichtum liegt in der „Einfachheit des Geistes“ (rihî sade) und der „Lebendigkeit des Herzens“ (dilî can).