Xwezil Dîsa Zar Bûma (Wäre ich wieder ein Kind) – Aram Tigran
Ein zutiefst nostalgisches Lied: die Sehnsucht nach der verlorenen Kindheit im ländlichen Kurdistan – materiell arm, aber seelisch reich und frei. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.
Kurzes Vokabular
| Kurdisch | Umschrift | Bedeutung |
|---|---|---|
| خوەزل | xwezil | „wünschte ich doch“, ach wäre |
| زار | zar | Kind |
| شیار بوون | şiyar bûn | aufwachen |
| پێخاس | pêxas | barfuß |
| بەرخ | berx | Lamm |
| کۆن | kon | das [Nomaden-]Zelt |
| کال | kal | Großvater, Alter |
| کراس | kiras | Hemd, Gewand |
| هەسپ | hesp | Pferd |
| بێ دەنگ و ناڤ | bê deng û nav | ohne Ruf und Namen |
Literarische Analyse
Begriffe, die sonst Not beschreiben, sind hier positiv besetzt: barfuß (pêxas), rissige Füße (lingterikî), trockene Lippen (lêvên ziha). Diese physische Härte symbolisiert die unmittelbare Verbindung zu Natur und Erde; die Abwesenheit von Kleidung (bê şal) steht für die Abwesenheit gesellschaftlicher Zwänge und Maskeraden.
Der Vergleich mit dem Lamm (berx) ist ein klassisches Motiv: wehrlos, rein, schutzbedürftig. „Wie ein Lamm ohne Stimme“ zu sein heißt, vor der Last der Sprache und der Verantwortung der Erwachsenenwelt – Politik, Leid, Konflikte – zu fliehen. Kindsein als Zustand des reinen Seins.
Das Zelt (kon) und der Großvater (kal) repräsentieren die Wurzeln der kurdischen Identität: Das Zelt ist kein Symbol der Not, sondern der Geborgenheit (star); der Großvater verweist auf mündliche Überlieferung und die Weisheit der Ahnen. Die Welt des Kindes ist durch Tradition und familiäre Nähe geordnet und sicher.
Bimama bê deng û nav – wäre ich ohne Ruf und Namen geblieben: In der kurdischen Geschichte ist der „Name“ oft mit Verfolgung oder der Last der Repräsentation verbunden. Ein Kind hat noch keinen Platz in der Geschichte – es ist frei von der Bürde der Identität. Diese Namenlosigkeit erscheint als höchste Form der Freiheit.
Der Ritt auf dem rotbraunen Pferd (hespê komeyt) von den Bergen hinab beschreibt grenzenlose Weite: Das Pferd ist Symbol für Adel und Freiheit. Die Kindheit ist die Zeit, in der Mensch und Tier in vollkommener Harmonie mit der Landschaft Kurdistans lebten.
Weit mehr als eine Kindheitserinnerung: eine existenzielle Klage über den Verlust der Einfachheit in einer komplexen, oft grausamen Welt. Tigran verwandelt den Text in ein Gebet für die Rückkehr zur Unschuld – wahrer Reichtum liegt in der „Einfachheit des Geistes“ (rihî sade) und der „Lebendigkeit des Herzens“ (dilî can).
