Çiyayê Me (Die Rückkehr in Gedanken) – Cegerxwîn / Aram Tigran
Eine schmerzvolle Reise in die verlorene Welt der kurdischen Nomaden: Zelt, Speisekammer, Pferch und Herde – eine fast ethnografische Skizze eines Lebens, das heute meist nur noch in der Erinnerung existiert. Die Berg-Strophen aus „Bilbilo“ entstammen diesem Lied. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.
Kurzes Vokabular
| Kurdisch | Umschrift | Bedeutung |
|---|---|---|
| کۆن | kon | das [Nomaden-]Zelt |
| وار | war | Wohnstätte, Lagerplatz |
| کولین | kulîn | Vorrats-/Speisekammer im Zelt |
| ستێر | stêr | Stapel aus Decken und Betten |
| قولب | qulb | Qibla; hier: Heiligtum des Hauses |
| تەندوور | tendûr | Lehmbackofen |
| چیت و پەردە | çît û perde | Schilfmatten und Vorhänge |
| کۆز | koz | Pferch [für Lämmer] |
| تەولە | tewle | Pferdestall |
| مەخەل | mexel | Ruheplatz der Herde |
Literarische Analyse
Der Text beginnt als mentale Reise: Für den Kurden im Exil oder in der Stadt sind die Berge (çiya) der Inbegriff von Freiheit und Identität. Die Frage „Wie wird es wohl um uns bestellt sein?“ ist das zentrale Motiv – die Angst, dass mit dem Land auch die Seele des Volkes verloren geht. Gesucht wird kein abstraktes Land, sondern das konkrete „Haus der Väter“.
Cegerxwîn beschreibt das Zelt mit fast ethnografischer Genauigkeit: Die Schilfmatten und Vorhänge (çît û perde) trennten die Räume – für ihn keine Gegenstände, sondern die „Adresse“ (navnîşan), die Identitätsmerkmale seiner Herkunft. Der tendûr symbolisiert Wärme, Nahrung und den Mittelpunkt des sozialen Lebens.
Fünfzig Masten in zwei Reihen: ein großer, einflussreicher Haushalt. Dass das Zelt „an den Wegen“ stand, unterstreicht den Stellenwert der Gastfreundschaft – ein großes Zelt war in der Stammeskultur eine Institution des Schutzes (star) für jeden Fremden. Sein Verlust ist auch der Verlust einer moralischen und sozialen Ordnung.
Besonders bewegend: Die Vorrats- und Deckenecke wird mit der Qibla verglichen, der Gebetsrichtung. Der Ort der Lebensgrundlagen wird zum heiligen Zentrum des Hauses – tägliches Überleben und religiöse Andacht verschmelzen. Das Heim ist der Ort, an dem Gott durch das Gebet (dua) präsent ist.
Die letzte Strophe beschreibt die räumliche Ordnung: das Zelt für die Menschen, der Pferch (koz) für die Lämmer, der ferne Stall für die Pferde, die Herde auf der Hochebene. Diese Ordnung zeigt eine tiefe Harmonie mit der Natur; das Wort mexel evoziert eine friedliche, ungestörte Welt vor der Vertreibung.
Eine wehmütige Rekonstruktion einer zerstörten Identität: Cegerxwîn macht den Verlust der Heimat an physischen Details – Masten, Matten, Öfen – fassbar, und Tigrans Gesang gibt den Worten die universelle Dimension des Heimwehs. Es ist das Klagelied eines Volkes, dessen „Adresse“ nun in den Gedanken liegt, während die realen Wohnstätten oft nur noch Ruinen sind.
