Çiyayê Me (Die Rückkehr in Gedanken) – Cegerxwîn / Aram Tigran

Eine schmerzvolle Reise in die verlorene Welt der kurdischen Nomaden: Zelt, Speisekammer, Pferch und Herde – eine fast ethnografische Skizze eines Lebens, das heute meist nur noch in der Erinnerung existiert. Die Berg-Strophen aus „Bilbilo“ entstammen diesem Lied. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Çiyayê MeAram Tigran · Text: Cegerxwîn
0:00
⌨️ Leertaste = Play/Pause · ←/→ = ±5s
DeutschKurmancî
🔁 Refrain (nach jeder Strophe)
Meine Gedanken trugen mich fort zu unseren Bergen,
فکرا ئەز برم چیایێ مە
Fikira ez birim çiyayê me
zum Anblick der Wohnstätten unseres Hauses.
دیتنا وارگا مالا مە
Dîtina warga mala me
In das Land unserer Väter und Ahnen –
وارێ باڤ و کالێ مە
Warê bav û kalê me
wie wird es wohl künftig um uns bestellt sein?
وێ چەوا بە هالێ مە
Wê çewa be halê me
Strophe 1 · Die Spuren des Hauses
Ich sah das Melken unserer Schafe,
م دی بێریا پەزێ مە
Mi dî bêriya pezê me
den Lehmofen unter unserem Laubendach.
تەندوورا بن هێشیا مە
Tendûra bin hêşiya me
Die Spuren der Schilfmatten und Vorhänge,
دەوسا چیت و پەردێ مە
Dewsa çît û perdê me
sie sind die Wahrzeichen [die Adresse] unseres Hauses.
ناڤنیشانێ مالا مە
Navnîşanê mala me
Strophe 2 · Das große Zelt
Unser Zelt war gewaltig groß,
کۆنێ مەیێ مەزن بوو
Konê me yê mezin bû
fünfzig Masten hatte es, in zwei Reihen.
پێنجی ستوونی دو ڕێز بوو
Pêncî stûnî du rêz bû
Es stand direkt am Wege und an den Pfaden
ل سەر ڕێ و دربا بوو
Li ser rê û dirba bû
und war eine Zuflucht für alle Reisenden.
بووی ڕێویا ستار بوو
Bûy rêwiya star bû
Strophe 3 · Das Heiligtum des Hauses
Im Inneren des Zeltes war die Speisekammer,
هێشیا کۆن دا کولین بوو
Hêşiya kon da kulîn bû
neben der Kammer lagen die aufgestapelten Decken.
ڕەخ کولینێ ستێر بوو
Rex kulînê stêr bû
Das war das Heiligtum [die Qibla] des Hauses,
ئەو ژی قولبا مالێ بوو
Ew jî qulba malê bû
dort wurden Gebete und Fürbitten gesprochen.
دوا دورۆزگە لێ بوو
Dua durozge lê bû
Strophe 4 · Die Ordnung des Lagers
Ach, die Mauer befand sich hinter dem Zelt,
ئاخ لێ دیوێر پشت کۆن بوو
Ax lê dîwêr pişt kon bû
der Pferch für die Lämmer lag gleich daneben.
کۆزا بەرخا ل ڕەخ بوو
Koza berxa li rex bû
Der Stall für die Pferde war etwas weiter entfernt,
تەولا هەسپێ وان دوور بوو
Tewla hespê wan dûr bû
und auf der Hochebene ruhte die Herde.
فێز دا مەخەلێ پێز بوو
Fêz da mexelê pêz bû

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
کۆنkondas [Nomaden-]Zelt
وارwarWohnstätte, Lagerplatz
کولینkulînVorrats-/Speisekammer im Zelt
ستێرstêrStapel aus Decken und Betten
قولبqulbQibla; hier: Heiligtum des Hauses
تەندوورtendûrLehmbackofen
چیت و پەردەçît û perdeSchilfmatten und Vorhänge
کۆزkozPferch [für Lämmer]
تەولەtewlePferdestall
مەخەلmexelRuheplatz der Herde
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Topografie der Nostalgie

Der Text beginnt als mentale Reise: Für den Kurden im Exil oder in der Stadt sind die Berge (çiya) der Inbegriff von Freiheit und Identität. Die Frage „Wie wird es wohl um uns bestellt sein?“ ist das zentrale Motiv – die Angst, dass mit dem Land auch die Seele des Volkes verloren geht. Gesucht wird kein abstraktes Land, sondern das konkrete „Haus der Väter“.

2
Die Ästhetik des nomadischen Heims

Cegerxwîn beschreibt das Zelt mit fast ethnografischer Genauigkeit: Die Schilfmatten und Vorhänge (çît û perde) trennten die Räume – für ihn keine Gegenstände, sondern die „Adresse“ (navnîşan), die Identitätsmerkmale seiner Herkunft. Der tendûr symbolisiert Wärme, Nahrung und den Mittelpunkt des sozialen Lebens.

3
Das Zelt der Großzügigkeit

Fünfzig Masten in zwei Reihen: ein großer, einflussreicher Haushalt. Dass das Zelt „an den Wegen“ stand, unterstreicht den Stellenwert der Gastfreundschaft – ein großes Zelt war in der Stammeskultur eine Institution des Schutzes (star) für jeden Fremden. Sein Verlust ist auch der Verlust einer moralischen und sozialen Ordnung.

4
Die Sakralisierung des Alltags

Besonders bewegend: Die Vorrats- und Deckenecke wird mit der Qibla verglichen, der Gebetsrichtung. Der Ort der Lebensgrundlagen wird zum heiligen Zentrum des Hauses – tägliches Überleben und religiöse Andacht verschmelzen. Das Heim ist der Ort, an dem Gott durch das Gebet (dua) präsent ist.

5
Die Ordnung von Natur und Arbeit

Die letzte Strophe beschreibt die räumliche Ordnung: das Zelt für die Menschen, der Pferch (koz) für die Lämmer, der ferne Stall für die Pferde, die Herde auf der Hochebene. Diese Ordnung zeigt eine tiefe Harmonie mit der Natur; das Wort mexel evoziert eine friedliche, ungestörte Welt vor der Vertreibung.

6
Fazit

Eine wehmütige Rekonstruktion einer zerstörten Identität: Cegerxwîn macht den Verlust der Heimat an physischen Details – Masten, Matten, Öfen – fassbar, und Tigrans Gesang gibt den Worten die universelle Dimension des Heimwehs. Es ist das Klagelied eines Volkes, dessen „Adresse“ nun in den Gedanken liegt, während die realen Wohnstätten oft nur noch Ruinen sind.