Şivan im (Ich bin ein Hirte) – Aram Tigran

Die Figur des Hirten zwischen Wildnis und Sehnsucht: allein auf dem Gipfel, inmitten von Schnee und Regen – und verrückt vor Liebe zu seinem „Rebhuhn“. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Baskê MinAram Tigran
0:00
⌨️ Leertaste = Play/Pause · ←/→ = ±5s
DeutschKurmancî
Strophe 1 · Auf dem Gipfel
Ich bin ein Hirte auf dem Gipfel des Berges,
شڤان ئم سەرێ چیێمە
Şivan im serê çiyê me
ich stehe inmitten von Schnee und Regen.
بن بەرفێ بارانێمە
Bin berfê baranê me
Wenn ich dich nicht sehe,
وەختێ ئەز تە نابینم
Wextê ez te nabînim
bin ich verrückt vor Liebe zu dir.
بووی حوبا تە ئەز دینم
Bûy huba te ez dîn im
🔁 Refrain (nach jeder Strophe)
Komm doch, komm herbei, mein Rebhuhn –
وەرە وەرە کەوا من
Were were kewa min
ohne dich finde ich keinen Schlaf.
بێ تە نایێ خەوا من
Bê te nayê xewa min
Strophe 2 · Die ersehnte Zuflucht
Gäbe es eine Zuflucht auf dem Gipfel des Berges,
دامەک هەبوویا سەرێ چیێ
Damek hebûya serê çiyê
wäre ich erlöst von der Kälte des Schnees.
خەلاس بووما ژ بەرفێ
Xelas bûma ji berfê
Käme das Rebhuhn [die Geliebte] zu mir zu Besuch,
کەو بهاتا مێڤانی
Kew bihata mêvanî
würde jener Tag für mich erstrahlen.
ئەو رۆژا م خوەشکانی
Ew roja mi xweşkanî
Strophe 3 · Herde ohne Menschen
Die Herde weidet über mir,
کەری هەیە ژۆرا من
Kerî heye jora min
doch um mich herum ist kein Mensch.
کەس تونە ل دۆرا من
Kes tune li dora min
Am Morgen verlässt mich meine Kraft,
سبێ قەوەت زۆرا من
Sibê qewet zora min
du beachtest mein Zeichen [mein Siegel] nicht.
تو نەخەندن مۆرا من
Tu nexendin mora min

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
شڤانşivanHirte
چیاçiyaBerg
بەرف و بارانberf û baranSchnee und Regen
حوبhubLiebe
کەوkewRebhuhn (Kosename der Geliebten)
مێڤانیmêvanîBesuch, Gastsein
کەریkerîHerde
قەوەتqewetKraft
مۆرmorSiegel, Zeichen
خەوxewSchlaf
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Die Topografie der Isolation

Schauplatz ist der Berggipfel: In der kurdischen Kultur Inbegriff der Freiheit – für den Hirten aber auch Ort absoluter Isolation. Schnee und Regen (berf û baran) sind nicht nur Wetter, sondern Metaphern für äußere Härte und die innere Kälte der Einsamkeit: Der Hirte steht an der Spitze der Welt, doch ohne die Geliebte ist diese Höhe bedeutungslos.

2
Die Geliebte als Rebhuhn

Das Rebhuhn (kew) ist in der kurdischen Poesie das wichtigste Symbol für Schönheit und Stolz der Frau – ein Bergtier, bewundert für graziösen Gang und Unbezähmbarkeit. Indem der Hirte sie „meine Kew“ nennt, erkennt er ihre Zugehörigkeit zu seiner Bergwelt an – und fleht sie zugleich an, ihre Wildheit aufzugeben und zu ihm zu kommen.

3
Menge und Einsamkeit

„Die Herde ist über mir, doch um mich herum ist kein Mensch“ – umgeben von Lebewesen empfindet er tiefe menschliche Leere. Die Arbeit fordert die ganze Kraft, gibt aber keinen emotionalen Rückhalt: das Opfer des Hirtenberufs und der hohe Preis der Einsamkeit.

4
Das Siegel des Herzens

Tu nexendin mora min – du liest mein Siegel nicht: Das mor steht für die Echtheit und Einzigartigkeit der Gefühle. Er hat sein Herz „besiegelt“, ihr ein Zeichen der Treue gesandt – doch sie beachtet es nicht. Die Qual der unbeachteten Liebe raubt ihm am Morgen alle Kraft.

5
Liebe als Wahnsinn

Wie in vielen kurdischen Liebesliedern erscheint die Liebe als Zustand des Wahnsinns (dîn im) und der Schlaflosigkeit (xewa min nayê): Die Natur mit Schnee und Regen kann den Bergmenschen nicht brechen – das Fehlen der Geliebten tut es.

6
Fazit

Eine Hymne an das einsame Herz in einer gewaltigen Landschaft: In der einfachen Sprache der Hirten werden Verzweiflung und das Verlangen nach Geborgenheit ausgedrückt. Selbst die stolzesten Bewohner der Berge kapitulieren vor der Macht der Liebe – ein zeitloses Porträt der kurdischen Seele im Dialog mit Bergen und Tieren ihrer Heimat.