Şivan im (Ich bin ein Hirte) – Aram Tigran
Die Figur des Hirten zwischen Wildnis und Sehnsucht: allein auf dem Gipfel, inmitten von Schnee und Regen – und verrückt vor Liebe zu seinem „Rebhuhn“. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.
Kurzes Vokabular
| Kurdisch | Umschrift | Bedeutung |
|---|---|---|
| شڤان | şivan | Hirte |
| چیا | çiya | Berg |
| بەرف و باران | berf û baran | Schnee und Regen |
| حوب | hub | Liebe |
| کەو | kew | Rebhuhn (Kosename der Geliebten) |
| مێڤانی | mêvanî | Besuch, Gastsein |
| کەری | kerî | Herde |
| قەوەت | qewet | Kraft |
| مۆر | mor | Siegel, Zeichen |
| خەو | xew | Schlaf |
Literarische Analyse
Schauplatz ist der Berggipfel: In der kurdischen Kultur Inbegriff der Freiheit – für den Hirten aber auch Ort absoluter Isolation. Schnee und Regen (berf û baran) sind nicht nur Wetter, sondern Metaphern für äußere Härte und die innere Kälte der Einsamkeit: Der Hirte steht an der Spitze der Welt, doch ohne die Geliebte ist diese Höhe bedeutungslos.
Das Rebhuhn (kew) ist in der kurdischen Poesie das wichtigste Symbol für Schönheit und Stolz der Frau – ein Bergtier, bewundert für graziösen Gang und Unbezähmbarkeit. Indem der Hirte sie „meine Kew“ nennt, erkennt er ihre Zugehörigkeit zu seiner Bergwelt an – und fleht sie zugleich an, ihre Wildheit aufzugeben und zu ihm zu kommen.
„Die Herde ist über mir, doch um mich herum ist kein Mensch“ – umgeben von Lebewesen empfindet er tiefe menschliche Leere. Die Arbeit fordert die ganze Kraft, gibt aber keinen emotionalen Rückhalt: das Opfer des Hirtenberufs und der hohe Preis der Einsamkeit.
Tu nexendin mora min – du liest mein Siegel nicht: Das mor steht für die Echtheit und Einzigartigkeit der Gefühle. Er hat sein Herz „besiegelt“, ihr ein Zeichen der Treue gesandt – doch sie beachtet es nicht. Die Qual der unbeachteten Liebe raubt ihm am Morgen alle Kraft.
Wie in vielen kurdischen Liebesliedern erscheint die Liebe als Zustand des Wahnsinns (dîn im) und der Schlaflosigkeit (xewa min nayê): Die Natur mit Schnee und Regen kann den Bergmenschen nicht brechen – das Fehlen der Geliebten tut es.
Eine Hymne an das einsame Herz in einer gewaltigen Landschaft: In der einfachen Sprache der Hirten werden Verzweiflung und das Verlangen nach Geborgenheit ausgedrückt. Selbst die stolzesten Bewohner der Berge kapitulieren vor der Macht der Liebe – ein zeitloses Porträt der kurdischen Seele im Dialog mit Bergen und Tieren ihrer Heimat.
