Boy Te Dîn im (Deinetwegen bin ich verrückt) – Aram Tigran

Klassische Liebeslyrik im Kurmancî: die leidenschaftliche, fast obsessive Sehnsucht nach einer Unerreichbaren – Liebeswahnsinn, Naturmetaphorik und die soziale Realität des Wartens. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Boy Te Dîn imAram Tigran
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DeutschKurmancî
🔁 Refrain (nach jeder Strophe)
Mädchen, deinetwegen bin ich verrückt [von Sinnen],
کەچێ ژ بۆنا تە ئەز دین ئم
Keçê ji bona te ez dîn im
ich verfasse Lieder [Kilam] über dich.
کلاما ل سەر تە دەرتینم
Kilama li ser te dertînim
Ich lasse meine Augen überall nach dir suchen,
چاڤێ خوە ل تە دگەرینم
Çavê xwe li te digerînim
doch ich kann es kaum glauben, dich jemals zu sehen.
باوەر ناکم تە ببینم
Bawer nakim te bibînim
Strophe 1 · Unter jenem Baum
Am Morgen, am Mittag und am Abend
سبێ نیڤرۆ بەرێڤارێ
Sibê nîvro berêvarê
warte ich auf dich unter jenem Baum.
هیڤیا تە مە ل بن وێ دارێ
Hîviya te me li bin wê darê
Wenn ich dich dann von weitem erblicke,
وەختێ دوور ڤا تە دبینم
Wextê dûr va te dibînim
schmelzen mir das Herz und mein gesamtes Innerstes.
دل و هناڤ تێنە خوارێ
Dil û hinav têne xwarê
Strophe 2 · Die Taube im Nest
Ich sage: „Komm!“, doch warum kommst du nicht?
دبێم وەرە چما نایێ
Dibêm were çima nayê
Du bist die Taube dieser Welt.
تو کەڤۆکا ڤێ دنیایێ
Tu kevoka vê dinyayê
Du verlässt dein Nest einfach nicht,
تو ژ هێلنا خوە دەرنایێ
Tu ji hêlina xwe dernayê
über dir hängen Wolken, es will nicht aufklaren.
سەر تە ئەور ئە نابە سایی
Ser te ewr e nabe sayî
Strophe 3 · Die göttliche Handschrift
Wer hat dir diesen lieblichen Namen gegeben?
ناڤێ تەی خوەش کێ دانیە
Navê tey xweş kê daniye
Wer hat deine roten Wangen so vollkommen geformt?
رووکێ تەی سۆر ل هەڤ ئانیە
Rûkê tey sor li hev aniye
Wer hat diese Augenbrauen und Wimpern [wie mit dem Pinsel] gezeichnet?
بروو بژانگ کشاندیە
Birû bijang kişandiye
Mein Herz ist davor gänzlich dahingeschmolzen.
دلێ من ژ بەر هەلاندی یە
Dilê min ji ber helandî ye

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
دینdînverrückt [vor Liebe]
کلامkilamLied, Gesang
هیڤیhîvîHoffnung, Erwartung
دارdarBaum
هناڤhinavdas Innerste, Eingeweide
کەڤۆکkevokTaube
هێلینhêlînNest
ساییsayîklar, wolkenlos
بروو و بژانگbirû û bijangBrauen und Wimpern
هەلینhelînschmelzen
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Das Motiv des Liebeswahnsinns

Ez dîn im – ich bin verrückt – knüpft an die nahöstliche Tradition von Majnun und Layla an: kein krankhafter Zustand, sondern spirituelle und emotionale Trunkenheit, in der soziale Ordnung und Vernunft ihre Bedeutung verlieren. Der Liebende nimmt seine Welt nur noch durch Lieder (kilam) und die Suche nach ihr wahr.

2
Die Zeitlichkeit des Wartens

Sibê nîvro berêvarê – Morgen, Mittag, Abend: Das Warten füllt das ganze Leben. Der Ort „unter jenem Baum“ ist ein archetypisches Bild der Folklore für heimliche Treffen und Hoffnung. Das Warten ist kein passiver Zustand, sondern aktives Leiden mit körperlicher Wirkung: Herz und Innerstes (dil û hinav) „fallen herab“ beim bloßen Anblick.

3
Die Taube und das Nest

Die Geliebte ist kevok – die Taube: Unschuld, Sanftheit, Scheu. Dass sie ihr Nest (hêlîn) nicht verlässt, kann Schüchternheit bedeuten oder die gesellschaftlichen Schranken des Elternhauses. Die Wolken (ewr), die nicht aufklaren, stehen für Hindernisse und die unglückliche Fügung des Schicksals.

4
Die göttliche Handwerkskunst

Die rhetorischen Fragen der Schlussstrophe – wer gab den Namen, wer formte die Wangen, wer „zeichnete“ Brauen und Wimpern? – betrachten die Schönheit als göttliches Meisterwerk. Die „roten Wangen“ sind in der kurdischen Lyrik das Standardzeichen für Gesundheit, Jugend und Anziehungskraft.

5
Der Dichter als Chronist

Kilama li ser te dertînim – ich bringe Lieder über dich hervor: Der Schmerz wird produktiv. Der Singende verewigt die Geliebte und macht sein privates Leid zum öffentlichen Kulturgut – bezeichnend für Tigran, dessen Musik die Brücke zwischen privatem Gefühl und kollektiver kurdischer Identität schlägt.

6
Fazit

Eine Hymne an die schmerzhafte Bewunderung: unerfüllte Liebe zwischen Hoffnung (das Warten unter dem Baum) und Verzweiflung (nicht glauben, sie je zu sehen). Mit einfachen, tief verwurzelten Symbolen der Dorf- und Gebirgskultur wird ein universelles Gefühl dargestellt – die totale Hingabe an ein Ideal, das man besingen und suchen, aber nie ganz besitzen kann.