Eine leidenschaftliche Liebeshymne: Leylan – der Inbegriff der unerreichbaren Geliebten – vor der Farbenpracht des Frühlings, deren Abwesenheit die helle Welt zum Verbot macht. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.
Strophe 1 · Der Frühling ruft
Leylan, es ist Frühling, die Blumen blühen,
لەیلانێ بوهارە چیچەکێ بهارە
Leylanê buhar e çîçekê bihare
die Sonne ist aufgegangen, nun komm doch her.
تاڤ دەرکەتیە دە تو وەرە
Tav derketiye de tu were
Der Frühling ist farbenfroh, die Rosen berauschend,
بوهارە ڕەنگینە گول ژی بەنگینە
Buhar e rengîn e gul jî bengîn e
Leylan, komm, denn ohne dich ist mein Zustand ein Nichts.
لەیلانێ وەرە هالێ من تو نینە
Leylanê were halê min tu nîn e
Ach, Leylan, Leylan, Leylan, du bist mein Leben.
ئاخ دە لەیلان، لەیلان، لەیلان ئەمرێ منی
Ax de Leylan, Leylan, Leylan emirê min î
Du bist eine Fackel, du leuchtest, dein Glanz traf mein Herz.
تو شەمالی، دتەیسی، شەوقا تە دا دلێ من
Tu şemal î, diteysî, şewqa te da dilê min
Wegen dieses Glanzes bin ich verbrannt – komm, Leylan, in mein Haus.
بۆی وێ شەوقێ وەز شەوتیم، وەرە لەیلان مالا من
Boy wê şewqê wez şewitîm, were Leylan mala min
Strophe 2 · Rose und Lilie
Leylan, du bist die rote Rose und die Lilie des Frühlings,
لەیلانێ سۆرگولێ سۆسنێ بهارە
Leylanê sorgulê sosinê bihar e
mein Herz klagt und stöhnt vor bitterem Schmerz.
دلێ من کەربا زارەزارە
Dilê min kerba zarezar e
So komm doch, Leylan, beeile dich,
دە تو وەرە لەیلانێ زووکە
De tu were Leylanê zûke
lass mich hier in diesem Frühling nicht allein.
من نەهێلە ڤرا تەنێ ڤێ بهارێ
Min nehêle vira tenê vê biharê
In diesem Kummer bin ich gebrochen, mit gesenktem Haupt.
ب ڤێ خەمێ دلشکەستی، ستووخوارە
Bi vê xemê dilşikestî, stûxwar e
Ach, Leylan, Leylan, Leylan, du bist mein Leben.
ئاخ دە لەیلان، لەیلان، لەیلان ئەمرێ منی
Ax de Leylan, Leylan, Leylan emirê min î
Das klare Wasser plätschert, doch es gleicht deinem Herzen nicht.
ئاڤا زەلال دخولخولە، وەکی دلێ تە نینە
Ava zelal dixulxule, wekî dilê te nîn e
Du Goldhalsige, Rose der Welt – das Leben ist ohne dich wertlos.
گەردەنزەرێ، گولا دنێ، بها بێ تە تو نینە
Gerdenzerê, gula dinê, biha bê te tu nîn e
Strophe 3 · Geh nicht fort
Leylan, geh nicht fort, du Stolze, geh nicht, komm doch,
لەیلانێ نەچە، نازدارێ نەچە، نە تو وەرە
Leylanê neçe, nazdarê neçe, ne tu were
geh nicht, geh nicht, geh nicht – komm, Leylan.
نەچە، نەچە، نەچە، وەرە لەیلان
Neçe, neçe, neçe, were Leylan
Komm her, geh nicht, Leylan – ich vertraue auf dich,
دە تو وەرە نەچە لەیلان، وەرە لەیلان بەختێ تە مە
De tu were neçe Leylan, were Leylan bextê te me
die helle Welt ist ohne dich für mich verboten [heram].
دنیا ڕۆنی بێ تە م ڕە هەرامە
Dinya ronî bê te mi re heram e
Ach, Leylan, Leylan, Leylan … du bist mein Leben.
ئاخ دە لەیلان، لەیلان، لەیلان... ئەمرێ منی
Ax de Leylan, Leylan, Leylan… emirê min î
Am Ufer des Sees schlug ich mein Zelt auf, ich verging vor Kummer um dich.
گەرا گۆلێ من کۆن دانی، وەز هەییبیم ژ کەربێ تە
Gera golê min kon danî, wez heyîbîm ji kerbê te
Wunderschöne Rosen sind erblüht – wieder lege ich mein Schicksal in deine Hand.
گولێ بەدەو پر ڤەبوونە، دیسا کەتم بەختێ تە
Gulê bedew pir vebûne, dîsa ketim bextê te
1Frühling als Kulisse der Einsamkeit
Das Lied nutzt den klassischen Kontrast zwischen erwachender Natur und leidendem Individuum: Draußen ist alles farbenprächtig (rengîn) und berauschend (bengîn), doch das Innere des Dichters ist ein „Nichts“ (nîn e). Die Schönheit des Frühlings wird zur Qual, wenn die Geliebte sie nicht teilt.
2Licht und Feuer
Die Geliebte ist şemal – eine leuchtende Fackel. Ihr Glanz (şewq) erleuchtet das Herz und vernichtet es zugleich: wez şewitîm – ich bin verbrannt. Das klassische Sufi-Motiv des Falters, der vom Licht angezogen wird, bis er darin verbrennt: Liebe als transzendente Kraft, die Leben spendet und Leben fordert.
3Somatische Demut
Stûxwar – mit gebeugtem Nacken – ist in der kurdischen Kultur ein Zeichen tiefer Trauer, Demut oder Niederlage; dazu dilşikestî, gebrochenen Herzens. Die körperliche Haltung spiegelt den emotionalen Zusammenbruch, den das Warten verursacht hat.
4Die Welt als Verbot
Dinya ronî bê te mi re heram e – die helle Welt ist ohne dich für mich verboten. Heram bezeichnet im Islam das rituell Unreine, Verbotene: Alles Schöne der Welt wird für sündhaft und wertlos erklärt, solange die Geliebte fehlt. Moral und Wahrnehmung des Dichters hängen allein an ihrem Wesen.
5Die Natur als Zuflucht
Das Zelt (kon) am Ufer des Sees zeigt die nomadische Wurzel der kurdischen Romantik: Ort der Sehnsucht und der Isolation. Dass der Liebende sein Schicksal (bext) immer wieder in ihre Hände legt, zeigt seine totale Abhängigkeit von der Willkür der Geliebten.
6Fazit
Ein hochemotionales Werk über die verzehrende Kraft der Liebe: Das Lied thematisiert die existenzielle Leere, wenn das Zentrum des Lebens fehlt, und verwandelt Naturlyrik in ein psychologisches Drama – der Frühling ist nur noch Hintergrund für die Klage eines gebrochenen Mannes. Leylan wird nicht nur als Frau, sondern als „Licht der Welt“ und einziger Grund der Existenz besungen.