Ezîzim Boçî Torawî (Mein Liebling, warum bist du erzürnt?) – Merziye Feriqi · Text: Hêmin

Kernbestand der Mukriyan-Folklore und der modernen Lyrik: Der Text stammt von Hêmin Mukriyanî (1921–1986), einem Meister der emotionalen Tiefe. Merziye Feriqi (1958–2005) machte das Lied mit ihrer unverwechselbaren Stimme zur Hymne der kurdischen Seele – über das „Toran“, den grundlosen Groll der Geliebten, und die totale Selbstaufgabe des Liebenden. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Ezîzim Boçî TorawîMerziye Feriqi
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DeutschSoranî
Strophe 1 · Die Taube im Netz
Mein Liebling, warum bist du grundlos erzürnt?
ئەزیزم بۆچی تۆراوی لە خۆڕا؟
Ezîzim boçî torawî le xora?
Was ist geschehen? Warum hat sich dein Herz gewandelt?
چی قەوماوە، دڵی تۆ بۆچی گۆڕا؟
Çî qewmawe, dilî to boçî gora?
Du hast mich so schnell vergessen, doch ach –
ئەتۆ وا زوو لە بیرت کردم ئەمما
Eto wa zû le bîrit kirdim emma
ich schwöre, ich werde dich selbst im Grabe nicht vergessen.
فەرامۆشت نەکەم شەرتە لە گۆڕا
Feramoşt nekem şerte le gora
Von meiner Seite her ist kein Fehler geschehen,
لە من ڕا خۆ خەتایەک ڕووی نەداوە
Le min ra xo xetayek rûy nedawe
warum nur ist diese Teilnahmslosigkeit von dir ausgegangen?
ئەدی بێ مەیلی بۆچ ڕووی دا لە تۆ ڕا
Edî bê meylî boç rûy da le to ra
Die Taube meines Herzens ist eine Gefangene deiner Zöpfe;
ئەسیری کەزیەتە کۆتری دڵی من
Esîrî kezyete kotrî dilî min
wie sollte es einer Taube wohl ergehen, wenn sie im Netz [Tor] gefangen ist?
دەبێ حاڵی چ بێ کۆتر لە تۆڕا؟
Debê halî çi bê kotir le tora?
Strophe 2 · Der See aus Blut
Mein Haupt, mein Besitz, meine Vollkommenheit, mein Verstand und Sinn –
سەر و ماڵ و کەماڵ و بیر و هۆشم
Serû malû kemalû bîrû hoşim
im Würfelspiel [Nerd] deiner Liebe habe ich alles gänzlich verloren.
لە نەردی عیشقی تۆ دا پاکی دۆڕا
Le nerdî ’îşqî to da pakî dora
Aus meinen Augen fließt in Strömen ein blutiges Weinen,
لە چاوم دێ بە خوڕ فرمێسکی خوێنین
Le çawim dê be xur firmêskî xwênîn
und doch ist dieser See aus Blut niemals versiegt.
کەچی ئەم گۆمە خوێنە هەڵنەچۆڕا
Keçî em gome xwêne helneçora
Nur ich und der Leichnam des Falters sind zurückgeblieben;
من و لاشەی پەپوولە ماینەوە و بەس
Minû laşey pepûle maynewew bes
in der Nacht der Ferne ist selbst die Kerze aus dem Kreise vergangen.
شەوی دووری، شەمیش تواوە لە کۆڕا
Şewî dûrî, şemîş twawe le kora

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
تۆرانtorangrundloses Grollen, beleidigtes Schweigen
تۆڕtordas Netz (zum Vogelfang) – Hêmins Wortspiel mit „toran“
کۆترkotirTaube
کەزیkezîZopf
نەردnerddas Würfelspiel (Backgammon)
گۆمی خوێنgomî xwênder „See aus Blut“
شەمşemKerze
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Das Motiv des „Toran“

In der kurdischen Kultur ist toran ein spezifischer Zustand: Ein Partner zieht sich ohne erklärten Grund zurück. Für den Liebenden die schlimmste Qual – keine Möglichkeit zur Rechtfertigung. Seine beteuerte Unschuld unterstreicht die Willkür der Geliebten.

2
Die Taube und das Netz (Kotir û Tor)

Hêmins brillantes Wortspiel: toran (grollen) und tor (Netz). Das Herz als Taube, gefangen in den Zöpfen (kezî) der Geliebten – totale Abhängigkeit: Gefangener der Schönheit, selbst wenn sie mit Kälte begegnet.

3
Das Leben als Würfelspiel (Nerd)

Alles wurde eingesetzt – Verstand, Besitz, Ehre – und alles verloren (pakî dora): Die Liebe als hochriskantes Spiel, bei dem der Einsatz das gesamte Leben ist.

4
Der See aus Blut (Gomî xwên)

Eines der gewaltigsten Bilder der kurdischen Romantik: Tränen, so zahlreich und schmerzerfüllt, dass sie sich zu einem See aus Blut sammeln, der „nicht versiegt“ – ein ewiges, sich selbst erneuerndes Leid.

5
Die Einsamkeit nach der Vernichtung

Falter (pepûle) und Kerze (şem): Die Nacht der Ferne ist so lang, dass sogar die Kerze – das Symbol der Hoffnung – geschmolzen ist. Zurück bleibt das lyrische Ich beim Leichnam des Falters: totale Trostlosigkeit.

6
Merziyes Interpretation

Aristokratische Melancholie ohne Sentimentalität: Ihre Stimme trägt die Schwere von Hêmins Worten; für viele die definitive Interpretation – Verletzlichkeit und Stolz der kurdischen Frau in einem.

7
Fazit

Eine Meditation über die totale Entfremdung: Die Liebe als Macht, die den Menschen vollständig enteignen kann – privater Liebeskummer, transformiert in ein kosmisches Drama aus Blut, Netzen und erloschenen Kerzen.