Nazdar (Die grausam-schöne Geliebte) – Mazhar Khaleqi

Ein Klassiker der kurdischen Liebeslyrik im Soranî-Dialekt: die Treue des Liebenden gegenüber einer Geliebten, die seine Gefühle mit Gleichgültigkeit straft. Der Name Nazdar impliziert im Kurdischen Anmut, Eigensinn und Stolz zugleich. Mazhar Khaleqi prägt die Mischung aus ehrfürchtiger Bewunderung, Schwur und existenziellem Klagen. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

NazdarMazhar Khaleqi
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DeutschSoranî
Strophe 1 · Der Schwur beim Mond
Ich schwöre bei jenem Mond, der einen Hof um sich gezogen hat,
بەو مانگەی قەسەم خەرمانەی داوە
Bew mangey qesem xermaney dawe
dass ich meine Liebe zu dir, mein Liebling, noch niemand anderem geschenkt habe.
هێشتا مەیلی تۆم عەزیزەکەم بە کەس نەداوە
Hêşta meylî tom ’ezîzekem be kes nedawe
O Nazdar, Nazdar, mein Liebling, möge dein Schmerz auf mich übergehen.
نازدار نازدار یار دەردت لە من یار
Nazdar nazdar yar derdit le min yar
Ich bin wahrlich verrückt nach dir; wo ist deine Zuneigung vom letzten Jahr geblieben?
خۆ من شێتی تۆم کوا مەیلی پار
Xo min şêtî tom kwa meylî par
O du grausame Geliebte.
یاری جەفاکار
Yarî cefakar
Strophe 2 · Der Wahnsinn der Liebe
Wortbrüchig bist du, treulos und ohne Beständigkeit,
بێشەرتی بێقەول بێوەفا بێپۆ
Bêşertî bêqewl bêwefa bêpo
es war purer Wahnsinn, o mein Liebling, dass ich dir mein Herz schenkte.
دێوانەگی بوو عەزیزەکەم مەیلم دا بە تۆ
Dêwanegî bû ’ezîzekem meylim da be to
O Nazdar, Nazdar, mein Leben, möge dein Schmerz auf mich übergehen.
نازدار نازدار گیان دەردت لە من یار
Nazdar nazdar gyan derdit le min yar
Ich bin dir verfallen; wo ist deine Zuneigung vom letzten Jahr geblieben?
خۆ من موبتەلام کوا مەیلی پار
Xo min mubtelam kwa meylî par
O du grausame Geliebte.
یاری جەفاکار
Yarî cefakar
Strophe 3 · Klage bei Nacht und Tag
Nachts ist mein Klagen, am Tage ist mein Weinen,
شەوان شەوناڵە ڕۆژان ڕۆڕۆمە
Şewan şewnale rojan rorome
mein größter Gram, o mein Liebling, ist deine Ferne von mir.
ئێجگار پەژارەی عەزیزەکەم دوورییەکەی تۆمە
Êcgar pejarey ’ezîzekem dûrîyekey tome
O Nazdar, Nazdar, mein Liebling, möge dein Schmerz auf mich übergehen.
نازدار نازدار یار دەردت لە من یار
Nazdar nazdar yar derdit le min yar
Ich bin wahrlich verrückt nach dir; wo ist deine Zuneigung vom letzten Jahr geblieben?
خۆ من شێتی تۆم کوا مەیلی پار
Xo min şêtî tom kwa meylî par
O du grausame Geliebte.
یاری جەفاکار
Yarî cefakar

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
خەرمانەxermaneder Hof um den Mond
مەیلmeylZuneigung, Gunst
جەفاکارcefakargrausam, peinigend
موبتەلاmubtelaverfallen, süchtig (nach der Liebe)
دێوانەگیdêwanegîWahnsinn
شەوناڵەşewnalenächtliches Klagen
پەژارەpejareGram, Kummer
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Der astronomische Eid

„Ich schwöre beim Mond, der einen Hof hat“: Der Mondhof (xermane) symbolisiert Vollkommenheit, aber auch Kühle und Unnahbarkeit. Der Schwur beim Naturphänomen verleiht der Treue eine kosmische Dimension.

2
Das Paradoxon des „Naz“

Der Name Nazdar ist Programm: naz bezeichnet Stolz, Koketterie, das Spiel der Abweisung. Die „cefakar“ (Peinigerin) herrscht über das Schicksal des Liebenden – und er akzeptiert diese Hierarchie vollkommen.

3
Liebe als „Wahnsinn“ (Şêtî û Dêwanegî)

Anknüpfung an das Mecnûn-Ideal: Wahre Liebe führt zwangsläufig zum Verlust des Verstandes. Der Liebende bereut nicht – er nennt seine Liebe nur im Moment der Enttäuschung „Wahnsinn“, um ihre Unkontrollierbarkeit zu zeigen.

4
Die Nostalgie der Gunst (Meylî par)

„Wo ist deine Zuneigung vom letzten Jahr?“ – Es gab eine Zeit des Glücks. Der Verlust der Gunst (meyl) schmerzt mehr als jede physische Trennung: die emotionale Kälte, die zwischen die beiden getreten ist.

5
Die Aufhebung der Zeit durch Schmerz

Nächtliches Klagen (şewnale), tägliches Weinen (roro): Die Zeit hat keine andere Bedeutung mehr als die Erinnerung an die Ferne der Geliebten.

6
Khaleqis Interpretation

Der Vorwurf klingt fast wie ein Gebet: „bêşertî, bêqewl“ nicht mit Aggression, sondern mit tiefer, aristokratischer Trauer – das Leid des Liebenden wird geadelt.

7
Fazit

Ein Meisterwerk der melancholischen Ergebenheit: Die kurdische Liebe als Pakt, den der Liebende trotz Verrat niemals bricht – eine Hymne an die Treue in einer treulosen Welt.