📜 Dichter · 1921–1986

Hêmin Mukriyanî (Mihemed Emîn Şêxulîslamî)

هێمن

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Überblick

Hêmin (kurdisch für „der Friedliche“ oder „der Ruhige“), mit bürgerlichem Namen Mihemed Emîn Şêxulîslamî Mukrî, war einer der einflussreichsten kurdischen Dichter, Journalisten und Gelehrten des 20. Jahrhunderts. Zusammen mit seinem lebenslangen Freund Hejar Mukriyanî bildete er das literarische Fundament der Republik von Mahabad und prägte die moderne kurdische Literatur in Ostkurdistan wie kaum ein anderer – der Dichter der Liebe, der Freiheit und des kurdischen Schmerzes.

Herkunft und Kindheit

Hêmin wurde am 1. März 1921 im Dorf Laçîn nahe Mahabad geboren. Er entstammte einer angesehenen religiösen Familie; seine Mutter war die Tochter des berühmten Şêxî Burhan. Seine Kindheit war geprägt von den repressiven Reformen Reza Schahs, der kurdische Kleidung und Sprache im öffentlichen Raum verbot. In der Schule in Mahabad wurde der Junge vom Land oft als „Kirmanc“ (damals ein abfälliger Begriff für Dorfbewohner) verspottet, da er anfangs kaum Persisch sprach. Diese Erfahrung von Ausgrenzung und die Schönheit der kurdischen Natur legten den Grundstein für seinen Patriotismus.

Bildung und literarischer Beginn

Hêmin studierte zunächst in der traditionellen Koranschule (Hujra) von Şêxî Burhan – dort traf er auf Hejar. In seinen Memoiren beschreibt Hejar die beiden als „zwei dürre, freche Jungen“, die lieber im Garten Früchte stahlen, als sich dem strengen Unterricht zu beugen. Hêmins Talent erwachte früh: Er begann Verse zu schmieden, die er zunächst geheim hielt, da sein streng religiöser Vater Poesie kritisch sah – einmal verbrannte der Vater sogar seine Gedichthefte. Seinen literarischen Feinschliff erhielt er beim Lehrer und Gelehrten Fevzî, der ihm die moderne Literatur eröffnete.

Politisches Wirken und die Republik Mahabad

1942 trat Hêmin der geheimen Organisation J.K. (Komeley Jiyanewey Kurdistan) bei – seine Mitgliedsnummer war die 55. Mit der Gründung der Republik Kurdistan (Mahabad, 1946) unter Qazî Mihemed wurde er zusammen mit Hejar zum „Nationaldichter“ ernannt; seine Verse gaben der jungen Republik eine Stimme. Nach dem Sturz der Republik und der Hinrichtung Qazî Mihemeds musste Hêmin fliehen und lebte zeitweise im Verborgenen in Südkurdistan, unter anderem in Moscheen in Qeladizê.

Die späten Jahre und die Zeitschrift Sirwe

Nach der iranischen Revolution von 1979 kehrte Hêmin in den kulturellen Fokus zurück. 1985 gründete er in Urmia die kurdische Kulturzeitschrift Sirwe (Die Brise) – ein Mittel, die kurdische Sprache und Literatur nach Jahrzehnten der Unterdrückung wiederzubeleben. Er sagte: „Ich hoffe, diese Sirwe wird immer wehen, die Herzen beleben, die Blumen zum Blühen bringen und die Herzen der Kurden erfreuen.“

Tod und Vermächtnis

Hêmin verstarb am 16. April 1986 in Urmia. Gemäß seinem Wunsch wurde er auf dem Friedhof Budaq Sultan in Mahabad beigesetzt. Sein Wohnhaus in Mahabad, das Seray Hêmin, ist heute ein Museum und Kulturzentrum. Zu seinen wichtigsten Werken zählen Tarîk û Rûn (1974), Nałey Cudayî (1979), Paşerok, Qełay Dimdim sowie die Übersetzungen Shazade û Geda und Tuhfey Muzefferîye. Hêmin bleibt der „Rêbwarî rêgey eşq û azadî“ – der Wanderer auf dem Weg der Liebe und Freiheit; sein Grab ist bis heute ein Pilgerort für Liebhaber der kurdischen Sprache.

Nałey Cudayî (Klage der Trennung)

Sein berühmtestes Gedicht – eine Adaption von Rumis „Lied der Rohrflöte“, übertragen auf das kurdische Schicksal der Heimatlosigkeit (Auszug).

Soranî · Deutsch
چۆن نەناڵێ ئەودڵەی پڕ ھەستی من
Wie sollte dieses Herz voll Gefühl nicht klagen?
چۆن لە ئەژنۆ بێتەوە دوو دەستی من
Wie sollten meine Hände nicht kraftlos sinken?
گوێم دەیە ئەی دیدە مەستی قیت و قۆز!
Hör mir zu, du berauschende, stolze Schöne!
تا بناڵێنم وەکوو بلوێر بە سۆز
Damit ich klage, voller Sehnsucht wie die Flöte.
نابێ قەت ناڵەی جودایی بێ ئەسەر
Niemals bleibt die Klage der Trennung ohne Wirkung,
جا چ نەی بیکا چ پیاوی دەربەدەر
ob sie die Flöte singt oder ein vertriebener Mann.
شیوەنی من شیوەنی ئینسانییە
Meine Klage ist die Klage der Menschlichkeit,
بانگی ئازادی و گڕووی یەکسانییە
ein Ruf nach Freiheit, ein Schrei nach Gleichheit.
شیوەنی من شینی کوردی بێ بەشە
Meine Klage ist das Weinen des entrechteten Kurden,
ئەو گەلەی حاشا دەکەن لێی و ھەشە
eines Volkes, dessen Existenz man leugnet.
ژانی ناسۆری جوداییم چێشتووە
Ich habe den brennenden Schmerz der Trennung gekostet,
ھەرچی خۆشم ویستووە جێم ھێشتووە
alles, was ich liebte, musste ich zurücklassen.

Kurdim Emin (Ich bin Kurde)

Ein Manifest des Widerstands und der Standhaftigkeit.

Soranî · Deutsch
گەرچی تووشی ڕەنجەڕۆیی و حەسرەت و دەردم ئەمن
Auch wenn ich Elend, Sehnsucht und Schmerz erleide,
قەت لە دەست ئەم چەرخە سپڵە نابەزم، مەردم ئەمن
beuge ich mich nie diesem grausamen Schicksal; ein Mann bin ich!
ئاشقی چاوی کەژاڵ و گەردنی پڕ خاڵی نیم
Ich bin kein Liebhaber schöner Augen oder zarter Hälse,
ئاشقی کێو و تەلان و بەندەن و بەردم ئەمن
ich liebe die Berge, die Felsen und den harten Stein.
من لە زنجیر و تەناف و دار و بەند باکم نییە
Ich fürchte weder Ketten, noch Strick, noch den Galgen,
لەت لەتم کەن، بمکوژن، ھێشتا ئەڵێم کوردم ئەمن
zerstückelt mich, tötet mich – noch immer sage ich: Ich bin Kurde!

Kurze Verse über den Schmerz

Soranî · Deutsch
پارچە گۆشتێکە، دڵی من ڕوو نییە
Es ist nur ein Stück Fleisch, mein Herz ist kein Stein,
ناڵە ناڵی من درەنگە زوو نییە
mein Klagen kommt nicht zu früh, es ist längst überfällig.
شینم زۆر گێڕاوە، شادیم کەم دیوە
Viel habe ich getrauert, wenig Freude gesehen,
ئەڵێن ھەیە، بەلام نەمدیوە
man sagt, es gäbe das Glück, doch ich habe es nie erblickt.

Peyamî Řanegeyendraw (Die unangekündigte Botschaft)

Ghasel des Exils und des Alterns – vertont von Adnan Karim.

Soranî · Deutsch
پەیامی من بە گوێی ئەم دڵبەرە نازدارە ڕاناگا
Meine Botschaft erreicht das Ohr dieser reizenden Geliebten nicht,
نەسیم بێ سیم دەبینێ، شل دەبێ، بەم کارە ڕاناگا
die Brise sieht, dass ich kein Silber (Geld) habe, wird träge und vollbringt diesen Dienst nicht.
گوتی سەبرت هەبێ دووبارە دێمە دیتنت ئەمما
Sie sprach: „Hab Geduld, ich werde dich wiedersehen.“ Doch ach,
لە کورتی دا تەمەن، وا دیارە بەو دیدارە ڕاناگا
in seiner Kürze scheint das Leben jenes Wiedersehen nicht mehr zu erreichen.
وەکوو پەروانە دەوری لێ دەدەن لاوانی خۆوڵاتی
Wie Falter umschwärmen sie die Jünglinge ihrer Heimat,
گوڵی ئێرە بە ژوانی بولبولی ئاوارە ڕاناگا
die Blume von hier gelangt niemals zum Stelldichein der vertriebenen Nachtigall.
نەخۆش و دەردەدار و دڵبریندارم، پەرستارێک
Ich bin krank, leidend und herzkrank; keine Pflegerin
بە حاڵی ئەم دڵە پڕ ژان و پڕ ئازارە ڕاناگا
kümmert sich um den Zustand dieses Herzens voller Pein und Schmerz.
دەکەی ماچی دەم و لێوان ئەگەر هێز و گوڕێکت بێ
Mund und Lippen küsst man nur, solange man noch Kraft und Elan besitzt,
دەنا جوانێک بە دەردی ئاشقی بێچارە ڕاناگا
ansonsten schenkt eine Schöne dem Leid eines hilflosen Liebenden keine Beachtung.
هەتا کۆمتر دەبێ پشتم پتر هەڵدەکشێ مینی ژۆپ
Je gebeugter mein Rücken wird, desto kürzer werden die Röcke (Mini-Jupes),
ئیتر دەستم بە داوێنی کچی ئەم شارە ڕاناگا
meine Hand erreicht den Saum der Mädchen dieser Stadt nicht mehr.
دەبێ بولبول لە من فێر بێ غەزەل خوێنی، بەڵام چ بکەم
Die Nachtigall sollte von mir das Singen von Ghaselen lernen, doch was soll ich tun?
گرفتارم، چریکەم بەو گوڵ و گوڵزارە ڕاناگا
Ich bin gefangen; mein Schrei erreicht jene Rose und jenen Rosengarten nicht.

Analyse: „Die unangekündigte Botschaft“

Entfremdung und Exil (Awareyî): Hêmin verfasste dieses Gedicht in schmerzlicher Distanz zu seiner Heimat Mukriyan. Die „vertriebene Nachtigall“ (bulbulî aware) symbolisiert den Dichter selbst und das Schicksal des kurdischen Volkes in der Zerstreuung; die „Blume“ – Geliebte oder Heimat – bleibt für den Exilanten physisch wie emotional unerreichbar.

Wortspiel und Gesellschaftskritik (nesîm/sîm): Die erste Strophe lebt von einem brillanten Wortspiel: Nesîm, die sanfte Morgenbrise – in der klassischen Poesie der Bote der Liebenden – und sîm, das Silber als Metapher für Geld. Selbst die Naturgesetze sind korrumpiert: Weil der Dichter kein „Silber“ hat, weigert sich der Wind, seine Nachricht zu überbringen – eine bittere, fast zynische Kritik an der Materialität der modernen Welt.

Die Tragödie des Alterns und der Kontrast zur Moderne: Die sechste Strophe gehört zu den mutigsten Bildern der modernen kurdischen Literatur: Hêmin kontrastiert seinen vom Alter gebeugten Rücken mit dem Modetrend der 1970er Jahre, dem Minirock (mînî jup). Während sein Körper nach unten sinkt, wandert der Saum der Röcke nach oben – eine räumliche Kluft als Metapher für die existenzielle Unerreichbarkeit von Jugend, Schönheit und Leben.

Form und Musikalität: Hêmin nutzt die klassische Ghasel-Form, bricht den traditionellen Rahmen jedoch mit modernen Begriffen wie „Pflegerin“ (perestar) und „Mini-Jupe“. Das Wort řanaga („erreicht nicht“) fungiert als Radîf – Refrain am Versende – und verstärkt die hypnotische Melancholie. Die Vertonung durch Adnan Karim machte das Gedicht zu einem unsterblichen Bestandteil der kurdischen Musikkultur.

Kurzfassung: Dieses Gedicht markiert den Höhepunkt von Hêmins Meisterschaft, klassische arabische und persische Literaturtraditionen mit der Realität des modernen Lebens zu verweben. Das Bild des „gebeugten Rückens“ im Kontrast zum „Minirock“ gilt als eines der kühnsten und originellsten Bilder der kurdischen Poesie. Hêmin thematisiert weit mehr als eine unerwiderte Liebe: das unaufhaltsame Vergehen der Zeit und die menschliche Vergeblichkeit angesichts der Fremde und des nahenden Todes.

Einordnung und Zeitgenossen

Zeitlich gehört Hêmin Mukriyanî (1921 – 1986) in die Nachkriegszeit und Gegenwart (ab 1945), Region Rojhelat. Zeitgenossen im Datensatz der Akademie: ʿEbas Heqîqî, Awat (Seyid Kamîl Îmamî), Şpirze (Şêx Nafîʿ Mezher), Hejar Mukriyanî (Ebdulrehman Şerefkendî). Einen Überblick über die Strömungen gibt die Seite Epochen & Schulen.