Hîwa Megrî (Weine nicht, mein Kind) – Merziye Feriqi · Text: Goran

Eine der ergreifendsten Balladen der kurdischen Literatur und Musik: Der Text stammt von Ebdulla Goran (1904–1962), dem Pionier der kurdischen Moderne – die Ansprache an ein weinendes Kind namens Hiwa („Hoffnung“). Merziye Feriqi (1958–2005) verleiht dem Gedicht durch ihre mütterliche Zärtlichkeit eine tiefe emotionale Wucht. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Hîwa MegrîMerziye Feriqi
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DeutschSoranî
Strophe 1 · Das grundlose Weinen
Hiwa, weine nicht; halt ein mit deinem Schluchzen um Mitternacht, weine nicht mehr.
هیوا مەگری، هەنسکی نیوەشەو بەس هەڵدە، بەس بگری
Hîwa megrî, heniskî nîweşew bes helde, bes bigrî
Warum raubst du meinen unruhigen Augen die Arznei des Schlummers?
لە چاوی بێقەرارم بۆچی دەرمانی وەنەوز ئەبڕی
Le çawî bêqerarim boçî dermanî wenewz ebrî
Mein Sohn! Mein Säugling! Du Gast in meiner neu erschaffenen Welt!
کوڕی خۆم! کۆرپەڵەم! میوانی دنیای تازە خوڵقاوم!
Kurî xom! korpelem! mîwanî dinyay taze xulqawim!
Dein Weinen schlägt wie ein brennender Schmerz in meine gepeinigte Seele.
ئەدا گریەت بە زەربەی چز لە ڕۆحی پڕ گلاراوم
Eda giryet be zerbey çiz le rohî pir gilarawim
Was ist dieses grundlose Weinen, dieses Wimmern, das die Mitternacht erschreckt?
چییە ئەم گریە بێغایە، کڕووزەی نیوەشەوخورپێن؟
Çîye em girye bêxaye, kirûzey nîweşewxurpên?
Was sind diese winzigen Tropfen, die ziellos aus deinen Augen rinnen?
چییە ئەم قەترە وردانەی لە چاوت بێ مەئال ئەڕژێن؟
Çîye em qetre wirdaney le çawit bê me’al erjên?
Welcher Unterschied besteht zwischen dir und jener jungen Knospe am Frühlingszweig?
لەگەڵ ئەو غونچە ساوایەی لەسەر خەڵفی بەهار ئەڕوێ
Legel ew xunçe sawayey leser xelfî behar erwê
Warum schläft jene Knospe friedlich ein, bis sie schließlich verwelkt?
چییە فەرقت؟ لەبەرچی ئەو هەتاکوو سیس ئەبێ ئەنوێ؟
Çîye ferqit? leberçî ew hetakû sîs ebê enwê?
Strophe 2 · Das Recht auf Tränen
Was ist es, mein Kind? Welches Geheimnis verdammt dich so sehr zum Weinen?
چییە کۆرپەم؟ چ سیڕڕێکە وەها مەحکوومی گریانی
Çîye korpem? çi sîrrêke weha mehkûmî giryanî
Wo du doch den Gram noch nicht kennst und die Bedeutung von Tränen nicht verstehst.
کە تۆ هێشتا لە خەم ناگەی، لە مەعنای گریە نازانی
Ke to hêşta le xem nagey, le me’nay girye nazanî
Hättest du doch nur, wie deine sehnsuchtsvolle Mutter, Mühsal [Renc] erlitten,
ئەگەر وەک دایکە حەسرەت دیدەکەت ڕەنجت بچێژایە،
Eger wek dayke hesret dîdeket rencit biçêjaye,
hätte die Zeit doch den Staub all deiner Hoffnungen in den Wind gestreut –
زەمان گەردی ئەمەلتی گشت بە دەم باوە بپێژایە
Zeman gerdî emeltî gişt be dem bawe bipêjaye
dann hättest du das Recht, mit den Klagen deiner schmerzerfüllten Seele den Thron Gottes zu erschüttern!
هەقت بوو عەرش بلەرزێنی بە ناڵەی ڕۆحی پڕئێشت
Heqit bû ’erş bilerzênî be naley rohî pir’êşt
Dann hättest du das Recht, die Tränen deines verwundeten Herzens über die Sterne des Himmels zu sprühen!
لە ئەستێرەی سەما بپژێنی فرمێسکی دڵی ڕێشت!
Le estêrey sema bipjênî firmêskî dilî rêşt!
Doch fürchte dich nicht ohne Grund; gräme dich nicht und weine nicht schon jetzt.
بە خۆڕایی مەترسە، خەم مەخۆ مەگری لە ئێستاوە!
Be xorayî metirse, xem mexo megrî le êstawe!
Wer kann schon wissen, was auf die Tafel deiner Stirn geschrieben steht?
بە چی دیارە کە چی لەو تەختی ناوچاوانە نووسراوە؟
Be çî dyare ke çî lew textî nawçawane nûsrawe?

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
هەنسکhenskSchluchzen
کۆرپەkorpeSäugling
غونچەxunçeKnospe
عەرش’erşder Thron Gottes
ڕەنجrencMühsal
تەختی ناوچاوانtextî nawçawandie „Tafel der Stirn“ – das bei der Geburt geschriebene Schicksal
هیواhîwaHoffnung – hier der Name des Kindes
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Unschuld und Erfahrung

Das Kind weint „grundlos“ (bêxaye), weil es die Härte der Welt noch nicht begreift – die Eltern tragen den „Staub der zerstörten Hoffnungen“ in sich. Gorans philosophische Frage: Warum weint die Unschuld, wenn sie doch keinen Grund hat? Der Vergleich mit der friedlich schlafenden Frühlingsknospe (xunçe).

2
Der Name „Hiwa“

In der kurdischen Nationaldichtung symbolisiert das Kind die kommende Generation. Wenn die „Hoffnung“ (Hiwa) weint, ist das ein beunruhigendes Zeichen für die ganze Nation – in Merziyes zärtlicher Betonung wird Hiwa zum Symbol aller kurdischen Kinder.

3
Somatische und sakrale Metaphorik

Der Schmerz der Eltern könnte den „Thron Gottes“ (’erş) erschüttern, die Tränen „über die Sterne sprühen“ – kosmisches Leid. Die „Tafel der Stirn“ verweist auf den orientalischen Glauben, dass das Schicksal bei der Geburt auf die Stirn geschrieben wird.

4
Die Rolle der Mutter

Goran schrieb den Text aus Vater-Perspektive (im Original „tuxwa“, „bawke“, „zehrit“) – Merziye singt „dayke“ (Mutter) und verstärkt die emotionale Dimension: Die Mutter, die selbst Mühsal (renc) und Sehnsucht (hesret) erfahren hat, wird zum Schutzschild des Kindes.

5
Kritik an der Zeit (Zeman)

Die Zeit als feindliche Macht, die „Hoffnungen in den Wind streut“ – Gorans politische Erfahrung schwingt mit: Das Weinen des Kindes als Vorahnung eines schweren Schicksals.

6
Form und Sprache

Flüssiges, modernes Soranî, präzise Reime, ein wiegender Rhythmus wie ein Wiegenlied (layelaye) – doch ein paradoxes: Statt in den Schlaf zu singen, reflektiert es die Grausamkeit des Erwachens in der Welt.

7
Fazit

Ein Meisterwerk des kurdischen Humanismus: die intime Eltern-Kind-Liebe verbunden mit der existenziellen Sorge um die Zukunft eines Volkes. Tränen haben erst dann ein „Recht“, wenn sie aus echtem Leid geboren sind – möge die Hoffnung davon verschont bleiben.