📜 Dichter · 1904–1962

Goran (Ebdulła Sulêman)

گۆران

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Überblick

Ebdulła Sulêman – bekannt als Goran – gilt als der Vater der modernen kurdischen Poesie. Er sprengte die Fesseln der klassischen orientalischen Metrik und führte die kurdische Sprache zu ihrer natürlichen Schönheit und Freiheit zurück.

Frühe Jahre und Bildung

Goran wurde 1904 in Halabja in eine gebildete Familie (die Miran-Begs, ursprünglich aus Mariwan) geboren. Er begann in den Medresen und wechselte später auf moderne staatliche Schulen. Früh verlor er seinen Vater (1919) und kurz darauf seinen Bruder, was ihn zwang, das Studium abzubrechen, um für seine Mutter zu sorgen; viele Jahre arbeitete er als Lehrer bei Halabja.

Die literarische Revolution (vom Arûz zum Syllabismus)

Gorans Bedeutung liegt darin, dass er das jahrhundertelange Monopol der arabisch-persischen Metrik (Arûz) beendete. Er argumentierte, das Arûz sei der kurdischen Sprache fremd und enge ihren Rhythmus ein, und belebte stattdessen das kurdische silbenzählende Metrum (Hîca) wieder, das in Folklore und Hewramî wurzelt. Zugleich verließ er die abstrakten religiös-mystischen Themen und besang die reale kurdische Natur, die arbeitenden Menschen, die wahre Liebe und die politische Freiheit.

Politisches Engagement und Verfolgung

Als engagierter Intellektueller war Goran Mitglied der kurdischen kommunistischen Bewegung und kämpfte gegen Faschismus und Feudalismus. Wegen seiner Überzeugungen verbrachte er viele Jahre in irakischen Gefängnissen (Kirkuk, Baquba, Kut); Reisen in die Sowjetunion, nach China und Nordkorea erweiterten seinen Horizont.

Vermächtnis

Goran starb am 18. November 1962 in Silêmanî an Magenkrebs. Er hinterließ eine Sprache, die weicher, musikalischer und dem Volk näher war als je zuvor: Er befreite die kurdische Literatur von der Dominanz fremder Formen, stellte als Erster die kurdische Frau als freies, denkendes Individuum dar und bewies, dass man modern sein kann, ohne die volkstümlichen Wurzeln zu verleugnen – der „Dichter des Lichts und der Natur“.

„Payîz“ (Herbst)

Ein Musterbeispiel der kurdischen Romantik: Die Natur wird zum Spiegelbild der menschlichen Seele.

Soranî · Deutsch
پایز! پایز
Herbst! Herbst!
بووکی پرچ زەرد
Du Braut mit dem goldenen Haar.
من مات تۆ زیز
Ich bin stumm, du bist betrübt,
هەردوو هاودەرد
wir beide teilen den gleichen Schmerz.
من فرمێسکم، تۆ بارانت
Ich bin die Träne, du bist der Regen,
من هەناسم، تۆ بای ساردت
ich bin der Seufzer, du bist der kalte Wind.
من خەم، تۆ هەوری گریانت
Ich bin der Kummer, du bist die weinende Wolke,
دوایی نایە دادم دادت
meine Klage und dein Klagen enden niemals.
پایز! پایز!
Herbst! Herbst!
شان و مل ڕووت
Mit entblößten Schultern und Nacken,
من مات، تۆ زیز
ich bin stumm, du bist betrübt,
هەردووکمان جووت
wir beide sind ein Paar im Leid.
هەرچەند گوڵ سیس ئەبێ بگرین
Wir weinen, wenn die Blume verwelkt,
ئاڵتوونی دار ئەڕژێ بگرین
wir weinen, wenn das Gold der Bäume herabfällt,
پۆلی باڵدار ئەفرێ بگرین
wir weinen, wenn die Vogelschwärme davonfliegen.
بگرین... بگرین... چاومان نەسڕین
Lass uns weinen... weinen... und unsere Augen niemals trocknen.

Le dirzî peçewe (Durch den Riss des Schleiers)

Eine flüchtige Begegnung am Morgen – Meisterwerk des kurdischen Modernismus.

Soranî · Deutsch
جادە چۆڵ و سێبەر بوو، کات بەیانی
Die Straße war leer und schattig, es war Morgen,
ئەڕۆییشتم خەیاڵاوی ئەمڕوانی
ich ging einher, verloren in Träumen, und sah:
بۆ سەوزایی دەوروپشتم، بۆ ئاسمان
auf das Grün um mich her, auf den Himmel,
بۆ شاخی بەرز، خانووی تازە، دنیای جوان
auf hohe Berge, neue Häuser, die schöne Welt.
ئەڕۆییشتم بە ئەسپایی، کش و مات
Ich schritt langsam voran, still und stumm,
لاشە سست و دڵ کەیلی تاسە و ئاوات
der Körper matt, das Herz voll Sehnsucht und Hoffnung.
لەپڕ، نازانم چۆن سەرم هەڵبڕی
Plötzlich, ich weiß nicht wie, hob ich den Blick,
بەرامبەرم بەژنێ دەرکەوت وەک پەری
vor mir erschien eine Gestalt, gleich einer Elfe!
لەگەڵ ئەوەی لە عاباوە ئاڵا بوو
Obwohl sie fest in die Abaya gehüllt war,
لە دیمەنی شیرینی ئاشکرا بوو
war ihre süße Erscheinung dennoch offenbar.
باڵابەرز و بچکۆلەپێ و ئیسکارپین
Hochgewachsen, kleine Füße und Escarpins,
گۆرەوی و پووز: سفت و سپی و ئاوریشمین
Strümpfe und Waden: fest, weiß und seidig!
ئەڕۆییم و دزەی نیگام جارجارێک
Ich ging weiter, und mein verstohlener Blick sah:
لە ژێر عابای ڕەشا ئەیدی نازدارێک
unter der schwarzen Abaya eine Liebliche:
بە ڕەوتی کەو، لەنجەی تاوس و قومری
Mit dem Schritt des Rebhuhns, dem graziösen Wiegen von Pfau und Turteltaube.
گورج گورج، جوان جوان ئەهات و جادەی ئەبڕی
flink und anmutig kam sie die Straße entlang.
مابووی بگاتە عاستم چەن هەنگاوێ
Nur noch wenige Schritte war sie von mir entfernt,
درزێ کەوتە پەچە و دیم نیگای چاوێ
da tat sich ein Riss im Schleier auf, und ich sah ihre Augen,
دەست و پەنجە و مەچەکێک و نیگایەک
Hand und Finger, ein Handgelenk, ein Blick…
چی بنووسم؟ خوایە هێزی ئینشایەک
Was soll ich schreiben? O Gott, gib mir die Kraft der Worte!
قۆڵ و مەچەک ساف و سپی وەک شووشە
Arm und Gelenk, glatt und weiß wie Glas,
سەرپەنجەکان یاقووتێک بوون بە ورشە
die Fingerspitzen glänzten wie schimmernde Rubine.
بێینە سەر چاو: چاوێک، بڵێم چ چاوێک؟
Kommen wir zum Auge: Ein Auge, welch ein Auge!
کانیی سیحر، دەریای عیشوە، گێژداوێک
Ein Quell der Magie, ein Meer der Verführung, ein Strudel,
کە وا کەوتە بەر شەپۆلی هەستی من
der so auf die Wellen meiner Gefühle traf,
لەو ڕۆژەوە هەر نوقم ئەبێ بەرەو بن
dass ich seit jenem Tag immer tiefer darin versinke!

Analyse: „Durch den Riss des Schleiers“

Vom Klassischen zum Modernen: Goran ist der Pionier des kurdischen Modernismus. In diesem Gedicht treffen Tradition (Abaya und Peçe, der Gesichtsschleier) und Moderne (Escarpins, französische Absatzschuhe) aufeinander: eine Frau, traditionell verhüllt, die durch Mode und Gang zugleich Selbstbewusstsein und Modernität ausstrahlt.

Ästhetik des Details: Der Dichter arbeitet mit einer „Zoom-Technik“ – erst die weite Landschaft (Berge, Himmel), dann die ganze Gestalt, schließlich kleinste Details: Knöchel, Handgelenk, die wie Rubine glänzenden Fingerspitzen (wohl vom Henna) und zuletzt der Blick durch den Riss des Schleiers.

Tiermetaphorik: Wie in der kurdischen Poesie üblich, beschreiben Tiere die Anmut: das Rebhuhn (kew) für den stolzen, rhythmischen Gang, der Pfau (tawus) für Schönheit und Eleganz, die Turteltaube (qumrî) für Zärtlichkeit.

Die Wirkung der Schönheit: Das Ende ist hochgradig romantisch und existenziell: Die Schönheit wird nicht nur betrachtet, sondern zur Naturgewalt (Meer, Strudel), die den Dichter „ertrinken“ lässt – die totale Hingabe des Künstlers an die Ästhetik.

Fazit: Goran fängt den Moment einer flüchtigen Begegnung ein und thematisiert das Spannungsfeld zwischen Verhüllung und Sichtbarkeit. Durch die meisterhafte Verwendung von Details und Natursymbolen erhebt er die flüchtige Schönheit zu einer alles beherrschenden Macht, die den Betrachter vollkommen gefangen nimmt.

Einordnung und Zeitgenossen

Zeitlich gehört Goran (1904 – 1962) in die Zeit der Presse und frühen Moderne (1898–1945), Region Başûr. Zeitgenossen im Datensatz der Akademie: ʿEbdulrehman Begî Baban („Babe“), Mela Ebas Hilmî Kakayî, Shaho (Mela Hesen), Mela Husên Fanî. Einen Überblick über die Strömungen gibt die Seite Epochen & Schulen.