Die Muttersprache als Sprache der Wissenschaft. Der eine forderte, dass das Deutsche Wissen tragen müsse, und gründete eine Akademie; der andere schrieb das erste Physikbuch auf Kurdisch und erfand die Begriffe gleich mit. Zwei Universalgelehrte — und dieselbe Überzeugung: Ein Volk denkt am tiefsten in der eigenen Sprache.
Wissenschaft hat eine Sprache — und lange war diese Sprache nicht die des Volkes. Im Europa des 17. Jahrhunderts dachte und schrieb die Gelehrtenwelt auf Latein. Gottfried Wilhelm Leibniz, einer der größten Universalgelehrten der Geschichte, hielt das für ein Hindernis: Er mahnte seine Landsleute, das Deutsche zu pflegen und zur Sprache der Wissenschaft zu machen — und gründete 1700 in Berlin die Sozietät der Wissenschaften.
Dreihundert Jahre später stand der kurdische Gelehrte Jamal Nebez (1933–2018) vor einer noch größeren Aufgabe. Das Kurdische besaß kaum eine ausgebaute Fachsprache. Als Mathematiker, Physiker und Linguist schrieb Nebez 1960 das erste Physikbuch auf Kurdisch — und musste die wissenschaftlichen Begriffe oft erst erschaffen. Auch er endete in Berlin, wo er die kurdische Wissenschaft im Exil förderte.
«لایبنیتس داوای کرد, کە ئەڵمانی ببێتە زمانی زانست و ئەکادیمیای زانستی لە بەرلین دامەزراند. جەمال نەبەز یەکەم پەرتووکی فیزیکی بە کوردی نووسی و زاراوە زانستییەکانیشی دروستکرد. هەردووکیان باوەڕیان وابوو: گەل لە زمانی دایکیدا کوورتر بیر دەکاتەوە.»Philosoph, Mathematiker, Jurist, Historiker — der letzte große Universalgelehrte. Miterfinder der Infinitesimalrechnung, Erfinder des binären Zahlensystems (Grundlage heutiger Computer) und einer Rechenmaschine; in der Philosophie die Lehre von den Monaden.
Leibniz forderte, das Deutsche zu pflegen und zur Sprache der Wissenschaft zu machen, statt alles dem Latein und Französischen zu überlassen. Er sah die Sprache als Spiegel des Verstandes.
1700 gründete er auf seinen Rat hin die Berliner Sozietät der Wissenschaften und wurde ihr erster Präsident. Ihr Leitspruch — von ihm geprägt — verband Theorie und Praxis zu einem Programm.
Kurdischer Mathematiker, Physiker, Linguist, Übersetzer und Autor. Er studierte u. a. Mathematik und Physik in Bagdad und lehrte als Lehrer, ehe er in München, Augsburg und Berlin weiterforschte.
1956 verfasste er ein Skript zur Algebra, 1960 das erste Physikbuch auf Kurdisch — mit einem reichen Glossar kurdischer Fachbegriffe für Physik und Mathematik. Er übersetzte Werke von Shakespeare und Gogol ins Kurdische.
Zeitlebens warb er für ein einheitliches kurdisches Alphabet und gehörte zu den Wegbereitern der kurdischen Wissenschaftssprache. Er starb 2018 in seinem Berliner Exil.
| Achse | Leibniz | Jamal Nebez |
|---|---|---|
| Rolle | Universalgelehrter — Mathematik, Philosophie, Recht, Geschichte. | Universalgelehrter — Mathematik, Physik, Linguistik, Literatur. |
| Grundidee | Die Muttersprache soll Wissenschaft tragen, nicht nur das Latein. | Das Kurdische muss zur fähigen Wissenschaftssprache ausgebaut werden. |
| Kerntat | Mathematik und Philosophie auf höchstem Niveau; Plädoyer für die deutsche Sprache. | Erstes Physikbuch auf Kurdisch (1960) — samt selbst geschaffener Terminologie. |
| Vermittlung | Briefwechsel mit ganz Europa; Wissen für die Allgemeinheit. | Übersetzte Shakespeare und Gogol ins Kurdische. |
| Institution | Gründer & erster Präsident der Berliner Sozietät der Wissenschaften (1700). | Wegbereiter und Mitträger einer kurdischen Akademie der Wissenschaften. |
| Berlin | Stiftete dort die Akademie — Berlin als Bühne der Wissenschaft. | Lebte und starb dort im Exil — Berlin als Zuflucht der Wissenschaft. |
| Standardisierung | Strebte eine universelle, klare Begriffs- und Zeichensprache an. | Schlug ein einheitliches kurdisches Alphabet vor (1997). |
Wer eine Wissenschaft in seiner Sprache lehren will, braucht zuerst die Wörter dafür. Genau hier liegt die tiefste Parallele. Leibniz erkannte, dass eine Sprache, die nie für Mathematik, Physik oder Philosophie gebraucht wird, in diesen Feldern stumm bleibt — und mit ihr das Volk, das sie spricht. Darum mahnte er, das Deutsche zu üben und auszubauen, und verstand die Sprache als Werkzeug des Denkens.
„Theoria cum praxi.“ — Theorie mit Praxis. Leitspruch der von Leibniz 1700 gegründeten Berliner Sozietät der Wissenschaften
Nebez stand vor derselben Stummheit — nur radikaler. Das Kurdische war als Sprache der Schule und der Wissenschaft jahrzehntelang unterdrückt. Als er das erste Physikbuch auf Kurdisch schrieb, gab es für viele Begriffe schlicht kein Wort. Er musste die Terminologie miterfinden — und tat damit praktisch, was Leibniz theoretisch gefordert hatte. So lässt sich sein Lebensprogramm zuspitzen:
زانست با بە زمانی دایک بدوێت — ئەگینا گەل لە زانستدا بێدەنگ دەمێنێتەوە. „Die Wissenschaft soll in der Muttersprache sprechen — sonst bleibt das Volk in der Wissenschaft stumm.“ Sinngemäße Zuspitzung im Geist von Nebez' Werk (Paraphrase)
Beide teilten denselben Glauben: Eine Sprache wächst an den Aufgaben, die man ihr zutraut. Traut man ihr die Wissenschaft zu, lernt sie, Wissenschaft zu sein.
Leibniz wusste: Ein einzelner Kopf genügt nicht; Wissen braucht ein Haus. Darum gründete er die Berliner Akademie — eine Einrichtung, die Wissenschaft und Geisteswissenschaften zugleich pflegte, ein Novum für seine Zeit. Auch Nebez baute, was er konnte: Er gehörte zu den Wegbereitern einer kurdischen Akademie der Wissenschaften und mühte sich um Institutionen, die das Kurdische als Bildungssprache tragen.
Und doch trennt die beiden viel — und das gehört zur Ehrlichkeit dieser Brücke. Leibniz wirkte im Herzen mächtiger Staaten, beriet Fürsten und schrieb, bei aller Liebe zum Deutschen, das meiste selbst auf Latein und Französisch. Nebez dagegen arbeitete für eine staatenlose, unterdrückte Sprache, ohne Macht im Rücken, im Exil — und er schrieb tatsächlich in seiner eigenen Sprache, weil niemand sonst es tat. Leibniz forderte; Nebez musste handeln.
So trägt der Vergleich als Brücke, nicht als Gleichung: Jamal Nebez ist für die Kurd:innen ungefähr das, was Leibniz den Deutschsprachigen war — der Gelehrte, der seine Sprache fähig machte, Wissenschaft zu denken. Nur tat Nebez es gegen größeren Widerstand und mit eigener Hand.
Leibniz und Nebez trennen drei Jahrhunderte — und doch glaubten beide an dieselbe Wahrheit: dass ein Volk am tiefsten in der eigenen Sprache denkt und dass Wissenschaft keine fremde Sprache sprechen muss. Der eine forderte es für das Deutsche und baute eine Akademie; der andere schrieb die ersten kurdischen Formeln und erfand die Wörter dazu. Beide bewiesen: Wem man die Wissenschaft zutraut, der lernt sie auch — Sprache wie Volk.
لایبنیتس و نەبەز سێ سەدە لێک دوورن، بەڵام هەردووکیان باوەڕیان بە یەک ڕاستی هەبوو: گەل لە زمانی دایکیدا قووڵتر بیر دەکاتەوە، و زانست پێویست ناکات بە زمانێکی بیانی بدوێت. یەکێکیان داوای کرد و ئەکادیمیی دامەزراند، ئەوی تر یەکەم فۆرمووڵە کوردییەکانی نووسی و وشەکانیشی بۆ دروستکردن.
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