Das Wörterbuch als Gesetzbuch der Sprache. Der eine vereinheitlichte die deutsche Rechtschreibung, der andere schuf eines der großen Wörterbücher des Kurdischen und half, seine Orthografie zu ordnen. Wer das Wörterbuch schreibt, entscheidet, wie eine Sprache aussieht.
Eine Sprache wird nicht im Parlament normiert, sondern im Wörterbuch. Dort wird entschieden, wie ein Wort geschrieben wird, welche Form als Standard gilt und welche als Nebenform. Wer dieses Buch verfasst, übt eine stille, aber enorme Macht aus — er gibt der Sprache ihre verbindliche Gestalt.
Konrad Duden tat dies für das Deutsche: Sein orthographisches Wörterbuch (1880) wurde zur Grundlage der einheitlichen deutschen Rechtschreibung. Gîw Mukriyanî tat Vergleichbares für das Sorani-Kurdische: Als Lexikograf schuf er mit dem „Ferhengî Mehabad“ (1961) ein Standardwerk und war an der Entwicklung der kurdischen Schreibung beteiligt. Er war zugleich der Bruder und Nachfolger des Druckpioniers Hûsên Huznî Mukriyanî — die Familie, die dem Kurdischen den Druck und das Wörterbuch schenkte.
«دودن ڕێنووسی ئەڵمانیی یەکگرتوو کرد، گیو موکریانی یەکێک لە فەرهەنگە گەورەکانی کوردیی نووسی و یارمەتیی ڕێکخستنی ڕێنووسی کوردیی دا. ئەوەی فەرهەنگ دەنووسێت، دیاری دەکات زمان چۆن دەردەکەوێت.»Deutscher Philologe und Gymnasialdirektor. 1880 erschien sein „Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache“ — der „Urduden“. Es ordnete das Chaos konkurrierender Schreibungen und wurde zur Grundlage der einheitlichen Rechtschreibung.
Auf der Orthographischen Konferenz von 1901 wurde Dudens Regelwerk faktisch zur amtlichen Norm des gesamten deutschen Sprachraums. Bis heute ist „der Duden“ das Synonym für die Autorität in Sachen deutscher Schreibung.
Sein Werk fiel in die Zeit des jungen deutschen Nationalstaats (ab 1871): Eine geeinte Nation wollte auch eine einheitliche Schriftsprache.
Einer der großen kurdischen Lexikografen. Sein „Ferhengî Mehabad“ (Mahabad-Wörterbuch, Kurdisch–Arabisch, Hewlêr 1961, rund 795 Seiten) zählt zu den bedeutenden kurdischen Wörterbüchern; er wirkte zudem an der Entwicklung der kurdischen Orthografie mit.
Als Bruder und Nachfolger von Hûsên Huznî Mukriyanî führte er die Mukriyanî-Druckerei und das Verlagswerk fort. So vereint die Familie beide Gründungsakte einer Schriftkultur: das Drucken und das Verzeichnen der Sprache.
| Achse | Konrad Duden | Gîw Mukriyanî |
|---|---|---|
| Rolle | Philologe und Lexikograf der deutschen Rechtschreibung. | Lexikograf und Mitgestalter der kurdischen Orthografie. |
| Hauptwerk | Orthographisches Wörterbuch (1880), der „Urduden“. | Ferhengî Mehabad (1961), Kurdisch–Arabisch, ~795 Seiten. |
| Leistung | Vereinheitlichung konkurrierender Schreibungen zur Norm. | Erfassung und Ordnung des kurdischen Wortschatzes und Schriftbilds. |
| Kontext | Junger deutscher Nationalstaat, der eine einheitliche Schriftsprache sucht. | Staatenlose, oft unterdrückte Sprache, die ihren Standard selbst schaffen muss. |
| Verbindung zum Druck | Wörterbuch im Zeitalter des Massendrucks und der Schulpflicht. | Eingebunden in die Mukriyanî-Druckerei und das Verlagswerk der Familie. |
| Wirkung | „Der Duden“ = bis heute die Autorität deutscher Schreibung. | Referenzwerk für Generationen kurdischer Schreibender. |
| Einsatz | Norm für eine bereits etablierte Staatssprache. | Norm als Mittel des kulturellen Überlebens. |
Vor Duden schrieb man im deutschen Sprachraum dasselbe Wort auf Dutzende Weisen. Schulen, Druckereien, Behörden — jede hatte ihre Gewohnheiten. Duden sammelte die Wörter, entschied sich für eine Schreibung und machte daraus ein Regelwerk. Sein Wörterbuch war damit kein bloßes Verzeichnis, sondern ein Standard: ein Maßstab, an dem sich alle ausrichten konnten.
Schreibe, wie du sprichst — aber alle auf dieselbe Weise. Sinngemäße Zusammenfassung von Dudens Reformanliegen (paraphrasiert)
Gîw Mukriyanî stand vor einer schwierigeren Lage. Das Sorani hatte kein Ministerium, das eine Norm verordnete; die Schreibung schwankte, Diakritika waren uneinheitlich (noch in den 1950er Jahren behalf man sich teils mit Ziffern statt Sonderzeichen). Wer hier ein großes Wörterbuch schrieb, schuf zugleich faktisch eine Norm: Welche Form ins Wörterbuch kommt, gilt als die richtige.
Hier liegt der feine, aber entscheidende Unterschied. Duden normierte eine Sprache, die bereits Staat, Schulen und Ämter hinter sich hatte; seine Arbeit krönte eine vorhandene Macht. Gîw Mukriyanî normierte eine Sprache, der genau das fehlte. Sein Wörterbuch musste leisten, was anderswo der Staat tut: der Sprache Würde, Ordnung und Verbindlichkeit verleihen.
فەرهەنگ، یاسانامەی زمانە بۆ گەلێکی بێ دەوڵەت. «Das Wörterbuch ist das Gesetzbuch der Sprache für ein Volk, das keinen Staat hat.» Sinngemäße Zuspitzung im Geist von Gîw Mukriyanîs Werk (Paraphrase)
Und noch eine Verbindung schließt sich: Gîw stand in der Tradition seines Bruders Hûsên Huznî, der dem Kurdischen den Druck brachte (siehe Gutenberg ↔ Mukriyanî). Erst kommt die Presse, dann das Wörterbuch — Drucken und Verzeichnen sind die zwei Hälften desselben Werks. Duden vollendete im Großen, was eine Nationalsprache braucht; die Mukriyanîs schufen es im Kleinen, gegen den Widerstand der Geschichte, für eine Sprache ohne eigenen Staat.
Konrad Duden und Gîw Mukriyanî trennen Sprache, Schrift und ein Jahrhundert. Doch beide taten dasselbe: Sie sammelten die Wörter ihres Volkes und gaben ihnen eine verbindliche Form. Der eine krönte eine Staatssprache, der andere sicherte einer staatenlosen Sprache das Überleben. In beiden Fällen gilt: Das Wörterbuch ist das stille Gesetzbuch einer Sprache.
کۆنراد دودن و گیو موکریانی بە زمان، ڕێنووس و سەدەیەک لێک دوورن. بەڵام هەردووکیان یەک کاریان کرد: وشەکانی گەلەکەیان کۆکردەوە و شێوەیەکی پێوەرییان پێ بەخشین. یەکێکیان زمانی دەوڵەتی تاجدار کرد، ئەوی تر زمانێکی بێ دەوڵەتی پاراست. لە هەردوو دۆخدا: فەرهەنگ، یاسای بێدەنگی زمانە.
Nutze diese Seite als Baustein im Sorani-Lernweg: erst verstehen, dann üben, anschließend mit Karteikarten und Beispielsätzen wiederholen.