Aufklärung gegen Fanatismus. Der eine kämpfte im Frankreich des 18. Jahrhunderts gegen die religiöse Justiz seiner Zeit, der andere erforschte im Irak die Ursprünge der kurdischen Nation — und wurde dafür von religiösen Eiferern vor Gericht gebracht. Zwei Verteidiger desselben Rechts: frei zu denken und zu forschen.
Es gibt einen Satz, der die Aufklärung in zwei Worte fasst: Écrasez l'infâme — „Zerschlagt die Niedertracht!“ Voltaire meinte damit den fanatischen Aberglauben, der Menschen verfolgt, foltert und hinrichtet, weil sie anders denken. Über zwei Jahrhunderte später steht ein kurdischer Historiker vor einem Gericht, weil er ein wissenschaftliches Buch über die Herkunft seines eigenen Volkes geschrieben hat.
Voltaire — François-Marie Arouet — saß zweimal in der Bastille, lebte im Exil und führte den berühmtesten Justizkampf seiner Epoche gegen einen religiös motivierten Justizmord. Dr. Jamal Rashid Ahmed, Erforscher der altkurdischen Geschichte (Subartu, „Ta'rîkh al-kurd al-qadîm“), wurde nach eigener Darstellung wegen seines Buches über die Entstehung der Kurden von islamistischer Seite angezeigt und sollte verurteilt werden. Beide Lebensläufe stellen dieselbe Frage: Darf der Mensch frei denken, forschen und schreiben — auch gegen geheiligte Gewissheiten?
«ڤۆلتێر دژی داددگای ئاینیی سەردەمی خۆی وەستایەوە، جەمال ڕەشید لەبەر لێکۆڵینەوە لە ڕابردووی گەلەکەی بۆ دادگا بردرا — هەردووکیان بەرگری لە مافی ئازادیی بیرکردنەوە و توێژینەوە دەکەن.»Der einflussreichste Kopf der französischen Aufklärung. Schriftsteller, Philosoph, Satiriker. Zweimal in der Bastille eingekerkert, danach Exil in England, dessen Freiheitsverständnis ihn prägte (Lettres philosophiques, 1734 — öffentlich verbrannt).
Sein größter Kampf galt der religiösen Justiz: In der Affäre Jean Calas (1762) — ein protestantischer Kaufmann wurde auf konfessioneller Grundlage hingerichtet — erzwang Voltaire die posthume Rehabilitierung und schrieb den Traité sur la tolérance (1763).
Sein Wahlspruch Écrasez l'infâme richtete sich nie gegen den Glauben des Einzelnen, sondern gegen Fanatismus und Intoleranz. Er starb 1778 als gefeierte Symbolfigur der Gedankenfreiheit.
Historiker der altkurdischen und mesopotamischen Geschichte. Zu seinen Arbeiten zählen Studien über das Land Subartu (1984) und die antike Geschichte der Kurden (Ta'rîkh al-kurd al-qadîm, 1990).
In seinem Buch über die Entstehung der Kurden in der Geschichte zeichnet er — mit den Mitteln der Quellenkritik — den Hintergrund und die „Wiege“ der kurdischen Nation nach: ein nüchtern-wissenschaftlicher Blick auf Ursprünge, die sonst oft mythisch oder religiös gedeutet werden.
Nach eigener Darstellung wurde er wegen dieses Buches von islamistischer Seite angezeigt und sollte verurteilt werden.
| Achse | Voltaire | Jamal Rashid Ahmed |
|---|---|---|
| Epoche | Französische Aufklärung, 18. Jahrhundert; Kampf gegen Absolutismus und kirchliche Macht. | Gegenwart; ein religiös aufgeladenes Umfeld, in dem freie historische Forschung Widerstand provoziert. |
| Werk | Traité sur la tolérance, Candide, Dictionnaire philosophique, Lettres philosophiques. | Studien zu Subartu; „Ta'rîkh al-kurd al-qadîm“; Buch über die Entstehung der Kurden. |
| Gegner | Religiöser Fanatismus, Intoleranz, kirchliche und staatliche Zensur. | Religiöse Eiferer, die historische Forschung als Angriff auf das Heilige deuten. |
| Vorwurf | Gotteslästerung, Aufwiegelung; Bücher wurden verbrannt. | Anzeige wegen angeblicher Verletzung religiöser Gefühle. |
| Methode | Satire, Streitschrift, öffentliche Kampagne, Vernunftargument. | Quellenkritik, Archäologie, historische Komparatistik. |
| Verfolgung | Zweimal Bastille, Exil in England und Ferney. | Anzeige und drohende Verurteilung wegen des Buches. |
| Leitidee | „Écrasez l'infâme“ — Vernunft und Toleranz gegen Fanatismus. | Das Recht eines Volkes, seine eigene Geschichte frei zu erforschen. |
Voltaires Lebensthema war nicht der Unglaube, sondern die Toleranz. Er war Deist — er glaubte an einen vernünftigen Schöpfer —, bekämpfte aber jede Form von Fanatismus, der im Namen Gottes Menschen verfolgt. Sein Traité sur la tolérance entstand aus einem konkreten Justizskandal — und nicht aus akademischer Spekulation.
Was ist Toleranz? Sie ist die natürliche Folge des Menschseins. Wir sind alle aus Schwäche und Irrtum gemacht; vergeben wir einander gegenseitig unsere Torheiten — das ist das erste Gesetz der Natur. Voltaire, „Dictionnaire philosophique“, Artikel „Tolérance“ (1764)
Die Pointe ist, dass Voltaire die Religion des Einzelnen nicht verbieten wollte — er wollte verhindern, dass sie zur Waffe gegen Andersdenkende wird. Der Staat soll Gewissensfreiheit schützen, nicht Glaubenswahrheiten erzwingen. Genau hier berührt sich sein Anliegen mit dem eines Historikers, der zweihundert Jahre später erlebt, wie ein wissenschaftliches Buch zum Gegenstand einer religiösen Anklage wird.
Geschichte ist nie nur Vergangenheit — sie ist immer auch ein Anspruch auf Gegenwart. Wer die Ursprünge eines Volkes erforscht, berührt damit Identität, Stolz und manchmal heilige Erzählungen. Jamal Rashid Ahmed nähert sich der „Wiege“ der kurdischen Nation mit den Werkzeugen der Historiographie: Keilschrift-Quellen, Archäologie, Sprachvergleich. Wo Mythos eine einfache, geschlossene Geschichte erzählt, eröffnet Wissenschaft eine offene, prüfbare.
Dass eine solche Arbeit zur Blasphemie-Anklage führen kann, zeigt, wie aktuell Voltaires Kampf bleibt. Die Form hat sich geändert — aus dem Pariser Parlement ist ein anderes Gericht geworden —, das Muster nicht: Eine Autorität beansprucht, dass bestimmte Fragen nicht gestellt werden dürfen.
مێژووی گەلێک بەبێ ئازادیی توێژینەوە، نابێتە مێژوو — دەبێتە ئەفسانە. «Die Geschichte eines Volkes wird ohne Forschungsfreiheit nicht zu Geschichte — sie wird zum Mythos.» Sinngemäße Zuspitzung im Geist von Jamal Rashid Ahmeds Werk (Paraphrase)
Beide Männer verteidigen dieselbe Sache von zwei Enden der Geschichte her: Voltaire das Recht, gegen die geheiligte Macht zu denken; Jamal Rashid Ahmed das Recht, die eigene Herkunft wissenschaftlich statt dogmatisch zu verstehen. Aufklärung ist kein abgeschlossenes Kapitel des 18. Jahrhunderts — sie ist eine Aufgabe, die jede Generation neu zu führen hat.
Voltaire und Jamal Rashid Ahmed trennen zwei Jahrhunderte und ein halber Erdteil. Doch beide verteidigen dasselbe: das Recht des Menschen, frei zu denken, zu fragen und zu forschen — auch gegen geheiligte Gewissheiten. Der eine kämpfte gegen die religiöse Justiz seiner Zeit, der andere für das Recht eines Volkes, seine Geschichte wissenschaftlich zu verstehen. Wer Fragen verbietet, fürchtet die Antwort.
ڤۆلتێر و جەمال ڕەشید ئەحمەد دوو سەدە لێک دوورن. بەڵام هەردووکیان بەرگری لە یەک شت دەکەن: مافی مرۆڤ بۆ ئازادیی بیرکردنەوە، پرسیار و توێژینەوە — تەنانەت دژی ئەو «ڕاستی»یە پیرۆزکراوانەش. ئەوەی ڕێگری پرسیار دەکات، لە وەڵامەکەی دەترسێت.
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