Überblick
Jîla Husênî war eine herausragende kurdische Dichterin, Schriftstellerin und Journalistin aus Ostkurdistan. Sie gilt als die erste Frau, die die moderne kurdische Lyrik (Şiʿrî Nwê) maßgeblich mitgeprägt hat: Mit mutiger Themenwahl und innovativer Sprache brach sie traditionelle Rollenbilder auf und gab der kurdischen Frau in der Literatur eine eigene, kraftvolle Stimme.
Herkunft und Ausbildung
Jîla wurde am 22. September 1964 in Saqqez in eine angesehene religiöse und patriotische Familie geboren. Wegen der beruflichen Versetzungen ihres Vaters – Lehrer und späterer Jurist – lebte sie in verschiedenen Städten Kurdistans, darunter Bane, Mariwan und Sanandaj (Sine); diese Reisen erweiterten ihren Horizont und vertieften ihre Liebe zur kurdischen Kultur. Ihr Lebensweg war von persönlichen Umbrüchen geprägt: Nach einer frühen Heirat und anschließenden Scheidung setzte sie ihre Bildung fort und arbeitete für die kurdische Sektion von Radio Sanandaj, wo sie die Sendung „Ême û Gwêgran“ (Wir und die Hörer) moderierte.
Literarisches Schaffen
Jîla begann zunächst auf Persisch und wechselte Mitte der 1980er Jahre konsequent zur kurdischen Sprache; sie war aktive Teilnehmerin der Literaturzirkel in Sanandaj und Saqqez. Ihr Stil war beeinflusst von der Erneuerungsbewegung um Seware Îlxanîzade – persönliche Gefühle verknüpft mit gesellschaftlicher Kritik. Aus dezidiert weiblicher Perspektive thematisierte sie Sehnsucht, Einsamkeit, Mutterschaft und den Wunsch nach Freiheit. Kurz vor ihrem Tod engagierte sie sich intensiv in der Erforschung der klassischen kurdischen Literatur (etwa des Werks von Mewlewî).
Der tragische Tod
Am Morgen des 27. September 1996 ereignete sich eine nationale Tragödie für die kurdische Kultur: Auf dem Weg nach Teheran, wo Jîla den Dichter Sherko Bekas treffen wollte, verunglückte ihr Wagen. Jîla Husênî und ihre erst zehn Monate alte Tochter Jîna kamen ums Leben; sie wurde nur 32 Jahre alt. Ihr Tod löste eine Welle der Trauer in ganz Kurdistan aus. Sie wurde auf dem Friedhof Dozexere in Saqqez beigesetzt.
Werke
Geşey Ewîn (Das Aufblühen der Liebe) – ihr erster Gedichtband; Qełay Raz (Die Festung der Geheimnisse) – postum 1999 veröffentlichte Sammlung ihrer kurdischen und persischen Gedichte und Kurzgeschichten; Çetr (Der Regenschirm) – eine Gedichtsammlung für Kinder; daneben Übersetzungen, u. a. von Sadegh Hedayat, aus dem Persischen ins Kurdische.
Brryar! (Entscheidung!)
Entschlossenheit, dem Schmerz der Welt mit Hoffnung zu begegnen (Auszug).
Nachruf von Sherko Bekas
Der große Dichter widmete ihr nach ihrem Tod bewegende Zeilen (deutsche Wiedergabe).
Einordnung und Zeitgenossen
Zeitlich gehört Jîla Husênî (1964 – 1996) in die Nachkriegszeit und Gegenwart (ab 1945), Region Rojhelat. Zeitgenossen im Datensatz der Akademie: ʿEbas Heqîqî, Şpirze (Şêx Nafîʿ Mezher), Mela Kerîm Sardekosanî, Hêdî (Xalîd Hisamî). Einen Überblick über die Strömungen gibt die Seite Epochen & Schulen.