Überblick
Hesen Qizilcî war ein herausragender kurdischer Schriftsteller, Journalist, Linguist und Politiker aus Ostkurdistan. Er gilt als einer der Pioniere der modernen kurdischen Kurzgeschichte und war eine zentrale Figur der intellektuellen und politischen Bewegung des 20. Jahrhunderts. Wegen seines engen Bundes mit den Literaten Hejar Mukriyanî und Ebdulrehman Zebîhî wurden die drei oft als die „Drei Musketiere“ der kurdischen Literatur bezeichnet.
Herkunft und Ausbildung
Hesen Qizilcî wurde am 15. September 1914 in der Stadt Bokan in eine gebildete Familie geboren. Seine frühe Ausbildung erhielt er bei seinem Vater (Mela Elî) und namhaften Geistlichen seiner Region. Sein tiefes Wissen über die kurdische Sprache und Literatur sowie seine Sprachbegabung – er beherrschte Kurdisch, Persisch, Arabisch, Türkisch und Bulgarisch – machten ihn zu einem der fähigsten Intellektuellen seiner Zeit.
Politische Karriere und die Republik Kurdistan
Schon in jungen Jahren schloss er sich der kurdischen Nationalbewegung an. Während der Republik Kurdistan (Mahabad, 1946) unter Qazî Mihemed spielte er eine bedeutende Rolle: Er diente als Gouverneur der Stadt Mahabad, war Chefredakteur der in Bokan herausgegebenen Literatur- und Politikzeitschrift Hełałe und aktives Mitglied der Organisationen „Jîr“ und der „Komeley Jiyanewey Kurdistan“ (Z.K.).
Exil und Jahre des Widerstands
Nach dem Sturz der Republik 1947 musste Qizilcî fliehen. Er verbrachte viele Jahre im Exil in Südkurdistan, wo er unter schwierigen Bedingungen weiter schrieb und für Zeitschriften wie Hîwa und Beyan arbeitete. 1953 wurde er vom irakischen Regime an den Iran ausgeliefert, konnte jedoch spektakulär fliehen und kehrte über Helebce nach Bagdad zurück. Später zog er nach Bulgarien, wo er als politischer Redakteur und Sprecher der kurdischen Sektion von „Radio Peykî Êran“ tätig war.
Rückkehr und Märtyrertum
Nach der iranischen Revolution von 1979 kehrte er in den Iran zurück und arbeitete als Redakteur der kurdischen Sektion der Zeitung Merdum (Volk), dem Organ der Tudeh-Partei. 1983 wurde er im Alter von fast 70 Jahren verhaftet. Nach zehn Monaten schwerster körperlicher und psychischer Folter wurde er am 28. September 1985 vom iranischen Regime hingerichtet. Sein Leichnam wurde an einem unbekannten Ort auf dem Friedhof Behesht-e Zahra in Teheran beigesetzt.
Literarischer Stil und Bedeutung
Qizilcîs Werk ist von tiefem sozialem Bewusstsein geprägt; seine Kurzgeschichten nutzte er als Waffe gegen Feudalismus und Unterdrückung. Er schrieb meisterhaft im Mukriyanî-Dialekt, beherrschte aber auch Hewramî und Erdelanî – sein Stil ist klar, flüssig und nah am Volk. Themen: Klassenkampf, ländliches Leben, Frauenrechte und der nationale Befreiungskampf. Seine Kurzgeschichtensammlung Pêkenînî Geda (Das Lachen des Bettlers) gilt als Meilenstein der kurdischen Prosa; daneben stehen Ashtîxwazîy Ladêyî (mit Zebîhî, 1959), zahlreiche Übersetzungen aus dem Bulgarischen und Türkischen sowie umfangreiche linguistische Studien zu kurdischen Dialekten und politischer Terminologie.
Einordnung und Zeitgenossen
Zeitlich gehört Hesen Qizilcî (1914 – 1985) in die Zeit der Presse und frühen Moderne (1898–1945), Region Rojhelat. Zeitgenossen im Datensatz der Akademie: ʿEbas Heqîqî, Awat (Seyid Kamîl Îmamî), Şpirze (Şêx Nafîʿ Mezher), Elaedîn Secadî. Einen Überblick über die Strömungen gibt die Seite Epochen & Schulen.