Drei Geschichten, sechs Stimmen — deutsche Gastgeber und kurdische Neuankömmlinge erzählen die gleiche Geschichte aus zwei Perspektiven. Lesetexte für B1—B2, mit Sorani-Übersetzungen.
Migrationsgeschichten: Persönliche Erzählungen kurdischer Migrant:innen in Deutschland — Anfänge, Herausforderungen, Erfolge. Authentisch und mehrgenerational.
چیرۆکەکانی کۆچبەری: گێڕانەوە کەسییەکانی کۆچبەرانی کورد لە ئەڵمانیا — سەرەتاکان، ئاستەنگەکان و سەرکەوتنەکان. ڕاستی و فرەنەوەیی.
„Niemand verlässt seine Heimat, wenn die Heimat nicht selbst zur Bedrohung wird. Aber niemand kommt allein an — wir alle haben Hände, die uns auffangen müssen. Diese Geschichten sind echte Stimmen aus echten Begegnungen. Die Namen sind verändert, der Geist ist wahr."
„Ich war eigentlich nur gekommen, um Bücher zurückzugeben. Dann sah ich ihn am Tisch — allein, mit einem dicken Wörterbuch. Er las Brecht."
Als ich Renas zum ersten Mal traf, dachte ich: das ist ein Mensch, der nicht zufällig hier ist. Er hatte sich vorgenommen, Deutsch zu lernen — nicht weil er muss, sondern weil er will. Das berührt einen, wenn man es sieht.
Ich habe ihm meinen Tee angeboten, und er hat mich gefragt, ob ich ihm das Wort „Verachtung" erklären könne. Er las gerade Mutter Courage. Wir saßen drei Stunden lang. Er hat mehr von Brecht verstanden als manche meiner ehemaligen Schüler.
Heute kommt er zweimal in der Woche zu uns nach Hause. Mein Mann und ich haben keine eigenen Kinder. Er ist nicht unser Sohn — aber er ist etwas Eigenes. Ich glaube, das ist es, was Heimat in einem neuen Land werden kann: dass jemand auf dich wartet.
«من تەنیا هاتبووم بۆ ئەوەی پەرتووکەکانم بگەڕێنمەوە. دواتر ئەوم بینی، تاکێک بە فەرهەنگێکی گەورە. ڕەناس بریختی دەخوێندەوە.»
پاش شەش مانگ، هەفتەی دوو جار دێتە ماڵمان. منداڵی خۆمان نییە — ئەو منداڵی ئێمە نییە، بەڵام شتێکی تایبەتە. شایەد ئەمە واتای نیشتیمانە لە وڵاتێکی نوێدا: یەکێک چاوەڕێی تۆ دەکات.
„Im Heim hatten wir alle einen Termin. Ich saß im Sprach-Café und las Brecht. Ich verstand nichts. Dann kam Frau Schultheiß und sagte: ‚Soll ich Ihnen helfen?'"
Ich war vier Monate in Deutschland. Mein Bruder ist in Hewlêr geblieben — meine Mutter und ich sind allein gekommen. In den ersten Wochen wollte ich zurück. Die Sprache war wie eine Wand. Ich verstand das Frühstücksgespräch im Heim nicht. Ich verstand die Bürokratie nicht. Ich verstand nicht einmal, was die Leute lachen.
Marlies hat das geändert. Sie hat mich nicht als „Flüchtling" gesehen, sondern als jungen Mann, der Brecht liest. Sie hat Geduld mit mir. Wenn ich ein Wort nicht weiß, schlägt sie es auf — und erklärt mir nicht das Wort, sondern die Welt dahinter. „Verachtung" ist nicht nur ein Wort. Es ist eine Haltung. Das verstehe ich jetzt.
Heute mache ich eine Ausbildung zum Pflegefachmann. Marlies sagt: „Du kümmerst dich um die alten Menschen — und ich kümmere mich um dich." Ich verstehe jetzt, warum Deutsche das Wort Heimat haben, das sich nicht übersetzen lässt. Es heißt: ein Ort, wo jemand für dich Tee macht.
«لە کامپ هەموو کات و دیداریان هەبوو. من لە کافێی زمان دانیشتبووم و بریختم دەخوێندەوە. هیچم تێ نەدەگەیشتم. دواتر مارلیس هات و گوتی: ‹دەتوانم یارمەتیت بدەم؟›»
چوار مانگ بوو لە ئاڵمانیا بووم. براکەم لە هەولێر مایەوە. لە هەفتە یەکەمەکاندا دەمویست بگەڕێمەوە. زمانەکە وەک دیوارێک بوو.
ئەمڕۆ خوێندنی پیشەی چاودێریی نەخۆشانم دەکەم. مارلیس دەڵێت: «تۆ چاودێریی پیران دەکەیت — منیش چاودێریی تۆ دەکەم.» ئەمڕۆ تێگەیشتم ئاڵمانییەکان بۆچی وشەی «نیشتیمان»یان هەیە کە وەرناگێڕدرێت. مانای ئەوەیە: شوێنێک کە یەکێک چا بۆ تۆ ئامادە بکات.
Integration beginnt selten in Behörden. Sie beginnt in kleinen Räumen — einer Bibliothek, einer Küche, einem Stadtteil-Sprachcafé. Wer aufnimmt, wird selbst beschenkt. Wer ankommt, bringt etwas mit. Die Hand, die Tee ausgießt, baut mehr Brücken als die größte Politik.
„Ich war skeptisch. Ehrlich. Ich hatte einen Lehrling, der kam aus dem Iran — der hatte keine Lust, gar nichts. Als das Jobcenter mir Sherwan vorschlug, dachte ich: noch ein Reinfall."
Aber Sherwan kam, schaute sich die Werkstatt an, ging zum Hebebühne, dann zum Werkzeugschrank, dann zur Diagnose-Anlage. Sagte kein Wort. Dann fragte er: „Wo kann ich heute anfangen?"
Er kann mehr als ich an der Karosserie. Im Iran hat er an Bussen und Lkws gearbeitet — die da sind älter und kaputter als alles, was bei uns durchkommt. Wenn er etwas nicht versteht, fragt er. Wenn er etwas weiß, sagt er. Das ist alles, was ich mir wünsche.
Inzwischen sind wir Partner. Ich kümmere mich um Buchhaltung und Behörden, er um Kunden und Reparatur. Ich habe ihm beigebracht, was eine Lohnsteuer ist. Er hat mir beigebracht, dass es Diesel-Probleme gibt, die ich vorher nie gesehen habe. Wir lachen viel. Auf Hannoveranisch und auf Sorani.
«ڕاستی، گومانم هەبوو. ژۆبسێنتەر شێرواننی پێشنیار کرد — وامزانی دیسانیش هەڵە دێ.»
بەڵام ئەو هات، چاوی لە کارگەکە کرد، چاوی لە ئامرازەکان کرد، چاوی لە ئامێری دیاگنۆز کرد. هیچی نەگوت. دواتر پرسی: «لە کوێیەوە دەستپێ بکەم؟»
ئێستا هاوبەشین. من چاودێریی هەژمار و بەڕێوەبەرییەکان دەکەم، ئەو چاودێریی کڕیار و چاککردنەوە. من فێرم کرد چی لۆن-شتۆیەرە. ئەو فێرم کرد کێشەی دیزل هەن کە تا ئێستا نەمدیبوون.
„In Sine habe ich seit meinem 14. Lebensjahr in der Werkstatt meines Onkels gearbeitet. Als ich nach Deutschland kam, hieß es: ‚Sie müssen alles neu lernen.' Das war hart. Ich konnte schon alles."
Drei Jahre habe ich gewartet, bis meine Berufsanerkennung kam. In dieser Zeit habe ich Pizzen ausgeliefert, Lagerregale geschoben, Toiletten geputzt. Ich war nicht beleidigt — Arbeit ist Arbeit. Aber ich vermisste den Geruch von Öl unter den Fingernägeln. Das ist mein eigentliches Zuhause.
Thorsten sah, was ich kann, nicht was mir fehlt. Das ist der Unterschied. Bei ihm bin ich Mechaniker, nicht „Migrant der Mechaniker werden will". Es klingt klein — aber dieses Detail entscheidet, ob ein Mensch sich aufrichtet oder klein bleibt.
Mein Sohn (9) sagt jetzt „Moin, moin" und liebt das Schützenfest. Manchmal denke ich: er wird nicht Kurde sein wie ich Kurde war. Er wird etwas Neues sein. Das ist nicht Verlust. Das ist Zukunft.
«لە سنە لە تەمەنی 14ساڵییەوە لە کارگەی مامم کارم کردووە. کاتێک هاتمە ئاڵمانیا، گوتیان: ‹پێویستە هەموو شتێک لە سەرەتاوە فێر ببیت.› ئەمە سەخت بوو. من هەموو شتم دەزانی.»
سێ ساڵ چاوەڕێم کرد تا دانپێدانانی پیشەکەم هات. لەو ماوەیەدا پیتزام دابەش دەکرد، ڕەفەی کۆگاکانم ڕێکدەخست و ئاودەستم پاکدەکردەوە. دڵگران نەبووم — کار هەر کارە. بەڵام بیری بۆنی ڕۆنم دەکرد لەژێر نینۆکەکانمدا. ئەوە ماڵ و نیشتمانی ڕاستی منە.
کوڕەکەم (9 ساڵە) ئێستا «مۆین مۆین» دەڵێت و شوتزنفێستی خۆش دەوێ. هەندێجار بیر دەکەمەوە: ئەو وەک من کورد نابێت. ئەو شتێکی نوێ دەبێت. ئەمە لەدەستچوون نییە. ئەمە داهاتووە.
Anerkennung beruflicher Qualifikationen ist eine der größten Hürden für Migrant:innen — und gleichzeitig der größte Hebel. Wer einen Menschen nach seinem Können beurteilt, nicht nach seiner Herkunft, hebt ihn aus der Demütigung des „neu anfangen müssen". Deutschland gewinnt jedes Mal mit, wenn das geschieht.
„Bayan kam mit zwei kleinen Kindern und Tränen in den Augen. Ich verstand sofort: hier braucht es keine Formalität, sondern eine Tasse Tee."
Wir haben in unserer Kita 35 Kinder aus elf Nationen. Manche Eltern sind in Deutschland geboren, andere sind gerade angekommen. Das ist nicht das Problem — das ist der Reichtum, mit dem wir arbeiten.
Ich selbst bin in Berlin geboren, meine Eltern kamen aus Anatolien. Ich kenne das Gefühl, am Elternsprechtag zu spüren, dass die anderen Eltern leiser sind, wenn man kommt. Deshalb ist meine erste Regel: Niemand wird im Eingang stehengelassen. Wir gehen entgegen.
Bayan wurde im ersten Halbjahr eingeladen, einmal in der Woche bei uns zu sein — nicht als „Mutter, die Hilfe braucht", sondern als „Erzieherin in Ausbildung". Sie hat in Qamişlo Pädagogik studiert. Heute arbeitet sie bei uns als Assistentin. Ihre Kinder sind die Stars im Hof.
«بەیان لەگەڵ دوو منداڵی بچووک و فرمێسک لە چاوی هات. یەکسەر تێگەیشتم: لێرە فۆڕمالیتە پێویست نییە، بەڵکو پیاڵەیەک چا.»
لە کۆگاکەمدا 35 منداڵی 11 نەتەوەوە هەن. هەندێک دایک و باوک لە ئاڵمانیا لەدایکبوون، هەندێکیش تازە هاتوون. ئەمە کێشە نییە — ئەمە سامانە.
یەکەم یاسای من ئەمەیە: کەس لە بەردەرگاوە تەنیا ناهێڵرێتەوە. ئێمە دەچینە پێشێوازی.
„Ich habe in Qamişlo Pädagogik studiert. Drei Jahre lang. Als wir nach Bremen kamen, hieß es: ‚Sie müssen erst Deutsch lernen, dann ein Praktikum machen, dann …' Ich war 26. Ich dachte, mein Leben sei zu Ende."
Mein Mann war im ersten Jahr noch in der Türkei und kam später nach. Ich war allein mit zwei Kindern, die nichts verstanden und im Sprachkurs ihren Vater anschrien, sobald sie ihn am Telefon hörten. Mein älterer Sohn sagte: „Mama, sind wir jetzt keine Familie mehr?"
In der Kita habe ich zum ersten Mal nach Monaten nicht weinen müssen. Frau Yıldız hat mich angeschaut wie eine Kollegin — nicht wie eine Klientin. Sie hat mir gesagt: „Sie haben eine Ausbildung, die wir brauchen. Helfen Sie uns, hier zu sein."
Heute spreche ich mit den Müttern aus Eritrea, Afghanistan, Polen. Wir sind nicht alle gleich — wir kennen unsere Unterschiede. Aber wir wissen alle, was es heißt, wenn die Heimat dich nicht mehr trägt. Das verbindet mehr als ein gemeinsamer Pass.
«لە قامیشلۆ سێ ساڵ خوێندنی پەروەردەم کردووە. کاتێک هاتین، گوتیان: ‹پێویستە یەکەم زمانی ئاڵمانی فێر بیت، دواتر ئەزموونە، دواتر …› 26 ساڵم بوو. وامزانی ژیانم بەسەرچوو.»
لە کۆگادا یەکەمجار بوو پاش چەند مانگ نەمگریام. ساڵۆن یلدز وەک هاوکار سەیری منی کرد — نەک وەک کلیێنت. گوتی: «تۆ بڕوانامەیەکت هەیە کە ئێمە پێویستمانە. یارمەتیمان بدە لێرە بمێنیتەوە.»
ئەمڕۆ لەگەڵ دایکانی ئەریتریا، ئەفگانستان، پۆڵۆنیا دەدوێم. هەموو وەک یەک نین — جیاوازییەکانمان دەزانین. بەڵام هەموومان دەزانین چی واتایە کاتێک نیشتیمانەکەت ئیتر هەڵتناگرێت.
Eine Kita-Leiterin mit migrationsbiografischem Hintergrund — eine türkischstämmige Erzieherin, die einer kurdischen Mutter den Wiedereinstieg ermöglicht. Integration ist kein Einbahnstraßen-Verkehr von „Deutschen" zu „Migranten". Sie ist ein Netzwerk, in dem die zweite Generation der ersten hilft, die dritte der zweiten — und alle gemeinsam etwas Neues bauen.
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