Strophe 1 · Die Unberührte
Du Hellhaarige mit den roten Lippen, mit dem Glanz des fahlen Blicks,
قژ کاڵی لێو ئاڵی، پرشنگی نیگا کاڵ
Qij kalî lêw alî, pirşingî nîga kal
o schönes Mädchen, deren Wangen nur ein wenig gerötet sind!
ئەی کچە جوانەکەی سەر گۆنا نەختێک ئاڵ!
Ey kiçe ciwanekey ser gona nextêk al!
O du Stille, die nur mit leisen Worten flüstert,
ئەی کچە مەنگەکەی بە دەنگی چپە دوو
Ey kiçe mengekey be dengî çipe dû
mit dem natürlichen Flaum im Gesicht und den unberührten Handgelenken!
گەندەمووی دەم و چاو، مەچەک هەڵنەگرتوو!
Gendemûy dem û çaw, meçek helnegirtû!
O du mit den zarten Gliedern, so leichtfüßig und fein,
ئەی ئەندام وردیلەی نەرمۆڵەی ئێسک سووک!
Ey endam wirdîley nermoley êsk sûk!
dein schlichtes Kleid ist bezaubernder als das Prunkgewand einer Braut!
ئەی بەرگی ساکارت دڵگیرتر لە هی بووک!
Ey bergî sakarit dilgîrtir le hî bûk!
Strophe 2 · Der Wanderer
Wahr ist: Ich bin ein Wanderer, ich blicke nur im Vorbeigehen hin,
ڕاستە من ڕێبوارم، سەرپێ یی ئەڕوانم
Raste min rêbwarim, serpêyî erwanim
doch siehe, deine Schönheit hat meine Seele tief ergriffen.
بەڵام وا جوانیی تۆ کاری کرد لە گیانم
Belam wa ciwanîy to karî kird le giyanim
Es scheint, als würdest du nicht erst jetzt, sondern schon ein Leben lang
ئەڵێی نەک هەر ئێستا، عومرێکی درێژە
Elêy nek her êsta, umrêkî dirêje
mit deinen Händen und Fingern meine Wunden heilen!
بەو دەست و پەنجانەت برینم سارێژە!
Bew dest û pencanet birînim sarêje!
Strophe 3 · Veilchen statt Prachtrose
O du helles Mädchen! Mögen andere Schönheiten zahlreich sein,
ئەی کچە کاڵەکە! جوانی تر با زۆر بن
Ey kiçe kaleke! ciwanî tir ba zor bin
mögen sie im Frühlingsgarten die Prachtrosen im vollen Sonnenlicht sein.
لە باغچەی بەهارا گوڵباخی بەر خۆر بن
Le baxçey behara gulbaxî ber xor bin
Möge ihre Farbe glänzend und ihr Platz an der Spitze der Zweige sein,
با ڕەنگیان پەرداخت بێ و جێگەیان سەرچڵ بێ
Ba rengyan perdaxt bê û cêgeyan serçil bê
mögen sie im Munde anderer als „Königinnen der Blumen“ gelten.
بە واتای خەڵکی تر با ناویان شاگوڵ بێ
Be watay xelkî tir ba nawyan şagul bê
Doch meine Seele sehnt sich nach einem einzigen Zweig des Veilchens,
گیانی من بۆ تەڵێ وەنەوشە پەرۆشە
Giyanî min bo telê wenewşe peroşe
das im Schatten der Brombeersträucher schweigend verweilt!
کە لە ژێر سێبەری تووتڕکا خامۆشە!
Ke le jêr sêberî tûtirka xamoşe!
Strophe 4 · Stern, Melodie und Quell
Am gesamten Firmament ist es der Stern des Morgengrauens,
لە هەموو ئاسمانا ئەستێرەی بەربەیان
Le hemû asmana estêrey berbeyan
der in mein Herz ein weißes und schönes Gefühl pflanzt!
ئەخاتە دڵی من هەستێکی سپی و جوان!
Exate dilî min hestêkî sipî û ciwan!
Von einem Thron erklingen tausendundeine Melodie,
لە تەختێک هەڵ دەستێ هەزار و یەک نەغمە
Le textêk hel destê hezar û yek nexme
doch jene ist die süßeste für mein Ohr, die ganz leise erklingt!
ئەوەیان شیرین تر دێتە گوێم زۆر نزمە!
Eweyan şîrîntir dête gwêm zor nizme!
Ein klarer Quell unter dem silbernen Schein des Mondes,
کانیەکی ڕوونی بەر تریفەی مانگە شەو
Kanîyekî rûnî ber tirîfey mange şew
an dessen Grund die Kiesel und Perlen erzittern –
لە بنیا بلەرزێ مرواریی زیخ و چەو
Le binya bilerzê mirwarîy zîx û çew
er ist in meinen Augen schöner als das grenzenlose Meer,
جوانترە لە لای من لە دەریای بێ سنوور
Ciwantire le lay min le deryay bê sinûr
dessen Wellen im grellen Sonnenlicht lärmend aufschäumen!
شەپۆلی باتە بەر تیژگی ڕۆژ شڵپ و هووڕ!
Şepolî bate ber tîjgî roj şilp û hûr!
Strophe 5 · Die Namenlose
Ich bin nicht gebunden, ich bin ein Wanderer, ein Reisender,
دەروەست نیم ڕێبوارم، دەروەست نیم ڕەوتەنیم
Derwest nîm rêbwarim, derwest nîm rewtenîm
doch weißt du, was mich so verwirrt und so sehr bedrängt?
ئەزانی شپرزە و دەربەستی ئێجگار چیم؟!
Ezanî şipirze û derbestî êcgar çîm?!
Es ist das Bildnis, das in mein Gedächtnis gezeichnet wurde:
هی ئەوەی نیگارێک لە یادم کێشراوە
Hî ewey nîgarêk le yadim kêşrawe
Eine unvergleichliche Schöne – doch ach, sie hat keinen Namen!
شۆخێکی نایابە، بەڵام ئاخ، بێ ناوە!
Şoxêkî nayabe, belam ax, bê nawe!
1Die Ästhetik der Natürlichkeit
Goran revolutioniert das Schönheitsverständnis: Gelobt wird die Unberührtheit (gendemû, meçek helnegirtû) – das „schlichte Kleid“ (bergî sakar) ist schöner als der Prunk einer Braut. Naturbelassenheit als höchster ästhetischer Wert.
2Die Philosophie des Verborgenen
Drei Naturbilder als Absage an das Laute und Grelle: das Veilchen im Schatten statt der „Königin der Blumen“; der ferne Morgenstern statt der Sonne; der stille Quell im Mondlicht statt des tosenden Meeres – ein Plädoyer für die Schönheit im Unscheinbaren.
3Das Motiv des Wanderers (Rêbwar)
Der Wanderer besitzt nicht, er nimmt wahr: Die Begegnung ist flüchtig (serpêyî), die Wirkung permanent – die Geliebte wird zur Heilerin (sarêjker) des Rastlosen.
4Die Melodie der Stille
Die „leise Melodie“ ist die süßeste; die Liebe ein „weißes Gefühl“ (hestêkî sipî) – Reinheit und spirituelle Klarheit, gespiegelt im sanften, fließenden Takt des Gedichts.
5Die Tragik des Namenlosen (Bê naw)
Das Ideal hat ein „Bildnis“ (nîgar) im Gedächtnis hinterlassen – doch es bleibt namenlos: ein Phantom der Perfektion, das der Künstler sieht, aber nie greifen oder benennen kann.
6Form und Sprache
Kurdisches Silbenmetrum mit volksliedhafter Musikalität; reines, modernes Soranî ohne den Ballast der alten Hofpoesie – dazu Qadir Dîlans klassisch beeinflusste Vertonung.
7Fazit
Eine Hymne an die Anmut der Einfachheit: Wahre Schönheit schreit nicht, sie blüht schweigend im Schatten – eine Hommage an die kurdische Frau als ungeschmücktes Naturwunder.