Navê Yara Min (Der Name meiner Geliebten) – Aram Tigran

Kurmancî-Klassiker von Aram Tigran (ئارام دیکران): die Berge als Barriere, rote Äpfel am Baum und die Geliebte Narê – mit armenischer zweiter Hälfte. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Navê Yara MinAram Tigran
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DeutschKurmancî
Strophe 1
Ach, wegen des Schmerzes um diese Geliebte
ئاخ ژ دەردێ وێ یارێ
Ax ji derdê wê yarê
sehe ich keinen Ausweg und keine Heilung.
ژێ نابینم تو چارێ
Jê nabînim tu çarê
Tränen wurden zu Blut in meinen Augen,
هێسر بوو خوین ناڤ چاڤا
Hêsir bû xwîn nav çava
Tropfen für Tropfen rinnen sie herab.
نقتۆ نقتۆ تێن خوارێ
Niqto niqto tên xwarê
Strophe 2
Gebt den Weg frei, ihr Berge, gebt den Weg frei,
ڕێ بدن چیانۆ ڕێ بدن
Rê bidin çiyano, rê bidin
damit ich gehe und meine Geliebte erreiche.
هەرم بگیژم یارێ
Herim bigîjim yarê
Die Äpfel sind rot geworden am Baum,
سێڤ سۆر بوونە ل سەر دارێ
Sêv sor bûne li ser darê
doch niemand ist da, um sie herabzuholen.
کەس تونە بینە خوارێ
Kes tune bîne xwarê
Strophe 3
Der Name meiner Geliebten ist Narê,
ناڤێ یارا من نارێ
Navê yara min Narê
ich habe all meine Arbeit und Mühen aufgegeben –
من بەردا ئیش و کارێ
Min berda îş û karê
am Morgen, am Mittag und am Abend [bin ich bei ihr].
سبێ نیڤرۆ ئێڤارێ
Sibê nîvro êvarê

ℹ️ Die zweite Hälfte des Liedes („Vard jare puch puche …“) singt Aram Tigran auf Armenisch – im selben romantischen Ton über Blumen, Gärten und die Liebe.

Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Die Berge als Barriere

In der kurdischen Folklore stehen die Berge (çiya) oft für physische und politische Trennung. Der Sänger spricht sie direkt an – Rê bidin çiyano („Gebt den Weg frei, o Berge“): die Verzweiflung des Liebenden, der gegen die unüberwindbaren Hindernisse von Natur und Schicksal ankämpft.

2
Die roten Äpfel

Ein klassisches Bild für Schönheit, Reife und Sehnsucht: Dass die Äpfel rot sind (sor bûne), heißt, die Liebe ist reif – dass niemand da ist, sie zu pflücken, ist das Bild ungenutzten Glücks und schmerzhafter Unerreichbarkeit.

3
Tränen als Blut

Hêsir bû xwîn – gewöhnliche Tränen reichen nicht mehr, der Schmerz hat die Grenze zum Physischen überschritten; das niqto niqto („Tropfen für Tropfen“) dehnt die Qual des Wartens in die Zeit.

4
Narê

Der Name der Geliebten klingt an nar, den Granatapfel – Symbol für Fülle, Fruchtbarkeit und sakrale Schönheit. Dass der Liebende „Arbeit und Mühen“ (îş û kar) aufgegeben hat, zeigt die totale Hingabe (fana), in der das weltliche Leben seine Bedeutung verliert.

5
Aram Tigran als Brückenbauer

Der Wechsel vom Kurdischen ins Armenische mitten im Lied spiegelt die gemeinsame Geschichte und das geteilte Leid beider Völker – Tigrans Musik ist kultureller Widerstand und Hymne an das Zusammenleben zugleich. Ein zeitloser Klassiker, der Emotionen über Sprachgrenzen trägt.