Ez Befir im (Ich bin der Schnee) – Volkslied, u. a. gesungen von Ahmed Khalil

Ein Klassiker der kurdischen Folklore aus Bakur (Kurmancî), oft im Rhythmus des Dîlan-Reigentanzes gesungen – bekannt u. a. in der Interpretation von Ahmed Khalil – die raue Bergnatur verschmilzt mit der Zärtlichkeit menschlicher Gefühle. Kleingedruckt: die Hawar-Umschrift zum Mitsingen.

DeutschKurmancî
Volkslied · Dîlan-Rhythmus
Ich bin der Schnee, bin der Schnee, bin der Schnee, o Nar!
وەز بەفر ئم بەفر ئم بەفر ئم لێ لێ نار
Wez befir im, befir im, befir im, lê lê Nar
Ich bin der Schnee, bin der Schnee, bin der Schnee, du bist die Schöne.
وەز بەفر ئم بەفر ئم بەفر ئم تو دەلال ئی
Wez befir im, befir im, befir im, tu delal î
Ich bin der Schnee des roten Berges, o Nar!
وەز بەفرا چیاکی سۆر ئم لێ لێ نار
Wez befira çiyakî sor im, lê lê Nar
Ich bin der Schnee des roten Berges, du bist die Schöne.
وەز بەفرا چیاکی سۆر ئم تو دەلال ئی
Wez befira çiyakî sor im, tu delal î
Ich bin die Ersehnte (Verlobte) des tapferen Jünglings, o Nar!
خوەستییا لاوکێ کەلەش ئم لێ لێ نار
Xwestiya lawikê keleş im, lê lê Nar
Ich bin die Ersehnte des tapferen Jünglings, du bist die Schöne.
خوەستییا لاوکێ کەلەش ئم تو دەلال ئی
Xwestiya lawikê keleş im, tu delal î
Ich bin der Schnee des schwarzen Berges, o Nar!
وەز بەفرا چیاکێ ڕەش ئم لێ لێ نار
Wez befira çiyakê reş im, lê lê Nar
Ich bin ein Berg, kalt und schwarz, du bist die Schöne.
وەز چیاکی سار و ڕەش ئم تو دەلال ئی
Wez çiyakî sar û reş im, tu delal î
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Symbolik des Schnees

Schnee steht in der kurdischen Kultur für Reinheit und Unschuld – und weil er die höchsten Gipfel bedeckt, auch für Unerreichbarkeit und Stolz. „Ich bin der Schnee“ heißt: beständig und unbefleckt wie die Heimat selbst; zugleich schwingt die Kälte der Einsamkeit und Trennung mit.

2
Farbenlehre der Berge

Der rote Berg (çiyayê sor) trägt das Blut der Märtyrer, den Widerstand, die glühende Leidenschaft – oder das Abendrot auf dem Schnee: Schönheit und Schmerz in einem Bild. Der schwarze Berg (çiyayê reş) steht für das Basaltgestein vieler kurdischer Regionen, die Härte des Lebens und die Schwere der Geschichte. Der Wechsel zwischen Rot und Schwarz spiegelt die Dualität der kurdischen Existenz zwischen Liebe und Kampf.

3
Brautwerbung und Männlichkeitsideal

Xwestî ist die Ersehnte, um deren Hand angehalten wurde; keleş der mutige, ehrenhafte, schöne Jüngling der Folklore. Die persönliche Liebesgeschichte verbindet sich mit dem Ideal des tapferen Kämpfers – die klassische Paarung der epischen Tradition.

4
„Lê lê Nar“

Nar ist der Granatapfel – Symbol für Fruchtbarkeit und Fülle – und zugleich Koseform des Frauennamens Narîn. Der Ausruf gibt dem Lied seinen tänzerischen Takt und ist der emotionale Ankerpunkt der Sehnsucht.

5
Mensch und Natur als Einheit

Am Ende beschreibt sich das lyrische Ich selbst als „kalter, schwarzer Berg“ – die Grenze zwischen Mensch und Landschaft fällt. Identität wird aus der Landschaft bezogen: Der Schmerz des Menschen wird zum Schmerz des Berges, seine Reinheit zum Schnee. Ein Meisterwerk der schlichten, bildgewaltigen Volkspoesie.