Ez Befir im (Ich bin der Schnee) – Volkslied, u. a. gesungen von Ahmed Khalil
Ein Klassiker der kurdischen Folklore aus Bakur (Kurmancî), oft im Rhythmus des Dîlan-Reigentanzes gesungen – bekannt u. a. in der Interpretation von Ahmed Khalil – die raue Bergnatur verschmilzt mit der Zärtlichkeit menschlicher Gefühle. Kleingedruckt: die Hawar-Umschrift zum Mitsingen.
Literarische Analyse
Schnee steht in der kurdischen Kultur für Reinheit und Unschuld – und weil er die höchsten Gipfel bedeckt, auch für Unerreichbarkeit und Stolz. „Ich bin der Schnee“ heißt: beständig und unbefleckt wie die Heimat selbst; zugleich schwingt die Kälte der Einsamkeit und Trennung mit.
Der rote Berg (çiyayê sor) trägt das Blut der Märtyrer, den Widerstand, die glühende Leidenschaft – oder das Abendrot auf dem Schnee: Schönheit und Schmerz in einem Bild. Der schwarze Berg (çiyayê reş) steht für das Basaltgestein vieler kurdischer Regionen, die Härte des Lebens und die Schwere der Geschichte. Der Wechsel zwischen Rot und Schwarz spiegelt die Dualität der kurdischen Existenz zwischen Liebe und Kampf.
Xwestî ist die Ersehnte, um deren Hand angehalten wurde; keleş der mutige, ehrenhafte, schöne Jüngling der Folklore. Die persönliche Liebesgeschichte verbindet sich mit dem Ideal des tapferen Kämpfers – die klassische Paarung der epischen Tradition.
Nar ist der Granatapfel – Symbol für Fruchtbarkeit und Fülle – und zugleich Koseform des Frauennamens Narîn. Der Ausruf gibt dem Lied seinen tänzerischen Takt und ist der emotionale Ankerpunkt der Sehnsucht.
Am Ende beschreibt sich das lyrische Ich selbst als „kalter, schwarzer Berg“ – die Grenze zwischen Mensch und Landschaft fällt. Identität wird aus der Landschaft bezogen: Der Schmerz des Menschen wird zum Schmerz des Berges, seine Reinheit zum Schnee. Ein Meisterwerk der schlichten, bildgewaltigen Volkspoesie.
