Ay Dilberê (O Geliebte) – Aram Tigran

Der Klassiker des Dichters Feqiyê Teyran (17. Jh.), unsterblich gemacht in der Interpretation von Aram Tigran (ئارام دیکران) – dem armenisch-kurdischen Sänger, dessen Stimme die kurdische Musik über alle Grenzen trug. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Ay DilberêAram Tigran
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DeutschKurmancî
Strophe 1
In meinem Garten ist der Winter eingekehrt,
ل باخێ من بوو زڤستان
Li baxê min bû zivistan
o Geliebte, du Antlitz gleich einem Rosengarten.
ئای دیلبەرێ، دێم-گولستان
Ay dîlberê, dêm-gulistan
Welk sind die Rosen, der Garten und der Hain.
چلمسی گول، باخ و بۆستان
Çilmisî gul, bax û bostan
🔁 Refrain (nach jeder Strophe)
Verwüstet bin ich, mein Haus liegt in Trümmern.
وێران ئەزم، مالم خراب
Wêran ez im, malim xirab
O Geliebte, klage niemals –
ئای دیلبەرێ، قەت مەنالە
Ay dîlberê, qet menale
Feqiyê Teyran ist nun ein alter Greis,
فەقیێ تەیران ئێدی کالە
Feqiyê Teyran êdî kal e
ein Kranker, dem alle Kraft entwichen ist.
نەخوەشەکی پر بێهالە
Nexweşekî pir bêhal e
Strophe 2
Du bist sowohl die Rose als auch der Basilikum,
تو هم گولی، هم ڕهانی
Tu him gul î, him rihan î
du bist sowohl der Schmerz als auch die Arznei,
تو هم دەردی، هم دەرمانی
Tu him derd î, him derman î
du bist der Arzt und zugleich der weise Loqman.
هم حەکیمی، هم لۆقمانی
Him hekîm î, him Loqman î
Strophe 3
O Geliebte, du weißt es wohl:
ئای دلبەرێ، دە تو زانی
Ay dilberê, de tu zanî
Blumen sind erblüht auf Bergen und Höhen.
کولیلک ڤەبوون ل چیا و بانی
Kulîlk vebûn li çiya û banî
Die Nachtigall fragte: „Wo ist der Feqî?“
بلبل پرس کر فەقی کانی؟
Bilbil pirs kir: Feqî kanî?
Strophe 4
Gepriesen sei dein Name, dir allein gebührt er,
سوبحان ژ ناڤێ ژ تە ڕە تەنێ
Subhan ji navê ji te re tenê
ein Muttermal von den Malen deines Nackens
خالەک ژ خالا گەردەنێ
Xalek ji xala gerdenê
hat mich wahnsinnig gemacht und in die Welt verstoßen.
تە ئەز دین کرم، بەردام دنێ
Te ez dîn kirim, berdam dinê
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Winter gegen Frühling

Während draußen auf den Bergen der Frühling einzieht und die Blumen blühen, herrscht im „Garten“ des Dichters – seinem Herzen – ewiger Winter (zivistan). Das Verwelken (çilmisî) steht für den Verlust von Jugend, Hoffnung und Lebenskraft; die Geliebte bleibt der „Rosengarten“ (dêm-gulistan), Quelle der ewigen Schönheit.

2
Schmerz und Arznei

Das zentrale Paradoxon der Sufi-Lyrik: Die Geliebte ist derd (Schmerz) und derman (Arznei) zugleich – sie verursacht das Leiden und ist die Einzige, die es heilen kann. Der Vergleich mit Loqman, dem legendären Arzt des Orients, hebt sie auf eine heilende, fast göttliche Ebene.

3
„Feqiyê Teyran ist alt“

Der Dichter nennt sich im Refrain selbst beim Namen (Mahlas-Topos) und reflektiert die eigene Vergänglichkeit: kal (alt) und bêhal (kraftlos) – die physische Schwäche im Kontrast zur unsterblichen Leidenschaft der Seele. Dass die Nachtigall nach dem Feqî fragt, unterstreicht seine Verbundenheit mit der Natur: Der „Schüler der Vögel“ ist verstummt, während die Vögel weitersingen.

4
Fana und Wahnsinn

Das subhan der Schlussstrophe öffnet die mystische Ebene: Die Schönheit der Geliebten ist Abglanz der göttlichen Schönheit, und der Liebes-„Wahnsinn“ (dîn) ist kein Defekt, sondern Erleuchtung – das Ego stirbt (fana), nur die Sehnsucht bleibt.

5
Form und Musik

Flüssiges Kurmancî im festen Rhythmus der Volkspoesie und des Maqam-Gesangs; der Klage-Refrain Wêran ez im, malim xirab wiederholt und verstärkt die existenzielle Not mit jeder Strophe. In Aram Tigrans Interpretation wurde das Lied zu einem Klassiker – eine Meditation über die Vergänglichkeit des Menschen im Angesicht der Unvergänglichkeit der Schönheit.

➜ Mehr zum Dichter: Feqiyê Teyran – Porträt mit „Ey Av û Av“