Strophe 1 · Der Morgen
Auf das Grün um mich her, zum weiten Himmel,
بۆ سەوزایی دەوروپشتم، بۆ ئاسمان
Bo sewzayî dewrupiştim, bo asman
auf die hohen Berge, die neuen Häuser, die schöne Welt.
بۆ شاخی بەرز، خانووی تازە، دنیای جوان
Bo şaxî berz, xanûy taze, dinyay ciwan
Ich ging behutsam, still und leise,
ئەڕۆییشتم بە ئەسپایی، کش و مات
Eroyîştim be espayî, kiş û mat
der Körper matt, das Herz voll Sehnsucht und Verlangen.
لاشە سست و دڵ کەیلی تاسە و ئاوات
Laşe sist û dil keylî tase û awat
Strophe 2 · Die Erscheinung
Plötzlich – ich weiß nicht wie – hob ich mein Haupt,
لەپڕ، نازانم چۆن سەرم هەڵبڕی
Lepir, nazanim çon serim helbirî
vor mir erschien eine Gestalt, anmutig wie eine Fee.
بەرامبەرم بەژنێ دەرکەوت وەک پەری
Beramberim bejnê derkewt wek perî
Obwohl sie ganz in ihren Umhang (Aba) gehüllt war,
لەگەڵ ئەوەی لە عاباوە ئاڵا بوو
Legel ewey le abawe ala bû
war ihre süße Erscheinung doch ganz offenbar.
لە دیمەنی شیرینی ئاشکرا بوو
Le dîmenî şîrînî aşkira bû
Strophe 3 · Gestohlene Blicke
Hochgewachsen, mit kleinen Füßen in Absatzschuhen,
باڵابەرز و بچکۆلەپێ و ئیسکارپین
Balaberz û biçkolepê û îskarpîn
Socken und Waden: fest, weiß und seidig.
گۆرەوی و پووز: سفت و سپی و ئاوریشمین
Gorewî û pûz: sift û sipî û awrîşmîn
Ich ging weiter und stahl hie und da einen Blick,
ئەڕۆییم و دزەی نیگام جارجارێک
Eroyîm û dizey nîgam carcarêk
unter dem schwarzen Umhang jener lieblichen Schönen.
لە ژێر عابای ڕەشا ئەیدی نازدارێک
Le jêr abay reşa eydî nazdarêk
Strophe 4 · Der Schlitz im Schleier
Mit dem Gang eines Rebhuhns, dem Stolz eines Pfaus und einer Turteltaube,
بە ڕەوتی کەو، لەنجەی تاوس و قومری
Be rewtî kew, lencey taws û qumrî
flink und flink, schön und schön kam sie daher und überquerte die Straße.
گورج گورج، جوان جوان ئەهات و جادەی ئەبڕی
Gurc gurc, ciwan ciwan ehat û cadey ebrî
Es fehlten nur noch wenige Schritte, bis sie mich erreichte,
مابووی بگاتە عاستم چەن هەنگاوێ
Mabûy bgate astim çen hengawê
da fiel ein Schlitz in ihren Schleier, und ich sah den Blick ihrer Augen.
درزێ کەوتە پەچە و دیم نیگای چاوێ
Dirzê kewte peçe û dîm nîgay çawê
Strophe 5 · Rubine
Eine Hand, Finger, ein Handgelenk und ein Blick …
دەست و پەنجە و مەچەکێک و نیگایێک
Dest û pence û meçekêk û nîgayêk
Was soll ich schreiben? Gott, gib mir die Kraft der Worte!
چی بنووسم؟ خوایە هێزی ئینشایەک
Çî binûsim? Xwaye hêzî înşayek
Arm und Gelenk, glatt und weiß wie Glas,
قۆڵ و مەچەک ساف و سپی وەک شووشە
Qol û meçek saf û sipî wek şûşe
die Fingerspitzen leuchteten wie funkelnde Rubine.
سەرپەنجەکان یاقووتێ بوون بە ورشە
Serpencekan yaqûtê bûn be wirşe
1Urbaner Realismus
Statt der wilden Natur der Klassik führt Goran uns in die stillen Straßen von Silêmanî am frühen Morgen – eine ruhige, fast filmische Szenerie des modernen, städtischen Menschen.
2Begegnung mit dem Mysterium
Die Frau erscheint wie eine perî (Fee), gehüllt in die traditionelle schwarze Aba. Der Umhang wird zum Rahmen, aus dem einzelne Details der Schönheit hervorstechen – Spiel von Verborgenem und Sichtbarem.
3Die Anatomie der Schönheit
Goran ist berühmt für seine Detailtreue: îskarpîn (Absatzschuhe), feine Socken, Handgelenke. Für die damalige Zeit eine sehr moderne, fast gewagte Form der Beschreibung.
4Das Motiv des Schleiers (Peçe)
Der Höhepunkt: Der Gesichtsschleier verrutscht für einen Augenblick – der kurze Blick durch den Schlitz symbolisiert den Wunsch nach Freiheit und den Durchbruch der Schönheit durch gesellschaftliche Barrieren.
★Fazit
„Le Dirzî Peçewe“ beschreibt die Sehnsucht nach dem Sichtbaren in einer Welt, die vieles verbirgt. Qadir Kaban singt es mit einer solchen Ruhe, dass man selbst an diesem kühlen Morgen durch die Straßen von Silêmanî zu gehen scheint.