Bo Kiçêkî Bêgane (An ein fremdes Mädchen) – Qadir Kaban

Moderne kurdische Lyrik von Abdullah Goran, gesungen von Qadir Kaban: die Begegnung mit einer Schönheit jenseits des klassischen Ideals – und die Erkenntnis, dass äußere Schönheit die Sehnsucht der Seele nicht stillt. Kleingedruckt: lateinische Umschrift; rechts die Sorani-Schrift.

Bo Kiçêkî BêganeQadir Kaban
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DeutschSorani
Strophe 1 · Die Erscheinung der Fremden
Viel goldenes Haar hat meinen Blick gefangen,
زۆر قژی زەرد سەرنجی ڕاکێشاوم
Zor qijî zerd serincî rakêşawim
viel blaues Auge hat Funken in meine Augen gesprüht.
زۆر چاوی شین داویە پرشنگ لە چاوم
Zor çawî şîn dawye pirşing le çawim
Schultern, Arme und ein reiner, nackter Nacken,
شان و مل و گەردنی ڕووتی بێگەرد
Şanû milû gerdinî rûtî bêgerd
eine weiche Brust, feste Brüste, hart wie Stein.
سنگی نەرم و مەمکی قوتی توند وەک بەرد
Singî nermû memkî qutî tund wek berd
Ein hoher Wuchs, so anmutig und glanzvoll,
بەژن و باڵای کەڵەگەت و شۆخ و شەنگ
Bejnû balay kelegetû şoxû şeng
ein wohlgeformter Körper, etwas fleischig, die Taille schmal.
لەشولاری کەمێ گۆشتن کەمەر تەنگ
Leşularî kemê goştin kemer teng
Strophe 2 · Wangen und Lippen
Weiße Haut, durchdrungen von hellem, rötlichem Blut,
پێستی سپی بە خوێنی گەش مەیلەو ئاڵ
Pêstî sipî be xwênî geş meylew al
pralle Wangen, ein Kinn mit einem Grübchen in der Mitte.
کوڵمی قەڵەو چەناگەی ناوەڕاست چاڵ
Kulmî qelew çenagey nawerast çal
Mund und Lippen wie eine Rose in der Morgendämmerung,
دەم و لێوی وەک گوڵی بەربەیانی
Demû lêwî wek gulî berbeyanî
dies alles und noch viel mehr an Schönheit.
ئەمانە گشت گەلێکی تریش جوانی
Emane gişt gelêkî tirîş cwanî
Strophe 3 · Der hungrige Vogel
Doch es löschte nicht den Durst und das Verlangen meines Herzens,
بۆی نەشکانووم توینیەتی و ئارەزووی دڵ
Boy neşkanûm twînyetîw arezûy dil
mein hungriger Vogel flog weiter von Zweig zu Zweig.
هەر گەڕاوە مەلی برسیم چڵاوچڵ
Her gerawe melî birsîm çilawçil
Wo immer ich in einem Garten eine rote Rose sah,
لە هەر باخێ گوڵێکی سوورم دیبێ
Le her baxê gulêkî sûrim dîbê
wo immer ich in irgendeinem Garten eine rote Rose sah,
لە هەچ باخێ گوڵێکی سوورم دیبێ
Le heç baxê gulêkî sûrim dîbê
ging ich auf sie zu, und tausend Dornen stachen mir in die Füße.
بۆی چووم هەزار دڕک لە پێم چەقیبێ
Boy çûm hezar dirk le pêm çeqîbê
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Das Bild der Fremden

Goran bricht mit der Tradition dunkler Augen und schwarzen Haares: goldenes Haar, blaue Augen, weiße Haut. Ein Ausdruck seiner Modernität und Weltoffenheit – Schönheit auch in der Verschiedenheit.

2
Körperlichkeit und Detailtreue

Fast bildhauerische Präzision (tund wek berd – fest wie Stein; kemer teng – schmale Taille): eine für die damalige Zeit sehr direkte, realistische Beschreibung, abseits der reinen Metaphorik der Klassik.

3
Der hungrige Vogel (Melî birsîm)

Trotz aller Pracht bleibt der twînyetî (Durst des Herzens) ungestillt. Die Seele gleicht einem hungrigen Vogel, der ruhelos von Zweig zu Zweig fliegt – äußere Schönheit stillt keine existenzielle Sehnsucht.

4
Die rote Rose und die Dornen

Die Suche nach der roten Rose (Ideal der Liebe oder Heimat) hat ihren Preis: „Hezar dirk le pêm çeqîbê“ – tausend Dornen stechen in die Füße. Schönheit ist untrennbar mit Leid verbunden.

Fazit

Qadir Kaban verleiht diesem Text eine melancholische Note: Die Bewunderung der Schönheit geht oft mit tiefer innerer Einsamkeit einher – und die Suche nach dem Ideal ist immer auch ein Weg über Dornen.