Her Kurd Bûyn û Her Kurd Ebîn (Wir waren immer Kurden) – Adel · Text: Ibrahim Ehmed

Eine Hymne des kurdischen Widerstands und der Identitätsbehauptung: Der Text stammt von Ibrahim Ehmed (1914–2000), dem bedeutenden Schriftsteller, Intellektuellen und Politiker – gesungen von Adel. Die Hawar-Umschrift wurde von der Akademie ergänzt.

Her Kurd Bûyn û Her Kurd EbînAdel
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DeutschSoranî
Strophe 1 · An den Besatzer
Besatzer, dessen Herz voller Hass ist,
داگیرکەری دڵ پڕ لە قین
Dagîrkerî dil pir le qîn
du gewissenlose und religionslose Bestie,
دڕندەی بێ ویژدان و دین
Dirindey bê wîjdan û dîn
selbst wenn du Qendîl, Agirî und Şîrîn
گەر قەندیل و ئاگری و شیرین
Ger Qendîl û Agirî û Şîrîn
dem Erdboden gleichmachst,
یەکسان کەی لەگەڵ رووی زەمین
Yeksan key legel rûy zemîn
kannst du nicht bewirken, dass wir keine Kurden mehr sind.
ناتوانی واکەی کورد نەبین
Natwanî wa key Kurd nebîn
Wir waren immer Kurden und werden immer Kurden sein.
هەر کورد بووین و هەر کورد ئەبین
Her Kurd bûyn û her Kurd ebîn
Strophe 2 · Älter als die Religionen
Vor der Zeit der Feueranbetung [des Zoroastrismus],
له پێش ئاگرپەرستی دا
Le pêş agirperistî da
vor der Zeit des Muslim-Seins,
له پێش موسوڵمانێتی دا
Le pêş musulmanêtî da
in der Gefangenschaft und in der Freiheit:
لە دیلی و لە سەربەستی دا
Le dîlî û le serbestî da
Wir waren immer Kurden und werden immer Kurden sein.
هەر کورد بووین و هەر کورد ئەبین
Her Kurd bûyn û her Kurd ebîn
Strophe 3 · Die Geschichte als Zeugin
Weder bin ich Araber, noch bin ich Iraner,
نه عەرەبم نه ئێرانیم
Ne ’Erebim ne Êranîm
noch bin ich ein „Bergtürke“.
نه تورکێکی شاخستانیم
Ne Turkêkî şaxistanîm
Nicht nur ich selbst – auch die Geschichte sagt:
نەک من هەر خۆم، مێژووش ئەڵێ
Nek min her xom, mêjûş elê
dass ich Kurde bin und aus Kurdistan stamme.
که کوردم و کوردستانییم
Ke Kurdim û Kurdistanîm
Wir waren immer Kurden und werden immer Kurden sein.
هەر کورد بووین و هەر کورد ئەبین
Her Kurd bûyn û her Kurd ebîn

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
داگیرکەرdagîrkerBesatzer
قینqînHass, Groll
دڕندەdirindeBestie, Raubtier
ئاگرپەرستیagirperistîFeueranbetung – gemeint: der Zoroastrismus
دیلیdîlîGefangenschaft
سەربەستیserbestîFreiheit
مێژووmêjûGeschichte
قەندیل، ئاگریQendîl, AgirîBerge Kurdistans (Agirî = Ararat) – Symbole der Unbeugsamkeit
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Kontext des Autors

Ibrahim Ehmed (1914–2000) war nicht nur bedeutender Schriftsteller und Intellektueller, sondern auch eine zentrale politische Figur. Dieses Gedicht gilt als Hymne des kurdischen Widerstands und der Identitätsbehauptung.

2
Die Unzerstörbarkeit der Identität

Nationale Identität liegt tiefer als politische Grenzen oder physische Zerstörung: Selbst wenn die Berge – Symbole der Heimat und des Widerstands – vernichtet würden, bliebe das Kurdisch-Sein bestehen.

3
Historische Tiefe: älter als die Religionen

Der Hinweis auf die Zeit vor dem Islam und vor dem Zoroastrismus (agirperistî) argumentiert: Das kurdische Volk ist älter als die großen Religionen der Region – die Identität ist ethnisch-kulturell, nicht primär religiös definiert.

4
Ablehnung der Fremdbezeichnungen

„Weder Araber, noch Iraner, noch Bergtürke“ – die direkte Antwort auf die Assimilierungspolitik der Nachbarstaaten. „Bergtürke“ (Turkêkî şaxistanî) verweist auf die jahrzehntelange Leugnung der kurdischen Existenz in der Türkei.

5
Stilistische Mittel

Der Refrain wirkt wie ein Mantra und gibt dem Gedicht kämpferischen Rhythmus; die Berge Qendîl, Agirî (Ararat) und Şîrîn verankern Kurdistan geografisch; Dualismen wie Gefangenschaft (dîlî) und Freiheit (serbestî) zeigen die Stabilität der Identität unter allen Umständen.

6
Politische Bedeutung

Ein Akt der Selbstermächtigung: In Zeiten der Unterdrückung von Sprache und Kultur schafft der Text Stolz und historisches Bewusstsein. Die Berufung auf die Geschichte (mêjû) legitimiert den Anspruch objektiv, nicht nur emotional.

7
Fazit

Ein klassisches Beispiel nationaler Identitätspoesie: der Schmerz über Unterdrückung, verbunden mit unerschütterlichem Optimismus und tiefer historischer Verwurzelung – ein Text des Trotzes gegen die Assimilation.