Überblick
Ibrahîm Ehmed, oft liebevoll „Blê“ genannt, war eine der prägendsten Persönlichkeiten des kurdischen Lebens im 20. Jahrhundert. Als Schriftsteller, Jurist, Journalist und führender Politiker vereinte er wie kaum ein anderer den intellektuellen Widerstand mit dem politischen Befreiungskampf Südkurdistans.
Frühes Leben und Ausbildung
Ibrahîm Ehmed wurde am 6. März 1914 in eine angesehene Familie in Slemani geboren. Sein Onkel, der Offizier Remzi Fettah, erkannte früh sein Talent und förderte seine Bildung maßgeblich. Nach dem Schulbesuch in Slemani studierte er von 1934 bis 1937 Rechtswissenschaften in Bagdad, schloss als einer der ersten kurdischen Juristen ab und arbeitete zunächst als Anwalt, später als Richter in Erbil und Helebce.
Politischer Werdegang
Sein politisches Erwachen prägten die Revolte von Şêx Mehmûdê Berzincî und die britischen Bombardierungen seiner Heimatstadt. In den 1930er Jahren gründete er in Bagdad die Gruppe „Lawanî Kurd“ (Kurdische Jugend). Er war Gründer des südkurdischen Zweiges der „Komeley Jiyanewey Kurdistan“ (J.K.), die eng mit der Republik von Mahabad verbunden war; nach deren Sturz 1947 integrierte er seine Bewegung in die Demokratische Partei Kurdistans (PDK). 1951 wurde er zum Generalsekretär der PDK gewählt – unter seiner Führung wurde die Partei in „Demokratische Partei Kurdistans – Irak“ umbenannt – und war 1953 maßgeblich an der Gründung der kurdischen Frauen-, Jugend- und Studentenverbände beteiligt. Während der September-Revolution (1961) leitete er den politischen Flügel im Gebirge; nach parteiinternen Differenzen führte er ab 1964 den progressiven „Politbüro-Flügel“ an.
Literarisches und journalistisches Erbe
Ibrahîm Ehmed gilt als Pionier des modernen kurdischen Romans und der Kurzgeschichte. Bereits mit 18 Jahren schrieb er für die Zeitung Jiyan – der große Dichter Pîremêrd lobte ihn als „die Hoffnung der kurdischen Jugend“. Später gab er die einflussreiche Literaturzeitschrift Gelawêj (1939–1949) heraus und leitete die Zeitungen Xebat und Kurdistan. Sein Roman Janî Gel (Das Leiden des Volkes, 1956) gilt als Meisterwerk der kurdischen Literatur und thematisiert den schmerzhaften Weg zur Freiheit; weitere bekannte Werke sind Kwêrewerî (Elend) und Dwa Tîrî Kewan (Der letzte Pfeil des Bogens). Bereits 1937 schrieb er auf Arabisch Al-Akrad wa Al-Arab (Die Kurden und die Araber), um eine Basis für das Zusammenleben im Irak zu skizzieren.
Exil und Tod
Nach dem Scheitern des kurdischen Aufstands 1975 ging Ibrahîm Ehmed ins Exil nach London und blieb von dort eine moralische und intellektuelle Instanz der kurdischen Nationalbewegung. Er war Schwiegervater von Jalal Talabani (dem späteren irakischen Präsidenten) und des Sängers Mazhar Khaleqi. Am 8. April 2000 verstarb er im Alter von 86 Jahren in London; sein Leichnam wurde nach Slemani überführt und auf dem Hügel Girdî Selîm beigesetzt, begleitet von einer riesigen Trauergemeinde.
Einordnung und Zeitgenossen
Zeitlich gehört Ibrahîm Ehmed (1914 – 2000) in die Zeit der Presse und frühen Moderne (1898–1945), Region Başûr. Zeitgenossen im Datensatz der Akademie: Mela ʿEbdulkerîmê Muderris (Namî), Şarî (Alî Arif Axa), Ewnî (Osman Habîb Ebdulła), Ahmed Hardi (Ahmed Hasan Beg). Einen Überblick über die Strömungen gibt die Seite Epochen & Schulen.