Überblick
Pîremêrd – mit vollem Namen Tofîq, Sohn von Mehmûd Aẍa, Enkel von Hemzaẍa Mesref – war einer der größten kurdischen Dichter, Schriftsteller und Journalisten. Er verband klassische Gelehrsamkeit mit modernem Aufklärungsgeist und wurde zur Vaterfigur der kurdischen Presse und des Newroz-Gedankens.
Herkunft und Jugend
Pîremêrd wurde 1867 im Viertel Goîje in Silêmanî in eine angesehene Stammes- und Gelehrtenfamilie geboren. Ab dem siebten Lebensjahr durchlief er die Medresen-Ausbildung (Hujra) – zunächst bei Mela Husên Goçe, später bei Mela Seʿîdî Zilzileyî, wo sich früh sein poetisches Talent zeigte. Er las leidenschaftlich Literatur sowie Dichterbiografien und war zugleich als kühner Reiter und Schütze bekannt. Wie Hacî Qadirî Koyî, Nalî, Mahwî, Mewlewî und Zêwer wanderte er von Moschee zu Moschee und von Stadt zu Stadt – bis nach Bane in Ostkurdistan. Da er das Mela-Studium nicht ganz abschloss, nannte man ihn respektvoll „Mîrza“.
Erste Anstellungen
Mit 15 Jahren (September 1882) wurde er Standesbeamter in Silêmanî, dann Gerichtsschreiber und 1883 Beamter für die Krongüter in Halabja. In dieser Zeit sammelte er leidenschaftlich Gedichte – von Nalî, Mewlewî und Bêsaranî – in seinem „Keşkol“. Später wurde er Chefschreiber am Gericht von Çwarta; 1895 versetzte man ihn nach Kerbela, doch er verzichtete auf den Staatsdienst. Şêx Mustafayê Neqîb machte ihn daraufhin zu seinem persönlichen Sekretär.
In Istanbul und im osmanischen Dienst
1898 reiste er mit Şêx Seʿîdî Hefîd und Şêx Mustafayê Neqîb auf Einladung von Sultan Abdülhamid II. nach Istanbul. 1899 pilgerte er nach Mekka und wurde fortan „Hacî Tofîq“ genannt; auf dem Rückweg starb sein Dichterfreund Wafayî – Pîremêrd war bis zuletzt an seiner Seite. Wegen seiner Brillanz im Persischen beauftragte ihn der Hofschreiber ʿIzzet Paşa, das Antwortschreiben des Sultans an den persischen Schah Naser al-Din zu verfassen; es geriet so vollendet, dass ihm 1899 der Titel „Beg“ und ein Sitz im Hohen Rat verliehen wurden. Er studierte Jura und erwarb ein Diplom der Rechtswissenschaft. 1907 wurde er Mitglied der geheimen kurdischen Gesellschaft unter Şêx Ebdulqadirê Şemzînî. Als osmanischer Verwaltungsbeamter (Qaimmaqam) diente er u. a. in Çölemêrg, Qeremursel und Bit-ül-Şebab, ab 1918 als Mutesarrif (Gouverneur) von Amasya bis 1923.
Rückkehr nach Südkurdistan
Nach dem Scheitern der Verhältnisse infolge des Şêx-Seʿîd-Aufstands (1925) ließ er Frau und Kinder in Istanbul zurück und kehrte über Syrien und Bagdad nach Silêmanî heim; die Zeitung Jiyan begrüßte seine Rückkehr nach 23 Jahren Ferne. Enttäuscht vom ausgebliebenen Fortschritt, strebte er nicht nach Rang und Amt, sondern wählte den Journalismus – Bildung galt ihm als Grundbedingung allen Fortschritts: „Ein Volk, das nicht liest, macht keinen Schritt voran.“ Mutig wurde er zum Wegbereiter der Mädchenschule in Silêmanî und schrieb, allen Anfeindungen zum Trotz, immer schönere Gedichte für die Mädchen und ihre Schule.
Journalismus
Schon in Istanbul war Pîremêrd Herausgeber und Redakteur mehrerer Blätter (u. a. Kurd Teawun ve Teraqqi, 1908, und die Zeitschrift Jîn). Ab 1926 übernahm er die Aufsicht über die Zeitung Jiyan, wurde 1932 ihr Direktor und erwarb 1934 die Rechte daran. 1939 gründete er die Zeitung Jîn samt eigener Druckerei und führte sie bis zu seinem Tod (bis zur Ausgabe Nr. 1015). Damit gilt er als einer der Väter der kurdischen Presse.
Newroz und Theater
Newroz war für Pîremêrd weit mehr als ein Fest: Er deutete es als Sinnbild von Tod und Wiedergeburt, von Revolution und Befreiung des Volkes, und beging es jedes Jahr feierlich. Zugleich förderte er das junge kurdische Theater und brachte Stücke wie Mem û Zîn und Mehmûd Aẍayê Şêwekelî auf die Bühne, deren Erlöse er oft an arme Schüler verteilte.
Werk und Sprache
Pîremêrd war einer der wenigen kurdischen Dichter, die keine starre Grenze zwischen dem arabisch-persischen Aruz-Metrum und dem einheimischen silbenzählenden Volksmetrum zogen – er verwob beide meisterhaft. Sein Dîwan umfasst gesellschaftliche, philosophische und politische Lyrik. Zu seinen Büchern zählen die Ausgabe des Dîwan von Mewlewî (1935), Donze Suwarey Meriwan (1935), Pendî Pêşînan (1936) und Galtew Gep (1947). Seine Literatursprache ist ein reines, volksnahes Kurdisch, praktisch frei von osmanisch-türkischen Einflüssen – bemerkenswert nach 25 Jahren in der Türkei. Insgesamt sammelte er rund 4800 Sprichwörter.
Tod und Testament
Pîremêrd blieb bis zum letzten Atemzug seiner Zeitung und dem Schreiben treu. Er starb am 19. Juni 1950 mit 83 Jahren in Silêmanî und wurde auf seinen Wunsch auf dem Hügel Mameyare beigesetzt, dem früheren Ort der Newroz-Feiern. In seinem Testament schrieb er, er sterbe ohne Furcht, habe nie von fremdem Gut gelebt und bitte nur darum, die Druckerei und die Zeitung fortzuführen, dem Volk selbstlos zu dienen und die Bildung zu fördern: „Für mich zählt allein das Lesen und Lernen; ein Volk ohne Wissenschaft leidet an einer tödlichen Wunde.“
Newroz (1948)
Sein berühmtestes Gedicht – Newroz als Sinnbild von Opfer, Wiedergeburt und Freiheit.
Elegie auf die Märtyrer (1925)
Geschrieben nach der Hinrichtung von Şêx Seʿîdî Pîran und Şêx Ebdulqadir in Diyarbakır.
Aus den Sprichwörtern (Pende)
Eine kleine Auswahl aus seiner Sammlung von rund 4800 kurdischen Sprichwörtern.
„Newroz“ (1948) – das Gedicht des Widerstands
Pîremêrds bedeutendstes lyrisches Werk verwandelte das antike Neujahrsfest in ein Symbol des nationalen Widerstands, der Aufopferung und der politischen Wiedergeburt.
Historischer Kontext: Das Jahr 1948 war für die Kurden eine Zeit tiefer Trauer und Neubesinnung: Die Republik von Mahabad war 1947 niedergeschlagen, Qazî Mihemed hingerichtet worden. Pîremêrd, der als weiser Aufklärer in Slemani lebte, nutzte seine Poesie, um das demoralisierte Volk zu heilen – und übertrug den Newroz-Mythos (den Sieg des Schmieds Kawa über den Tyrannen Dehak) auf die Gegenwart.
Die Farbe Rot – Blut und Blüten: Pîremêrd verknüpft die natürliche Röte der Frühlingsblumen (ئاڵ) mit dem Blut der gefallenen Jugendlichen. Damit bricht er mit der traditionellen Naturlyrik: Der Frühling ist nicht einfach „da“, er wurde durch das Blut der Märtyrer „erkauft“ – die rote Blüte des Frühlings als Metapher für den hohen Preis der Freiheit.
Das Feuer des Herzens: „Newroz entfachte ein solches Feuer in der Brust …“ – das traditionelle Newroz-Feuer wird verinnerlicht. Es brennt nicht mehr nur auf den Bergen, sondern im Innersten (cerg) der Jugend: die leidenschaftliche Liebe zur Heimat, so groß, dass die Angst vor dem Tod verschwindet.
Die Rolle der Frau: „… dass die Brust der Mädchen im Ansturm zum Schild gegen die Kugeln wurde.“ Eine der revolutionärsten Zeilen der Zeit: Pîremêrd, Vorkämpfer für Frauenrechte, betont, dass der Freiheitskampf keine reine Männersache ist – die Mädchen werden zu heroischen Kriegerinnen, das Geschlechterbild im Sinne der nationalen Einheit modernisiert.
Die Unsterblichkeit: Der Schluss definiert das kurdische Konzept des Märtyrertums: „Namrin ewane wa le diɫî mîlleta ejîn“ – „Sie sterben nicht, sie leben fort im Herzen des Volkes.“ Der physische Tod wird in metaphysische Unsterblichkeit transformiert; das Volk wird zum Gefäß, in dem die Opfer ewig weiterbestehen. Ein Aufruf zum Trotz: Der Feind kann töten, aber den Geist des Widerstands nicht auslöschen.
Form und Sprache: Rhythmischer, fast marschartiger Zehnsilber (pence); die Sprache bewusst schlicht gehalten, damit jeder Handwerker, Bauer und Schüler sie verstehen und singen kann. Pîremêrd war Journalist – er wusste, dass Lyrik die „Zeitung des Volkes“ war.
Wirkung und Erbe: Später von Hesen Zîrek vertont, ist das Lied heute die inoffizielle Hymne des Newroz-Festes: Wenn Kurden weltweit am 21. März um das Feuer tanzen, singen sie fast immer Pîremêrds Worte. Er verwandelte ein altes mythologisches Fest in einen modernen Akt nationaler Identitätsstiftung.
Auf einen Blick: Natur wird politisiert – der Frühling ist Ergebnis des Widerstands. Das Opfer ist kein Grund zur Klage, sondern die Morgendämmerung der Freiheit. Frauen sind gleichberechtigte Heldinnen an der Front. Newroz verbindet die alte Geschichte mit der neuen Hoffnung. Und statt zu weinen, soll das Volk stolz auf seine Unsterblichen sein.
Frühlingslied – Hymne auf Slemanî
Die inoffizielle Hymne der Stadt Silêmanî; vertont und berühmt gemacht von Mazhar Khaleqi.
Literarische Analyse
Lokalpatriotismus: Pîremêrd, der geistige Vater des modernen Silêmanî, feiert die Stadt als ästhetisches Gesamtkunstwerk. Lokale Orte wie Girdî Yare („Hügel der Geliebten“) und Serçinar stiften eine emotionale Bindung zwischen Volk und Boden – die Stadt wird zur „farbenprächtigen Blüte“ in der Welt.
Sakralisierung der Heimat: Am Goyzhe-Berg wird der „Thron Gottes“ (ʿerşî Perwerdigar) sichtbar – eine kühne Metaphorik, die die kurdische Landschaft aus der profanen Welt heraushebt: Die Schönheit Kurdistans als Beweis göttlicher Huld.
Lebensfreude gegen Dogmatismus: Der wişkesofî – der trockene, freudlose Asket – ist eine von Pîremêrd oft kritisierte Figur. Dass Frühling und Geselligkeit in Serçinar selbst ihn zum Singen bringen, symbolisiert den Sieg der natürlichen Lebensfreude über lebensfeindliche Enge.
Historische Verankerung: Der Schluss verweist auf Silêman Pascha Baban, den Namensgeber der Stadt; der Refrain awa bê („möge es so bleiben“) ist ein ritueller Wunsch für den Bestand der kurdischen Identität.
Sprache: Şîn meint im Kurdischen Blau wie auch das tiefe Grün der sprießenden Natur – Hoffnung und Erwachen nach dem Winter. Typisch Pîremêrd: klare, volksnahe Sprache mit philosophischem Grund; Mazhar Khaleqis sanfte, würdevolle Stimmführung macht den „Rausch“ (neşʾe) hörbar.
Einordnung und Zeitgenossen
Zeitlich gehört Pîremêrd (1867 – 1950) in die Zeit des nationalen Erwachens (ca. 1850–1898), Region Başûr. Zeitgenossen im Datensatz der Akademie: Zîwer (Abdullah Mela Rasul), Şêx Mehmûdê Berzincî (Nemir), Bêxud (Mela Mehmûdî Muftî), Narî (Mela Kake Hemey Bêlû). Einen Überblick über die Strömungen gibt die Seite Epochen & Schulen.