Überblick
Bêxud (bürgerlich Mela Mehmûdî Muftî) ist einer der bedeutendsten kurdischen Dichter des späten Klassizismus und der Sufi-Tradition. Sein Beiname „Bêxud“ bedeutet „selbstlos“ oder „außer sich vor göttlicher Liebe“ und spiegelt seine tiefe Verwurzelung im Sufismus wider.
Leben und Ausbildung
Mela Mehmûd wurde 1879 in Silêmanî geboren und wuchs in einer der angesehensten Gelehrten- und Muftifamilien Kurdistans auf (der Familie von Mela Ebûbekirî Mûsenîfî Çořî). Er erhielt eine fundierte Ausbildung in den Medresen von Silêmanî und beherrschte Kurdisch, Arabisch und Persisch meisterhaft. 1900 wurde er zum Richter (Hakim) von Halabja ernannt; später lehrte er in Silêmanî – gemeinsam mit Größen wie Zîwer und Rafiq Hilmi –, wobei er für seine Lehrtätigkeit kein Gehalt annahm, da er sie als Dienst an seinem Volk betrachtete. Nach dem Tod seines Bruders übernahm er das Amt des Mufti von Silêmanî, das er bis zu seinem Lebensende innehatte; bekannt war er für Milde, Weisheit und seine leise Stimme.
Literarischer Stil
Bêxud gilt als Meister der technischen Präzision. Er schrieb vorwiegend Ghaselen und Quartette (Çarîne). Seine Poesie ist geprägt von tiefer Spiritualität (der Liebe zum Propheten Muhammad und der Sehnsucht nach geistiger Reinheit), von Melancholie (oft beschreibt er sein Herz als Wanderer oder verlorenen Suchenden) und von sprachlicher Schönheit: Er nutzte die klassischen Metaphern der Baban-Schule und verlieh ihnen eine eigene religiöse Tiefe.
Das Gedicht „Le ew rojewe řoyiştuwe“
Eines der bekanntesten Werke der kurdischen Literatur. Bêxud beklagt, dass er den Propheten Muhammad lange nicht mehr im Traum gesehen hat, und personifiziert sein Herz als einen Gefährten, der ihn verlassen hat, um den Propheten zu suchen. Die vollständige poetische Übertragung:
1. Seit jenem Tag, an dem er ging, ist mein Herz vergrämt, / wie sehr ich auch suche, es bleibt verschollen und ungeahnt. / An welchem Berg mag mein Herz nun wohl rasten? / Oder durch welchen brennenden Schmerz ist es gar vergangen?
2. O Herr, es war mein Seelentröster, mein vertrauter Freund, / der Bewahrer meiner Geheimnisse seit alter Zeit. / Es war mein königlicher Juwel, einzigartig und rein – / in welchem Meer ist es versunken? Wo mag es sein?
3. In welcher Einöde mag es wohl nun verweilen? / Von welcher Sehnsucht wird es in den Bergen getrieben? / Von welchen Pfeilen der Wimpern wurde es zerrissen? / Wie kann es noch schlagen, da es von hundert Wunden gezeichnet ist?
4. (Das Herz in Medina): Jene Brust ist frei von Argwohn, frei von Groll und Neid, / sie ist die Dienerin des heiligen Gesetzes, des Volkes und des Glaubens. / Nun weiß ich es: Mein Herz ist geeilt zum Fürsten von Medina – / ich dachte, es sei verloren, doch nein, es ist am Ziel seiner Reise.
5. „Bêxud“, hab keine Hoffnung mehr, dass es zu dir zurückkehrt, / wenn es einmal sein Haupt an jene heilige Schwelle gelegt hat. / Es wird nie mehr zu dir kommen, denn dort hat es seinen Frieden gefunden.
Tod und Vermächtnis
Bêxud starb am 25. August 1955 in Silêmanî. Sein Begräbnis auf dem Hügel Girdî Seywan war ein Ereignis von nationaler Tragweite, an dem Tausende teilnahmen. Er hinterließ einen Dîwan, der bis heute zu den meistgelesenen Werken der kurdischen Klassik gehört, und bleibt in Erinnerung als ein Mann, der weltliche Ämter (Richter, Mufti) mit der Demut eines Derwisches und der Wortgewalt eines großen Künstlers vereinte.
„Le ew rojewe řoyiştuwe“ (Erste Strophe)
Das personifizierte Herz, das den Dichter verlassen hat, um den Propheten zu suchen.
Hintergrund & Bedeutung
- Das flüchtige Herz: Das Herz ist eigenständig – beschäftigt sich der Mensch zu sehr mit der materiellen Welt, „entflieht“ das Herz der Spiritualität.
- Die Suche: Der Dichter fragt nach seinem Herz wie nach einem verlorenen Kind und vermutet es in Bergen und Wüsten – klassischen Symbolen des Sufi-Pfades.
- Die Erlösung: Die Erkenntnis, dass das Herz nach Medina gegangen ist, beruhigt ihn – es ist kein Verlust, sondern die höchste Form der Erfüllung.
Einordnung und Zeitgenossen
Zeitlich gehört Bêxud (1879 – 1955) in die Zeit des nationalen Erwachens (ca. 1850–1898), Region Başûr. Zeitgenossen im Datensatz der Akademie: Şêx Mehmûdê Berzincî (Nemir), ʿEbdulrehman Begî Baban („Babe“), Mela Ebas Hilmî Kakayî, Shaho (Mela Hesen). Einen Überblick über die Strömungen gibt die Seite Epochen & Schulen.