Çarokê û Çarokê (Das Schultertuch) – Hesen Zîrek

Ein lebendiger Klassiker: Das çaroke (Schultertuch) als zentrales ästhetisches Symbol – Hesen Zîrek (1921–1972) verbindet den dörflichen Alltag (das Sammeln des Frühlingskrauts mendok) mit tiefen Reflexionen im Maqam-Teil: eine Feier der Tracht, der regionalen Identität und der unbezwingbaren Macht der Schönheit. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Çarokê û ÇarokêHesen Zîrek
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DeutschSoranî
Strophe 1 · Das Tuch aus Sulaimaniyya
Das Tuch über ihrer Schulter – dort kommt sie in eiligen Schritten, o Çarokê.
چارۆکەی لای شانی ئەوا هات بە تاوێ چارۆکێ
Çarokey lay şanî ewa hat be tawê çarokê
Das Tuch im Stile Sulaimaniyyas – dort kommt sie herbei. [Lesart unsicher]
چارۆکێ چەتوەی سلەیمانی ئەوا هات بە تاوێ چارۆکێ
Çarokê çetwey sileymanî ewa hat be tawê çarokê
Schön und gütig ist sie – dort kommt sie mit ihrem Taschentuch [desrokê].
جوان و مێهرەبانی ئەوا هات بە تاوێ دەسرۆکێ
Cwan û mêhrebanî ewa hat be tawê desrokê
🔁 Refrain
O Çarokê, o Çarokê – möge sie in eiligen Schritten kommen.
چارۆکە و چارۆکێ دەبا بێت بە تاوێ چارۆکێ
Çaroke û çarokê deba bêt be tawê çarokê
Meine Liebste hat mir versprochen: Sagt ihr, sie soll bereit sein für das Mendok-Sammeln.
یار قەولی پێ داوم بڵێن ساز ببێت بۆ مەندۆکێ
Yar qewlî pê dawim bilên saz bibêt bo mendokê
Sie hat es mir versprochen: Sagt ihr, wir gehen gemeinsam zum Mendok-Sammeln.
یار قەولی پێ داوم بڵێن بێت بچین بۆ مەندۆکێ
Yar qewlî pê dawim bilên bêt biçîn bo mendokê
Strophe 2 · Das rote Tuch
Ihr Schultertuch ist rot – dort kommt sie herbei, o Çarokê.
چارۆکەکەی سوورە و ئەوا هات بە تاوێ چارۆکێ
Çarokekey sûre û ewa hat be tawê çarokê
Ihr Wuchs ist schlank wie eine Flöte [bilûr] – dort kommt sie herbei.
نێوقەد وەک بلوورە و ئەوا هات بە تاوێ دەسرۆکێ
Nêwqed wek bilûre û ewa hat be tawê desrokê
Im ganzen Land ist meine Liebste berühmt [menşûr] – dort kommt sie herbei.
یار لە دنیا مەنشوورە و ئەوا هات بە تاوێ چارۆکێ
Yar le dinya menşûre û ewa hat be tawê çarokê
Die Liebste hat es selbst versprochen – ich bin der Diener [xulam] ihres Tuches.
یار خۆی قەولی داوە هەر خۆم بە غولامی دەسرۆکێ
Yar xoy qewlî dawe her xom be xulamî desrokê
Strophe 3 · Seide und der alte Ehemann
Das Schultertuch ist aus Seide – möge sie herbeieilen.
چارۆکەی حەریرە و دەبا بێت بە تاوێ دەسرۆکێ
Çarokey herîre û deba bêt be tawê desrokê
Sie hat ihre Locken wie Ketten gewunden – dort kommt sie herbei. [sinngemäß]
بای داوە زنجیرە و دەبا بێت بە تاوێ چارۆکێ
Bay dawe zincîre û deba bêt be tawê çarokê
Sie selbst ist wunderschön, doch ihr Ehemann ist ein Greis – dort kommt sie herbei.
خۆی جوان مێردی پیرە و ئەوا هات بە تاوێ دەسرۆکێ
Xoy cwan mêrdî pîre û ewa hat be tawê desrokê
Wir haben uns versprochen, Kichererbsen [nok] zu ernten.
یار قەولی پێ داوم دەچین بۆ دەسکەنەی نۆکێ
Yar qewlî pê dawim deçîn bo deskeney nokê
Maqam · Die gebrochenen Finger
Das Schicksal [felek] erkannte, dass der Glanz von Mond und Sonne verblassen würde,
فەلەک زانی کە دەشکێ ڕەونەقی بازاڕی مانگ و ڕۆژ
Felek zanî ke deşkê rewneqî bazarî mang û roj
darum brach es meine Finger, damit ich die Schönheit deines Antlitzes nicht besinge.
شکاندی پەنجەکەم تا من نەنووسم وەسفی ڕوخسارت
Şikandî pencekem ta min nenûsim wesfî ruxsarit
Das Papier müsste aus Rosenblättern sein, o Seele, und die Feder aus Ambra,
دەبێ کاغەز لە بەرگی گوڵ قەڵەم جانا لە عەمبەر بێت
Debê kaxez le bergî gul qelem cana le ’ember bêt
denn noch immer brennt in mir der Wunsch, dein Antlitz zu preisen.
ئێستا ئەمن مەیلم هەیە بنووسم وەسفی ڕوخسارت
Êsta emin meylim heye binûsim wesfî ruxsarit
Strophe 4 · Das schwarze Tuch, die Stämme
Ihr Schultertuch ist schwarz – dort kommt sie herbei.
چارۆکەکەی ڕەشە و ئەوا هات بە تاوێ دەسرۆکێ
Çarokekey reşe û ewa hat be tawê desrokê
Ob sie vom Mengur- oder Mamş-Stamm ist – möge sie herbeieilen.
مەنگوڕ یان مامشە دەبا بێت بەتاوی دەسرۆکێ
Mengur yan mamşe deba bêt betawî desrokê
Sie ist schön und duftet so herrlich – dort kommt sie herbei.
جوان و بۆنی خۆشە و دەبا بێت بە تاوێ چارۆکێ
Cwan û bonî xoşe û deba bêt be tawê çarokê
Sie hat versprochen: Wenn der Frühling kommt, sammeln wir Mendok.
یار قەولی پێ داوم بەهار بێت بچین بۆ مەندۆکێ
Yar qewlî pê dawim behar bêt biçîn bo mendokê
Strophe 5 · Scharlach und Blau
Ihr Schultertuch ist scharlachrot – möge sie herbeieilen.
چارۆکەکەی ئاڵە دەبا بێت بە تاوێ چارۆکێ
Çarokekey ale deba bêt be tawê çarokê
Der Blick ihrer Augen hat mich getötet – dort kommt sie herbei. [sinngemäß]
کوشتمی چاوی ئامە ئەوا هات بە تاوێ دەسرۆکێ
Kuştimî çawî ame ewa hat be tawê desrokê
Ihre Lippen sind wie feinster Rohrzucker – wann gehen wir zum Mendok-Sammeln?
لێوی شەکری خامە کەی دێت بچین بۆ مەندۆکێ
Lêwî şekirî xame key dêt biçîn bo mendokê
Ihr Schultertuch ist blau – möge sie herbeieilen.
چارۆکەکەی شینە دەبا بێت بە تاوێ چارۆکێ
Çarokekey şîne deba bêt be tawê çarokê
Sie ist geschmückt wie eine gemusterte Taube – dort kommt sie herbei.
وەک کۆتری نەخشینە ئەوە هات بە تاوێ چارۆکێ
Wek kotrî nexşîne ewe hat be tawê çarokê
Um Gottes willen, sieh mich an! Wann gehen wir zum Mendok-Sammeln?
توخوداکەی بمبینە کەی دێی بچین بۆ مەندۆکێ
Tuxudakey bimbîne key dêy biçîn bo mendokê

Anmerkung: Nicht zu verwechseln mit „Çarokekey Kolî To“ und „Çaroge Hewlêrîye“ – das Schultertuch-Motiv trägt mehrere eigenständige Lieder. Die Lesart çetwe/çetfe in Strophe 1 ist unterschiedlich überliefert. Mit [sinngemäß] markierte Zeilen sind freier übertragen.

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
چارۆکەçarokeSchultertuch der Frauentracht
دەسرۆکەdesrokeTaschentuch
مەندۆکmendokessbares Frühlingskraut der Berge
نۆکnokKichererbse
مەنشوورmenşûrberühmt, weitbekannt
فەلەکfelekSchicksal, Himmelsrad
ڕەونەقrewneqGlanz
عەمبەر’emberAmbra
مەنگوڕMengurkurdischer Stamm in Mukriyan
مامشMamşkurdischer Stamm in Mukriyan
کۆتری نەخشینkotrî nexşîngemusterte Taube
بلوورbilûrHirtenflöte
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Das Gewand als Symbol der Anwesenheit

Alles kreist um çaroke und desroke: Stoffe als Träger von Identität und Verlangen. Die Farbenfolge (rot, schwarz, scharlach, blau) erzeugt ein lebensfrohes Bild – die Kleidung kündigt die Frau an, noch bevor sie spricht; sie ist die „Berühmte der Welt“ (menşûre).

2
Die agrarische Romantik (Mendok und Nok)

Das gemeinsame Sammeln von mendok und das Ernten von Kichererbsen: In der traditionellen Gesellschaft waren diese kollektiven Arbeiten die seltenen Gelegenheiten, bei denen sich junge Männer und Frauen sehen konnten – die Arbeit als Vorwand für das Stelldichein (qewl).

3
Das tragische Motiv des alten Ehemannes

„Xoy cwan mêrdî pîre“ – sie ist schön, doch ihr Mann ist alt: das schmerzhafte Motiv der Zwangs- oder Vernunftehe, in der die Schönheit der Jugend an die Hinfälligkeit des Alters gebunden wird.

4
Die Unzulänglichkeit der Kunst (Maqam)

Das Schicksal bricht dem Dichter die Finger – aus Eifersucht auf die Schönheit der Geliebten, die Sonne und Mond in den Schatten stellt. Er fordert sakrale Schreibwerkzeuge: Papier aus Rosen, Tinte aus Ambra – gewöhnliche Worte reichen nicht, um die „Wahrheit“ ihres Gesichts zu beschreiben.

5
Stammesidentität und Vielfalt

Mengur und Mamş – zwei große Stämme Mukriyans: Schönheit kennt keine Stammesgrenzen. Ein Akt der Inklusion: Egal welcher Herkunft, sie bleibt die Königin seines Herzens.

6
Somatische Vergleiche: Flöte und Taube

Die bilûr (Hirtenflöte) für Schlankheit und Wohlklang; die „gemusterte Taube“ (kotrî nexşîne) für Reinheit, Sanftheit und ästhetische Perfektion.

7
Fazit

Eine Hymne an die kurdische Lebensfreude und das kulturelle Erbe: Die Schwere des Schicksals (der alte Ehemann, das neidische felek) integriert in einen mitreißenden Tanzrhythmus – Schönheit und Liebe verwandeln selbst die Feldarbeit in ein Fest.