Kîjan Deçne Mêrgulan (Die Mädchen auf den Wiesen) – Hesen Zîrek

Eines der lebendigsten, bildreichsten Lieder der kurdischen Volkspoesie: Hesen Zîrek (1921–1972) beschreibt den Frühling im Hochland (kwêstan), wenn die jungen Frauen gemeinsam in die Berge ziehen, um Rhabarber, Veilchen und Steinweichsel zu sammeln – kollektive Arbeit trifft auf individuelle Sehnsucht, die raue Schönheit der Natur wird zur Bühne einer spielerischen, tief empfundenen Romantik. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Kîjan Deçne MêrgulanHesen Zîrek
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DeutschSoranî
Strophe 1 · Rhabarber und Veilchen
Die Mädchen gehen auf die Blumenauen, die Mädchen gehen zum Rhabarber-Sammeln,
کیژان دەچنە مێرگوڵان کیژان دەچنە ڕێواسان
Kîjan deçne mêrgulan kîjan deçne rêwasan
ja, auf den Hochweiden pflücken sie gemeinsam Veilchen.
وەڵا کوێستانان تێکڕا دەچنن وەنەوشە
Wela kwêstanan têkra deçinin wenewşe
Der Schweiß tropft von ihren Schläfen, Tropfen für Tropfen rinnt er herab
ئارەق لەو هانیەی دەتکێ تک تک دێنە خوار
Areq lew hanîyey detkê tik tik dêne xwar
und benetzt die Fersen ihrer Schuhe.
تەڕ دەکەن پانیەی کەوشە
Terr deken panîyey kewşe
Wenn es keine allzu große Mühe macht – um deinetwillen existiere ich kaum noch – so komm doch zum Hoftor heraus.
بەباری زەحمەت نەبێ خۆ من بۆت نەمام بۆم وەرە دەرکێ حەوشە
Bebarî zehmet nebê xo min bot nemam bom were derkê hewşe
🔁 Refrain
Warum kommen jene berauschten Narzissenaugen nicht, damit ich sie sehe?
چاوی خومار و نێرگیز بۆچی نایە بیبینم
Çawî xumar û nêrgiz boçî naye bibînim
Damit ich sie mit ganzem Herzen betrachte, bis meine süße Seele meinen Körper verlässt.
پڕ بە دڵ تەماشای کەم دەربچێ گیانی شیرینم
Pir be dil temaşay kem derbiçê gyanî şîrînim
Ach, wehe! Möge ich niemals deinen Tod erleben [ein Segenswunsch].
ئەی وەی یاڕەبی مەرگت نەبینم
Ey wey yarebî mergit nebînim
Strophe 2 · Das Kind der Bilbas
Die Mädchen gehen auf die Hochweiden, ja, inmitten der Felsen sammeln sie gemeinsam Rhabarber.
کیژان دەچنە کوێستانان وەڵا نێو شاخی بە عام دەکەن ڕێواسی
Kîjan deçne kwêstanan wela nêw şaxî be ’am deken rêwasî
Möge mein Leben deiner Gestalt geopfert sein – ich vergehe für dich, du Kind der Bilbas-Stämme. [sinngemäß]
بە سەرگەردی باڵات بێ ئەرێ بۆت نەمام پاین شەش دانگی بڵباسی
Be sergerdî balat bê erê bot nemam payin şeş dangî bilbasî
Ich bin doch dein eigener Verwandter, du Schöne – warum erkennst du mich so lieblos nicht an?
خزمی خۆتم جوانێ گیان بۆچ بێلوتفی نامناسی
Xizmî xotim cwanê gyan boç bêlutfî namnasî
Strophe 3 · Der Kuss und die Last
Die Mädchen gehen auf die kleinen Auen, ja, auf den Wiesen pflücken sie gemeinsam Veilchen.
کیژان دەچنە مێرگۆڵان وەڵا مێرگینە تێکڕا دەچنن وەنەوشان
Kîjan deçne mêrgolan wela mêrgîne têkra deçinin wenewşan
Der Schweiß tropft von ihren Schläfen, Tropfen für Tropfen, und benetzt die Fersen ihrer Schuhe.
ئارەق لەو هانیەی دەتکێ تک تک دێنە خوار تەڕ دەکەن پانیەی کەوشان
Areq lew hanîyey detkê tik tik dêne xwar terr deken panîyey kewşan
Mädchen, lass mich dich küssen, lass mich dich umschlingen – die Last [die Sünde] dafür nehme ich auf mich. [sinngemäß]
کیژێ بێنە ماچت کەم دەبا ڕاتمووسم وەباڵ بەستۆی پێخۆشان
Kîjê bêne maçit kem deba ratmûsim webal bestoy pêxoşan
Strophe 4 · Der Steinweichsel und die Edlen
Die Mädchen gehen auf die kleinen Auen, ja, auf den Wiesen pflücken sie gemeinsam den Steinweichsel [Kenêr].
کیژان دەچنە مێرگۆڵان ئەی وەی مێرگینە تێکڕا دەچنن کەنێرێ
Kîjan deçne mêrgolan ey wey mêrgîne têkra deçinin kenêrê
Der Schweiß tropft von ihren Schläfen, Tropfen für Tropfen, und benetzt ihre Muttermale.
ئارەق لە هانیەی دەتکێ تک تک دێنە خوار تەڕ دەکەن خاڵی مێرێ
Areq le hanîyey detkê tik tik dêne xwar terr deken xalî mêrê
Man sagt, die Edlen seien gekommen – bei Gott, sagt alle gemeinsam „Willkommen“ zu meiner Liebsten.
دەڵێن نەجیب هاتاوە وەڵا یاری من بە عام بڵێن بەخێرێ
Delên necîb hatawe wela yarî min be ’am bilên bexêrê
Strophe 5 · Die Tulpen
Die Mädchen gehen auf die kleinen Auen, ja, auf den Wiesen pflücken sie gemeinsam Tulpen [Helalan].
کیژان دەچنە مێرگۆڵان ئەی وەی مێرگینە تێکڕا دەچنن هەڵاڵان
Kîjan deçne mêrgolan ey wey mêrgîne têkra deçinin helalan
Der Schweiß tropft von ihren Schläfen, Tropfen für Tropfen, und benetzt ihre kleinen Muttermale.
ئارەق لە هانیەی دەتکێ تک تک دێنە خوار تەڕ دەکەن وردەخاڵان
Areq le hanîyey detkê tik tik dêne xwar terr deken wirdexalan
Mädchen, lass mich dich küssen, ab und zu lass mich dich umschlingen – die Last dafür liege auf den Schultern der Liebenden. [sinngemäß]
کیژێ بێنە ماچت کەم جارجار ڕاتمووسم وەباڵ بەستۆی دەڵاڵان
Kîjê bêne maçit kem carcar ratmûsim webal bestoy delalan

Anmerkung: Der Refrain wird nach jeder Strophe wiederholt; Zwischenrufe (wela, ey wey, eman, ella) variieren je nach Vortrag. Mit [sinngemäß] markierte Zeilen sind freier übertragen.

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
مێرگmêrgWiese, Aue
ڕێواسrêwaswilder Rhabarber – Frühlingsdelikatesse der Berge
کوێستانkwêstanHochweiden, Sommerweiden
کەنێرkenêrSteinweichsel (Felsenkirsche)
هەڵاڵەhelaleWildtulpe
ئارەقareqSchweiß
هانیەhanîyeSchläfe
نێرگزnêrgizNarzisse – klassisches Symbol des schönen Auges
خومارxumarberauscht, schmachtend (vom Blick)
بڵباسBilbasmächtige kurdische Stammesföderation
وەباڵwebalmoralische Last, Sünde
یاڕەبی مەرگت نەبینمyarebî mergit nebînim„Möge ich deinen Tod nie erleben“ – tiefer Segenswunsch
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Die Natur als sozialer Raum und Kulisse der Arbeit

Das Lied dokumentiert eine wichtige kulturelle Praxis: das gemeinsame Sammeln von Rhabarber (rêwas), Veilchen (wenewşe) und Steinweichsel (kenêr) in den Bergen – in der Folklore eng mit Jugend und Schönheit verknüpft. Die Berge sind kein Ort der Isolation, sondern ein Raum der Freiheit und Begegnung für die jungen Frauen; die genaue Nennung der Pflanzen verankert das Lied fest in der Geografie Kurdistans.

2
Die Ästhetik der Anstrengung (Areq)

Ein ungewöhnliches, starkes Bild: Der Schweiß (areq) wird nicht als unästhetisch, sondern als Zeichen von Vitalität und natürlicher Schönheit gezeigt. Dass er „die Fersen der Schuhe benetzt“ oder über die Muttermale rinnt, verleiht dem Text fast filmische Detailgenauigkeit – die physische Präsenz der Mädchen in der Landschaft.

3
Stammesidentität und Verwandtschaft (Bilbasî)

Die Bilbas sind eine mächtige kurdische Stammesföderation. Indem der Dichter die Geliebte als „Kind der Bilbas“ anspricht und zugleich betont, ihr „Verwandter“ (xizm) zu sein, verweist er auf die komplexen sozialen Strukturen, in denen Liebe und Heirat stattfinden. Der Vorwurf der Lieblosigkeit trotz Verwandtschaft spiegelt das schmerzhafte Spiel von Nähe und Distanz innerhalb der Gemeinschaft.

4
Die Augenmetaphorik: Narzissen und Rausch

Die Augen sind Narzissen (nêrgiz) – im Orient das klassische Symbol des schönen Auges – und „berauscht“ (xumar): eine schläfrige, verführerische Schwere des Blicks, die den Betrachter „tötet“. Das Betrachten (temaşa) wird zum lebensgefährlichen, aber erstrebenswerten Akt der Hingabe.

5
Der Segenswunsch (Yarebî mergit nebînim)

„Möge ich deinen Tod niemals sehen“ ist eine der tiefsten kurdischen Redewendungen der Zuneigung: Möge ich vor dir sterben, damit ich den Schmerz deines Verlustes nicht ertragen muss. Inmitten des fröhlichen Blumensammelns gibt dieser Satz dem Lied eine ernste, loyale Tiefe – es geht um lebenslange Bindung.

6
Das Motiv des „Webal“ (Die moralische Last)

Der Liebende bittet um einen Kuss und erklärt sich bereit, die moralische Verantwortung (webal) für den Tabubruch auf sich zu nehmen. Das zeigt den Mut des kurdischen aşiq, der die Regeln der Gesellschaft für einen Augenblick der Intimität herausfordert.

7
Fazit

Eine meisterhafte Verschmelzung von Erotik, Ethnografie und Naturverehrung: Das Lied feiert die Vitalität der kurdischen Jugend und die unzerstörbare Verbindung zwischen Volk und Bergen – der harte Alltag der Bergarbeit wird zum ästhetischen Fest der Sinne. Zîreks Interpretation macht den Duft der Veilchen und die Kühle der Quellen fast physisch spürbar: eine Hymne an das Leben im Einklang mit der Natur.