📜 Dichter · 1966–1998

Marif Axayî

مارف ئاغایی

← Alle Literaten

Überblick

Marif Axayî (bürgerlich Maʿrûf Axayî) war einer der talentiertesten und einflussreichsten kurdischen Dichter und Schriftsteller der Moderne in Ostkurdistan. Er gehörte zu jener Generation, die nach der iranischen Revolution von 1979 die kurdische Literatur durch neue Inhalte, eine präzise Sprache und einen unverwechselbaren Stil revolutionierte.

Herkunft und Jugend

Marif Axayî wurde am 22. Januar 1966 im Dorf Weznê (Region Sandus) nahe Nagheda geboren; er entstammte der Familie Paşayî. Seine Schulzeit verbrachte er in Nagheda und Şino (Oshnavieh). Schon früh prägte politisches Bewusstsein seinen Bildungsweg: Während der Gymnasialzeit wurde er für ein Jahr inhaftiert, was ihn zeitweise vom Studium abhielt.

Das Zentrum seines Wirkens: die Zeitschrift Sirwe

1985, mit nur 19 Jahren, begann Axayî seine Mitarbeit bei der neu gegründeten Literatur- und Kulturzeitschrift Sirwe in Urmia; zwei Jahre später wurde er festes Redaktionsmitglied. Er war maßgeblich daran beteiligt, Reichweite und Leserschaft der Zeitschrift zu vergrößern, und galt als Brückenbauer, der Kontakte zu Intellektuellen in allen Teilen Kurdistans knüpfte.

Akademischer Ehrgeiz und Sprachtalent

Neben der Redaktionsarbeit widmete sich Axayî intensiv dem Studium der kurdischen Dialekte. In beeindruckend kurzer Zeit erlernte er zudem Englisch, um internationale wissenschaftliche Werke zugänglich zu machen. Sein bedeutendstes Übersetzungsprojekt war die Übertragung der Studie „The Kurdish National Sentiment“ ins Kurdische – ein Manuskript, das nach seinem Tod unter ungeklärten Umständen verschwand.

Der tragische Tod

Sein Leben endete auf dem Höhepunkt seines Schaffens: Am 14. Februar 1998 (30. Rêbendan 1376 SH) befand er sich auf der Rückreise von der Trauerfeier für Mina Qazi (die Witwe des Präsidenten Qazî Mihemed) in Mahabad. Während er im Auto mit Kollegen über die 50-jährige Geschichte der kurdischen Literatur diskutierte, ereignete sich ein schwerer Unfall – Axayî verstarb zusammen mit seinen Freunden Jafar Qazi und Sertip Mansuri. Seinem Wunsch entsprechend wurde er auf dem Friedhof Budaq Sultan in Mahabad beigesetzt, in unmittelbarer Nähe der Gräber von Hejar und Hêmin Mukriyanî.

Literarisches Erbe und Stil

Axayî gilt als „Inhaltist“: Seine Lyrik verzichtete auf leere Floskeln und suchte nach tieferen philosophischen und sozialen Wahrheiten. Sein postum veröffentlichtes Buch Zewî Sextra û Asman Dûr (Die Erde ist hart und der Himmel fern) wird von Kritikern als Meilenstein der zeitgenössischen kurdischen Literatur gewertet.

Manewe (Das Bleiben)

Über die untrennbare Verbindung zwischen Individuum, Boden und Volk (Auszug, deutsche Wiedergabe).

Deutsch
Diesen mitleidlosen, liebevollen Geliebten, den ich weder wie ein Mädchen hinter mich aufs Pferd setzen
und im goldglänzenden Mondlicht entführen kann,
noch jemals im Herzen verlassen könnte, um mich an den Regenbogen eines anderen Ortes zu binden:
Sein Name ist Boden (Xak).
Diesen Ozean, den ich weder im Glas meiner Augen davontragen kann,
noch fern von ihm aus den Meeren irgendeines anderen Ortes einen Schluck trinken könnte:
Sein Name ist Volk (Xełk).
Ich weiß, dass die Wälder überall das warme Zwitschern der Spatzen besitzen
und die Flüsse jedes Landes den Klang der Wasserfälle und die Farbe des Schaums…
Aber was soll ich tun? Wenn es nicht hier ist, hört mein Ohr sie nicht recht,
sieht mein Auge sie nicht recht und fühlt meine Seele sie nicht recht.

Einordnung und Zeitgenossen

Zeitlich gehört Marif Axayî (1966 – 1998) in die Nachkriegszeit und Gegenwart (ab 1945), Region Rojhelat. Zeitgenossen im Datensatz der Akademie: Şpirze (Şêx Nafîʿ Mezher), Mela Kerîm Sardekosanî, Hêdî (Xalîd Hisamî), Jelal Meleksha (Jelal Rehîmî Melekshan). Einen Überblick über die Strömungen gibt die Seite Epochen & Schulen.