Şerîfe Bawkero (O Mädchen dieser Zeit) – Xerîb Xidriyar
Ein Klassiker der kurdischen Folklore aus den Regionen Erbil (Hewlêr) und Garmian: ein typisches „Beste“ (rhythmisches Volkslied), das soziale Beobachtung, bissigen Spott über ungeliebte Ehemänner und leidenschaftliche Sehnsucht verbindet. Xerîb Xidriyar, bekannt für seine authentische, erdige Darbietung traditioneller Volksweisen, entfaltet den vollen satirischen und emotionalen Charakter. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.
Kurzes Vokabular
| Kurdisch | Umschrift | Bedeutung |
|---|---|---|
| باوکەڕۆ | bawkero | „Tochter ihres Vaters“ (vertrauliche Anrede) |
| ڕوودار | rûdar | keck, dreist |
| خومار | xumar | sehnsüchtig, benommen |
| داد و بێداد | dad û bêdad | Wehklage: „o weh, ach wehe“ |
| لیمۆ | lîmo | Zitrone |
| کەری بارکێش | kerî barkêş | Lastesel |
| کۆپان | kopan | Sattelkissen |
| شڕۆڵ | şirol | zerlumpt, abgenutzt |
| بەرهەیوان | berheywan | offene Veranda |
| ئاگادار | agadar | wissend, achtsam |
Literarische Analyse
Markant ist der unverblümte Spott über den Ehemann der besungenen Şerîfe: ein Lastesel (kerî barkêş) mit zerlumptem Sattel und krankem Nacken. In der kurdischen Folklore ist das ein klassisches Motiv, um Zwangshochzeiten oder Ehen aus materiellen Gründen zu kritisieren: Die junge, schöne Frau ist an einen alten, „verbrauchten“ Mann gebunden – der Liebende betont dessen Unwürdigkeit.
Die Zitrone als Bild für die weibliche Brust ist in der kurdischen Lyrik weit verbreitet: Frische, Duft, jugendliche Form. Die Klage, dass die „Hand nicht voll ist“ (pir desim nîye), ist doppeldeutig – das ungestillte physische Verlangen und zugleich die materielle Armut des Liebenden, der keinen Brautpreis zahlen konnte und leer ausging.
In der letzten Strophe kippt der Ton von der frechen Satire zur existenziellen Klage. „Niemand weiß um den Schmerz des anderen“ ist ein tiefgreifendes kurdisches Sprichwort: die Einsamkeit des Individuums in einer Gesellschaft, die kollektiv feiert, den persönlichen Kummer aber oft ignoriert – min kesim nîye.
Der Sänger kontrastiert seinen Zustand mit dem der „anderen“ (xelk): Während andere soziale Sicherheit (Häuser aus Stein) besitzen, definiert er sich über seine leidenschaftliche Bereitschaft. Die Veranda (berheywan) symbolisiert den Außenseiter, der nah am Geschehen ist, aber keinen Platz im „Inneren“ – im Leben der Geliebten – hat.
Xidriyar singt mit der für ihn typischen dörflichen Ästhetik: Die Stimme ist nicht geschönt, sondern trägt die Rauheit und Direktheit des ländlichen Lebens. Diese Authentizität ist entscheidend, denn das Lied lebt von den harten Kontrasten zwischen Jugend und Alter, Armut und Begierde.
Ein lebendiges Dokument der kurdischen Volksseele: Musik als Ventil, um soziale Ungerechtigkeiten wie ungleiche Ehen durch Humor und Spott zu verarbeiten – und zugleich ein zutiefst menschliches Lied über die Sehnsucht nach Berührung und die Trauer über die Gleichgültigkeit der Welt. Ein Stück kurdischer Identität, das zum Lachen und zum Nachdenken anregt.
