Cemîle – Azad Qeredaxî

Ein charmanter und leidenschaftlicher Klassiker der kurdischen Liebesfolklore im Soranî-Dialekt, gerichtet an eine junge Frau namens Cemîle: das Spiel der Verführung, der Schwur auf den Koran und die sozialen Hürden. Azad Qeredaxîs rhythmischer Stil versetzt den Hörer in die Atmosphäre eines kurdischen Dorffestes. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

CemîleAzad Qeredaxî
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DeutschSoranî
Strophe 1 · Der gebrochene Schwur
Cemîle, möge dich jener Koran strafen, bei Gott, du brachtest ihn her und schlugst ihn auf.
جەمیلە ئەو قورعانە بتگرێ ئەی هاوار هێنات لێکت کردەوە
Cemîle ew qur’ane bitgirê ey hawar hênat lêkit kirdewe
Cemîle, dreimal legtest du deine Hand darauf und trugst ihn zur Moschee zurück.
جەمیلە سێ جار دەستت پێدا دا ئەی هاوار بۆ مزگەوتت بردەوە
Cemîle sê car destit pêda da ey hawar bo mizgewtit birdewe
Cemîle, du amüsierst dich über mich, ach, mit deinem goldenen Nacken.
جەمیلە بۆخۆت کەیفم بۆ دەکەی ئەی هاوار بە گەردنی زەردەوە
Cemîle boxot keyfim bo dekey ey hawar be gerdinî zerdewe
Cemîle, du hast mich heimatlos gemacht [meine Welt zerstört] mit deinen kalten Seufzern.
جەمیلە ئەمنت ماڵوێران کردووە ئەی هاوار بە هەناسەی سەردەوە
Cemîle eminit malwêran kirduwe ey hawar be henasey serdewe
🔁 Refrain
Cemîle, Cem, Cem, Cem und Cemîle, o Schrei, dein Dekolleté ist für die Nadel [der Sehnsucht].
جەمیلە جەم جەم جەم و جەمیلە ئەی هاوار بەرۆکت بۆ دەرزیلە
Cemîle cem cem cem û cemîle ey hawar berokit bo derzîle
Cemîle, dein Finger ist schlank und schmal, ach, wie schön er für einen Ring wäre.
جەمیلە قامکت شووش و باریکە ئەی هاوار جوانە بۆ ئەنگوستیلە
Cemîle qamkit şûş û barîke ey hawar cwane bo engustîle
Strophe 2 · Die Einzige aus Mahabad
Cemîle, um Gottes willen, spitz doch dein Ohr, damit meine Stimme dich erreicht.
جەمیلە توخوا تاوێ گوێ شل کە ئەی هاوار با دەنگی من بتگاتێ
Cemîle tuxwa tawê gwê şil ke ey hawar ba dengî min bitgatê
Cemîle, ach, wie schön und süß du bist, du Einzige aus Mahabad.
جەمیلە ئەی کە جوان و شیرینی ئەی هاوار تاقانەی مەهاباتێ
Cemîle ey ke cwan û şîrînî ey hawar taqaney mehabatê
Cemîle, du kamst nicht zu mir zu Gast, damit wir ein, zwei Stunden beisammensitzen.
جەمیلە نەهاتی بە میوانم ئەی هاوار دانیشین یەک دوو ساتێ
Cemîle nehatî be mîwanim ey hawar danîşîn yek dû satê
Cemîle, würdest du mir nur einen Kuss schenken, statt all der Gaben des Berat-Festes.
جەمیلە تاقە ماچێکم دەیەی ئەی هاوار لە جیاتی گشت بەراتێ
Cemîle taqe maçêkim deyey ey hawar le cyatî gişt beratê
Strophe 3 · Tränen wie Frühlingsregen
Cemîle, gleich dem Frühlingsregen, Cemîle, fallen meine Tränen herab.
جەمیلە هەر وەک بارانی بەهار جەمیلە وا فرمێسکم دێنە خوار
Cemîle her wek baranî behar cemîle wa firmêskim dêne xwar
Cemîle, mein innerer Frieden ist geraubt, ach, hab doch ab und zu Erbarmen mit mir.
جەمیلە ئارامم لێ بڕاوە ئەی هاوار ڕەحمت پێمدا بێ جار جار
Cemîle aramim lê birawe ey hawar rehimit pêmda bê car car
Cemîle, im Gedenken an jene deine Augen sitze ich hier voller Kummer.
جەمیلە بە یادی ئەو چاوانەت ئەی هاوار دادەنیشم من خەمبار
Cemîle be yadî ew çawanet ey hawar dadenîşim min xembar
Cemîle, wenn du mir noch wohlgesinnt bist, ach, so werde zum zweiten Male meine Liebste.
جەمیلە ئەگەر مەیلت لەسەرمە ئەی هاوار ببە وە یارم دوو جار
Cemîle eger meylit leserme ey hawar bibe we yarim dû car
Coda · Der gütige Blick
Cemîle, schau mich gütig an, Cemîle, dieses mein Herz ist vor dir ganz klein [demütig] geworden.
جەمیلە ئاوڕی بەخێرم وێدە جەمیلە ئەو دڵەم بۆ تۆ زەلیلە
Cemîle awrî bexêrim wêde cemîle ew dilem bo to zelîle

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
قورعانە بتگرێqur’ane bitgirê„möge der Koran dich strafen“ (Schwurformel)
مزگەوتmizgewtMoschee
گەردنی زەردgerdinî zerdgoldener Nacken
ماڵوێرانmalwêran„heimatlos gemacht“, zugrunde gerichtet
هەناسەی سەردhenasey serdkalter Seufzer
قامکی شووشqamkî şûşschlanker, gläserner Finger
ئەنگوستیلەengustîle(Verlobungs-)Ring
تاقانەtaqanedie Einzige, das einzige Kind
بەراتberatBerat-Fest (heilige Nacht)
زەلیلzelîldemütig, elend, klein
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Der Koran als Zeuge des Verrats (Qur’anê bitgirê)

Cemîle hat auf den Koran geschworen – dreimal die Hand aufgelegt – und das Versprechen zur Moschee getragen. In der kurdischen Kultur ist ein Koranschwur unumstößlich; „Möge dich der Koran strafen“ impliziert, dass sie ihren Eid gebrochen hat. Das verleiht der Liebesklage moralische und religiöse Schwere.

2
Die Geografie der Schönheit (Mahabad)

Cemîle ist die „Einzige aus Mahabad“ (taqaney Mehabatê). Mahabad in Ostkurdistan gilt historisch als Zentrum der Kultur, der Schönheit und des kurdischen Nationalstolzes – der Kosename adelt ihre Schönheit als etwas Einzigartiges.

3
Die Bewunderung der Details (Qamkî şûş)

Typisch für die kurdische Lyrik ist die detaillierte Bewunderung: Der „schlanke Finger“, perfekt für einen Ring – ein klarer Hinweis auf den Wunsch nach Verlobung und Bindung. Der „goldene Nacken“ (gerdinî zerd) steht für Wohlstand, Gesundheit und ästhetische Vollkommenheit.

4
Das Motiv des „kalten Seufzers“ (Henasey serd)

Während der Liebende in Leidenschaft brennt, begegnet Cemîle ihm mit einem „kalten Seufzer“ – in der orientalischen Poesie das Symbol für Gleichgültigkeit. Diese Kälte ist „weltzerstörend“ (malwêran); der Kontrast zwischen heißem Flehen und kühler Distanz treibt die Dynamik des Liedes.

5
Die religiöse Feierlichkeit (Berat und Moschee)

Ein Kuss von Cemîle wird mit den Gaben des Berat-Festes verglichen – eine kühne Metapher: Die weltliche Liebe wird mit religiöser Erlösung gleichgesetzt; ihr Kuss ist wertvoller als alle spirituellen Belohnungen einer heiligen Nacht.

6
Die Demut des Liebenden (Zelîl)

Am Ende ist das Herz des Dichters zelîl – elend, demütig – vor ihr: der Endzustand des klassischen Liebenden, der jeden Stolz aufgegeben hat und völlig vom „gütigen Blick“ (awrî bexêr) der Geliebten abhängt.

7
Fazit

Ein Meisterwerk der kurdischen Liebeslyrik, das Volksglauben (Koranschwur), regionale Identität (Mahabad) und Bewunderung vereint. Qeredaxî macht daraus eine rhythmische Erzählung zwischen Vorwurf und Sehnsucht: Liebe ist in Kurdistan oft ein öffentlicher Pakt, dessen Bruch tiefe Erschütterungen nach sich zieht – ein zeitloses Zeugnis für die Macht der Versprechen und die Grausamkeit der Gleichgültigkeit.