Sewze Hey Lîmo – Qur’anê Bêne (Bring den Koran herbei) – Azad Qeredaxî
Ein charmanter Klassiker der kurdischen Liebesfolklore im Soranî-Dialekt: Religiöse Eide verbinden sich spielerisch mit profaner Leidenschaft – der Schwur auf den Koran als höchstes Zeichen der Aufrichtigkeit. Azad Qeredaxî gibt dem Stück mit seinem rhythmischen Gesangsstil eine heitere und doch ernsthafte Note. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.
Kurzes Vokabular
| Kurdisch | Umschrift | Bedeutung |
|---|---|---|
| ئازیز گیان | azîz gyan | teure Seele (Koseanrede) |
| باڵا | bala | Wuchs, Gestalt |
| سەوزە | sewze | die Grüne, Frische |
| لیمۆ | lîmo | Zitrone – Bild für Frische und Duft |
| خەرمانە | xermane | Hof (um den Mond) |
| کەمشەرت | kemşert | wortbrüchig |
| حەیران | heyran | verzückt; Bewunderer |
| سەرچاو | serçaw | „auf meinen Augen“ – Willkommensformel |
| قەند | qend | Zucker |
| نەبات | nebat | Kandiszucker |
Literarische Analyse
Das Lied beginnt mit der radikalen Aufforderung, den Koran herbeizubringen – ein „Liebesschwur“ (swêndî ewînî). In einer Gesellschaft, in der Religion den moralischen Rahmen vorgibt, nutzt der Liebende das heiligste Buch, um die Unumstößlichkeit seiner Gefühle zu beweisen: Die Liebe ist kein flüchtiger Flirt, sondern ein Pakt vor Gott.
Sewze (die Grüne, Frische) steht für Jugend, Vitalität und Frühling; lîmo (Zitrone) ist ein in der kurdischen Lyrik beliebtes Bild für Frische, Duft und herb-süße Anziehungskraft. Die Kosenamen vermenschlichen die Natur und machen die Schönheit der Frau sinnlich erfahrbar.
Der Schwur beim Mond mit Hof (xermaney mang) ist ein poetisches Bild für Klarheit und Erhabenheit. Der Mondhof gilt in der Folklore oft als Vorbote von Wetteränderungen – hier symbolisiert er die strahlende Aura der Geliebten und die Beständigkeit der Gefühle unter dem weiten Himmel Kurdistans.
„Bin ich es, der wortbrüchig ist, oder bist du es?“ – ein spielerisches Einfordern von Treue. Der Liebende versichert die eigene Standhaftigkeit und fordert die Geliebte indirekt auf, ihr Wort ebenfalls zu halten: Liebe als gegenseitiger Vertrag (şert).
Die Willkommensformel serçawim hatî („auf meinen Augen bist du gekommen“) ist der Inbegriff kurdischer Gastfreundschaft: Der Gast ist so wertvoll wie das eigene Augenlicht. Der Vergleich mit Zucker (qend) und Kandis (nebat) betont die euphorisierende Wirkung ihrer Anwesenheit.
Eine charmante Verbindung aus kultureller Tradition und persönlicher Sehnsucht: Liebe steht in Kurdistan stets im Kontext von Glaube, Ehre und Natur. Qeredaxî trägt den Text mit einer Leichtigkeit vor, die das Lied zum Liebling gesellschaftlicher Zusammenkünfte macht – ein Plädoyer für absolute Treue, das die Begegnung mit der Geliebten als gottgesegnetes Ereignis feiert.
