Her Dejîm û Serbilindim (Unbeugsam bis in den Tod) – Azad Qeredaxî · Text: Sûtaw

Eine der bekanntesten patriotischen Hymnen Südkurdistans im Soranî-Dialekt: Der Text stammt vom Dichter Sûtaw (Resûl Kerîmî), die Stimme Azad Qeredaxîs gab dem Werk seine legendäre Wucht. Qeredaxîs heroischer Gesangsstil fängt die Atmosphäre der Berge und des Widerstands der 1980er Jahre ein – ein Manifest des Trotzes und ein Gelübde, die eigene Würde niemals der Unterdrückung zu opfern. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Her DejîmAzad Qeredaxî
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DeutschSoranî
Strophe 1 · Das Gelübde
Ich werde ewig leben und stolz sein bis zum Tage meines Todes,
هەر دەژیم و سەربڵندم تاکو ڕۆژی مردنم
Her dejîm û serbilindim taku rojî mirdinim
stehend werde ich meine Seele hingeben, niemals werde ich vor meinem Feind niederfallen.
من بە پێوە گیان ئەدەم قەت ناکەوم بۆ دوژمنم
Min be pêwe gyan edem qet nakewm bo dujminim
Auf dem Fundament [Bistû] des Lebens bin ich wie eine alte Zeder; ich beuge mich nicht.
من لەسەر بستووی ژیانا کۆنەدارم نانەوم
Min leser bistûy jyana konedarim nanewm
Die Festung meiner Pflicht bringe ich durch die Kanonen der Russen und Osmanen nicht zu Fall.
من قەڵای ئەرکم بە تۆپی ڕووس و عوسمان ناکەوم
Min qelay erkim be topî rûs û ’usman nakewm
Strophe 2 · Der Trotz
Selbst wenn du das gesamte Gefüge meines Lebens in Stücke reißt,
گەر تەواوی تاروپۆی ژینم لەبەریەک هەڵبڕی
Ger tewawî tarupoy jînim leberyek helbirî
wenn du mein Innerstes [meine Leber] und das meiner Söhne wie ein Wolf zerfleischst,
جەرگی خۆم و لاوەکانم هەر وەکوو گورگ هەڵدڕی
Cergî xom û lawekanim her wekû gurg heldirî
selbst wenn ich mit dem Blut meines Herzens meine eigene Landschaft rot färbe –
گەر بە خوێنی جەرگی خۆم سووری بکەم من دیمەنم
Ger be xwênî cergî xom sûrî bikem min dîmenim
niemals werde ich dir gehorchen; du musst sterben, und über deinen Tod werde ich lachen.
ملکەچت نابم دەبێ بمری بە مەرگت پێکەنم
Milkeçit nabim debê bimrî be mergit pêkenim
Strophe 3 · Der Schwur
Selbst wenn du meine Kinder, meine Mutter und meinen Vater ins Verderben stürzt,
گەر منداڵ و دایک و بابم تۆ بخەیتە ناو کڵت
Ger mindal û dayk û babim to bixeyte naw kilit
ich schwöre: Nicht einmal einen Seufzer werde ich ausstoßen – um stattdessen eine Narbe auf dein Herz zu brennen.
شەرتە ئاخێکیش نەکێشم داخ بنێمە سەر دڵت
Şerte axêkîş nekêşim dax binême ser dilit
Gegen dich, du Feind der Kurden, kenne ich nur den Krieg,
من دەگەڵ تۆ دوژمنی کورد هەر سەری جەنگم هەیە
Min degel to dujminî kurd her serî cengim heye
bis zum Sieg werde ich zum Kampfe schreiten; das ist mein Ziel und mein Rhythmus.
تاکو سەرکەوتن بەشەڕ دێم قەسد و ئاهەنگم هەیە
Taku serkewtin beşer dêm qesd û ahengim heye

Anmerkung: Dichtung (Honrawe): Sûtaw (Resûl Kerîmî).

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
سەربڵندserbilindstolz, erhobenen Hauptes
بە پێوەbe pêweim Stehen, aufrecht
کۆنەدارkonedaralter Baum, alte Zeder
قەڵای ئەرکqelay erkFestung der Pflicht
تاروپۆtarupoGefüge (Kette und Schuss des Gewebes)
جەرگcergLeber – das Innerste
ملکەچmilkeçunterwürfig, gehorsam
داخdaxBrandmal, Narbe
ئاهەنگahengRhythmus; Fest
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Das Ideal des „aufrechten Sterbens“ (Be pêwe gyan dan)

Die zentrale Botschaft ist die Verweigerung der Unterwerfung: Min be pêwe gyan edem („Ich gebe stehend meine Seele hin“) ist ein Schlüsselbegriff der kurdischen Ehrkultur. Nicht der Tod wird gefürchtet, sondern der Verlust der Ehre durch Knien oder Betteln vor dem Feind. Qeredaxîs marschartige, stolze Melodieführung unterstreicht diese Haltung.

2
Die Naturmetaphorik: Die alte Zeder (Konedar)

Das lyrische Ich ist eine konedar – ein jahrhundertealter Baum. Bäume in den kurdischen Bergen symbolisieren Beständigkeit und tief verwurzelte Identität: Ein solcher Baum lässt sich nicht verbiegen, er trotzt Stürmen und Kriegen. Das Bild verleiht dem kurdischen Kampf eine biologische und historische Unausweichlichkeit.

3
Historische Einordnung: Osmanen und Russen

Die Erwähnung der „Russen und Osmanen“ zieht eine Linie von den imperialen Kriegen der Vergangenheit bis zum gegenwärtigen Leid: Der kurdische Widerstand ist keine temporäre Erscheinung, sondern ein existenzieller, Generationen überdauernder Kampf gegen Fremdherrschaft. Die „Festung der Pflicht“ (qelay erk) wird zum zeitlosen Symbol nationaler Souveränität.

4
Stoizismus und der „Sieg durch Schmerz“

Das Versprechen, selbst beim Verlust der eigenen Eltern „nicht einmal einen Seufzer“ auszustoßen, beschreibt einen extremen emotionalen Stoizismus: Sichtbare Trauer wäre eine Schwäche, die den Feind erfreut. Indem der Leidende schweigt und standhält, besiegt er den Feind psychologisch – die „Narbe auf dem Herzen des Feindes“ als bleibendes Zeugnis der Unbezwingbarkeit.

5
Die Interpretation durch Azad Qeredaxî

Qeredaxî nutzt seine markante, tiefe Stimme, um die Ernsthaftigkeit der Schwüre zu transportieren. Sein Stil dient in der kurdischen Musiktradition dazu, Mut zu machen und kollektive Stärke zu evozieren: Die Musik ist nicht klagend, sondern antreibend – Sûtaws schmerzhafte Lyrik wird zum triumphalen Manifest.

6
Fazit

Ein Meilenstein der kurdischen Widerstandspoesie: Der Stolz (serbilindî) als höchstes Gut. Physische Vernichtung bedeutet keine Niederlage, solange der Geist ungebeugt bleibt. In Qeredaxîs Version bleibt das Lied ein zeitloses Symbol für den Willen Kurdistans, seinen Platz in der Welt erhobenen Hauptes zu behaupten.