Reşmalî Xêlan (In den Zelten der Nomaden) – Mazhar Khaleqi

Ein stimmungsvolles Porträt des traditionellen kurdischen Nomadenlebens in der Region der Goran-Stämme: ein Moment heimlicher Romantik inmitten des harten Alltags. Mazhar Khaleqi verleiht dem Werk durch seinen aristokratischen, gefühlvollen Gesang eine würdevolle Zärtlichkeit – die Anmut der kurdischen Frau und die Spannung eines geheimen Stelldicheins (cêjwan) in der Natur. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Reşmalî XêlanMazhar Khaleqi
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DeutschSoranî
Strophe 1 · Der Weg zum Stelldichein
Inmitten der schwarzen Zelte der Stämme,
لە ناو ڕەشماڵی خێڵان
Le naw reşmalî xêlan
in der Region des Goran-Stammes,
لە ناوچەی ئێلی گۆران
Le nawçey êlî Goran
kommt ein kurdisches Mädchen mit funkelnden Augen
کیژە کوردێ چاو بەڵەک دێ
Kîje Kurdê çaw belek dê
zu ihrem Liebsten, zum Ort des Stelldicheins.
بۆ لای دڵدار بۆ جێژوان
Bo lay dildar bo cêjwan
Mit leisem Flüstern, einem Lächeln auf den Lippen und wiegendem Gang,
بە چرپە و دەم پێکەنین و بە لەنجە
Be çirpe û dem pêkenîn û be lence
eilt sie herbei, scheinbar um die Herden zu melken,
بۆ ڕانەبێرە و مەڕدۆشین
Bo ranebêre û merdoşîn
doch ihr Herz ist übervoll von Hoffnung und Liebe.
دڵ پڕ لە هیوا و ئەوین
Dil pir le hîwa û ewîn
Wie schön ist doch dieses Warten,
چەن جوانە ئەو ڕاوەستانە
Çen ciwane ew rawestane
dieses berauschte Herzklopfen.
دڵەخورپەی مەستانە
Dilexurpey mestane
Strophe 2 · Die Erscheinung
In einem verborgenen Winkel der Liebe
لە گۆشێکی دڵداری
Le goşêkî dildarî
wartet sie auf den Liebsten mit dem geneigten Seidentuch.
چاوەڕێی شەدەلاری
Çawerêy şedelarî
„O Gott, wann nur wird mein Liebster erscheinen,
خودا ئاخۆ کەی دڵبەر بێ
Xuda axo key dilber bê
hier am Ort des Treffens, für unsere Liebe?“
بۆ جێژوان بۆ دڵداری
Bo cêjwan bo dildarî
Plötzlich erblickt sie den Liebsten, schön wie eine Elfe [Perî],
لە پڕ ئەبینێ دڵبەری وەک پەری
Le pir ebînê dilberî wek perî
dort steht er, mit der Gestalt eines Lichtwesens.
وەستاوە پەری پەیکەری
Westawe perî peykerî
Am Ort des Treffens, in der Verborgenheit –
لە جێژوان لە نادیاری
Le cêjwan le nadyarî
Wie schön ist doch dieses Warten,
چەن جوانە ئەو ڕاوەستانە
Çen ciwane ew rawestane
dieses berauschte Herzklopfen.
دڵەخورپەی مەستانە
Dilexurpey mestane

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
ڕەشماڵreşmaldas schwarze Nomadenzelt (aus Ziegenhaar)
جێژوانcêjwangeheimer Treffpunkt der Liebenden
لەنجەlencewiegender, anmutiger Gang
مەڕدۆشینmerdoşîndas Melken der Schafe
چرپەçirpeFlüstern
پەریperîElfe, Fee – überirdisches Lichtwesen
دڵەخورپەdilexurpeHerzklopfen
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Die Romantisierung des Alltags (Reşmal û Merdoşîn)

In der kurdischen Folklore ist die Arbeit – Schafehüten oder Melken – oft der einzige Vorwand für junge Liebende, das Haus zu verlassen und sich heimlich zu treffen. Der Text kontrastiert die profane Tätigkeit mit dem sakralen Gefühl der Liebe: Die Arbeit wird zur Kulisse eines inneren Erwachens.

2
Die Ästhetik der Bewegung (Lence û Çirpe)

Das Mädchen wird durch seine Bewegungen charakterisiert: Flüstern (çirpe), Lächeln, Wiegeschritt (lence) – eine Mischung aus Vorsicht und Vorfreude. Ein Porträt der kurdischen „naskî“ (Zartheit), die trotz der harten Bedingungen des Nomadenlebens bewahrt bleibt.

3
Das Motiv des Cêjwan

Der cêjwan ist in der kurdischen Poetik hochgradig aufgeladen: ein geheimer, oft in der Natur gelegener Treffpunkt. Das „berauschte Herzklopfen“ (dilexurpey mestane) beschreibt die physische Reaktion auf Gefahr und Ekstase – die Liebe als kostbares Geheimnis, geschützt vor der sozialen Überwachung der Stämme.

4
Die Erscheinung als Lichtwesen (Perî û Peyker)

Gegen Ende wechselt das Bild vom Realistischen ins Mythische: Der Geliebte wird zur „Perî“ (Elfe), die „elfenhafte Gestalt“ (perî peyker) deutet auf eine vollkommene, fast überirdische Schönheit, die in Staunen versetzt.

5
Regionale Identität: die Goran-Stämme

Die Nennung des Goran-Stammes verortet das Lied in einer spezifischen kulturellen Tradition: Die Region um Kermanshah ist berühmt für ihre reiche epische und lyrische Dichtung – eine Referenz an das kulturelle Erbe.

6
Khaleqis Interpretation

Khaleqi singt mit einer Sanftheit, die das „Flüstern“ des Textes akustisch nachempfindet, fließend und unaufdringlich – aus einem Volkslied wird ein edles Kammerspiel der Gefühle.

7
Fazit

Eine Hymne an Anmut und Verlangen: Die Liebe findet selbst in einer strengen Stammesgesellschaft ihre Räume der Freiheit. Der dörfliche Alltag wird zum poetischen Gemälde – die kurdische Frau als mutige Akteurin ihres eigenen Glücks.