Reşmalî Xêlan (In den Zelten der Nomaden) – Mazhar Khaleqi
Ein stimmungsvolles Porträt des traditionellen kurdischen Nomadenlebens in der Region der Goran-Stämme: ein Moment heimlicher Romantik inmitten des harten Alltags. Mazhar Khaleqi verleiht dem Werk durch seinen aristokratischen, gefühlvollen Gesang eine würdevolle Zärtlichkeit – die Anmut der kurdischen Frau und die Spannung eines geheimen Stelldicheins (cêjwan) in der Natur. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.
Kurzes Vokabular
| Kurdisch | Umschrift | Bedeutung |
|---|---|---|
| ڕەشماڵ | reşmal | das schwarze Nomadenzelt (aus Ziegenhaar) |
| جێژوان | cêjwan | geheimer Treffpunkt der Liebenden |
| لەنجە | lence | wiegender, anmutiger Gang |
| مەڕدۆشین | merdoşîn | das Melken der Schafe |
| چرپە | çirpe | Flüstern |
| پەری | perî | Elfe, Fee – überirdisches Lichtwesen |
| دڵەخورپە | dilexurpe | Herzklopfen |
Literarische Analyse
In der kurdischen Folklore ist die Arbeit – Schafehüten oder Melken – oft der einzige Vorwand für junge Liebende, das Haus zu verlassen und sich heimlich zu treffen. Der Text kontrastiert die profane Tätigkeit mit dem sakralen Gefühl der Liebe: Die Arbeit wird zur Kulisse eines inneren Erwachens.
Das Mädchen wird durch seine Bewegungen charakterisiert: Flüstern (çirpe), Lächeln, Wiegeschritt (lence) – eine Mischung aus Vorsicht und Vorfreude. Ein Porträt der kurdischen „naskî“ (Zartheit), die trotz der harten Bedingungen des Nomadenlebens bewahrt bleibt.
Der cêjwan ist in der kurdischen Poetik hochgradig aufgeladen: ein geheimer, oft in der Natur gelegener Treffpunkt. Das „berauschte Herzklopfen“ (dilexurpey mestane) beschreibt die physische Reaktion auf Gefahr und Ekstase – die Liebe als kostbares Geheimnis, geschützt vor der sozialen Überwachung der Stämme.
Gegen Ende wechselt das Bild vom Realistischen ins Mythische: Der Geliebte wird zur „Perî“ (Elfe), die „elfenhafte Gestalt“ (perî peyker) deutet auf eine vollkommene, fast überirdische Schönheit, die in Staunen versetzt.
Die Nennung des Goran-Stammes verortet das Lied in einer spezifischen kulturellen Tradition: Die Region um Kermanshah ist berühmt für ihre reiche epische und lyrische Dichtung – eine Referenz an das kulturelle Erbe.
Khaleqi singt mit einer Sanftheit, die das „Flüstern“ des Textes akustisch nachempfindet, fließend und unaufdringlich – aus einem Volkslied wird ein edles Kammerspiel der Gefühle.
Eine Hymne an Anmut und Verlangen: Die Liebe findet selbst in einer strengen Stammesgesellschaft ihre Räume der Freiheit. Der dörfliche Alltag wird zum poetischen Gemälde – die kurdische Frau als mutige Akteurin ihres eigenen Glücks.
