Meqsed Nameʿlûm (Ziel unbekannt) – Aras Ajhand

Hewramî-Lied über die Suche nach der verschwundenen Geliebten – Text des Dichters Şehriyar Tewfîqî (شەریار تەوفیقی), gesungen von Aras Ajhand. Kleingedruckt: vereinfachte Umschrift.

Meqsed NameʿlûmAras Ajhand
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DeutschHewramî
Doppelvers 1
Das Ziel ist unbekannt, die Wüste ohne Spuren,
مەقسەد نامەعلووم بیابان بێ شۆن
Meqsed nameʿlûm, biyaban bê şon
ich bin verwirrt: Wo ist deine Wohnstatt?
وەنەم شیویان مەنزڵگات جە کۆن
Wenem şîwyan, menziłgat ce kon?
Doppelvers 2
Darum küsse ich den Pfad deines letzten Jahres,
پەوکەیش ماچ کەروو گوزەرگاو پاریت
Pewkeyş maç kerû guzergaw parît
denn dieses Jahr kenne ich den Weg zu deiner Alm nicht.
ئێساڵ مەزانوو ڕاکەو هەواریت
Êsał mezanû řakew hewarît
Doppelvers 3
Schlag kein Lager auf, die Zeit ist vorüber,
هەوار مەنیشە وادەش نەمەنەن
Hewar menîşe, wadeş nemenen
die Freude hat sich von den Bergen abgewandt.
شادی جە کوێسان ئێتر دڵ کەننەن
Şadî ce kwêsan êtir dił kennen
Doppelvers 4
Hände und Füße sind in Ketten, das Herz ist gefangen,
دەس و پا زەنجیر ئەسیر کریان دڵ
Des û pa zencîr, esîr kiryan dił
beständig klagen sie um deine Ferne, o Rose.
دایم ناڵەشا پەی دووریت ئەی گوڵ
Dayim nałeşa pey dûrît, ey guł
Doppelvers 5
Deine Brauen sind Bogen, deine Wimpern sind Pfeile,
ئەبرووت کەمانا، موژگانت تیرا
Ebrût kemana, mijgant tîra
ich bin dein Ziel – ach, mein Herz ist die Beute.
من نیشانەکەت ئاخ دڵەکەم نەچیرا
Min nîşaneket, ax diłekem neçîra
Doppelvers 6
Ich habe nur dich noch, meine süße Seele,
من هەر تۆم هەنی گیانی شیرینم
Min her tom henî, giyanî şîrînim
du bist der Trost für mein mattes, trauriges Herz.
تەسکینی دڵەکەی مات و حەزینم
Teskînî diłekey mat û ḧezînim
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Topografie des Verlusts

Die „Wüste ohne Spuren“ (biyaban bê şon) steht gegen die Alm (hewar): Die Wüste ist die aktuelle Orientierungslosigkeit, die Alm die verlorene Zeit des Glücks im vergangenen Jahr. Dass der Dichter den „Pfad des letzten Jahres“ küsst, ist tiefste Nostalgie – er verehrt die Orte, die die Geliebte einst berührte, weil er ihren jetzigen Ort nicht mehr kennt.

2
Die Zeitlichkeit der Freude

„Die Freude hat sich von den Bergen abgewandt“ – in der Gebirgskultur ist die Almzeit die Zeit der Geselligkeit und Liebe. Wadeş nemenen („die Zeit ist vorüber“) meint nicht nur die Jahreszeit, sondern den unwiederbringlichen Verlust des gemeinsamen Glücks; die Natur wird Zeugin des Leids.

3
Gefangenschaft

Die Ketten (zencîr) beschreiben die totale Lähmung des Liebenden – Liebe als Gefangenschaft ohne Entrinnen, das Stöhnen (nałe) als einzige verbliebene Ausdrucksform.

4
Jagd-Metaphorik

Brauen als Bogen, Wimpern als Pfeile, das Herz als Beute (neçîr) – die klassische Bildsprache der kurdischen Dichtung, durch den persönlichen Ton neu verdichtet.

5
Die Geliebte als einzige Heilung

Das Gedicht endet in totaler Hingabe: Die Geliebte ist teskîn (Trost, Linderung) – Ursache des Schmerzes und zugleich seine einzige Medizin (min her tom henî). Die Suche nach ihr wird zur Suche nach dem verlorenen Sinn in einer Welt, die ihre Freude und ihre Spuren verloren hat – Hewramî-Tradition, meisterhaft in die Moderne geführt.