Qerar (Das Versprechen) – Aras Ajhand

Hewramî-Lied über das gebrochene Versprechen des Frühlings: Der Radîf „barî çenî wêt“ – „bring es mit dir“ – macht jede Strophe zur Bitte. Kleingedruckt: vereinfachte Umschrift.

QerarAras Ajhand
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DeutschHewramî
Doppelvers 1
Es war versprochen, dass du kommst und den Frühling mitbringst,
قەرار بی بەی وەهار باری چەنی وێت
Qerar bî bey wehar barî çenî wêt
dass du die Brise vom Fuße der Alm mitbringst.
شەماڵی پای هەوار باری چەنی وێت
Şemałî pay hewar barî çenî wêt
Doppelvers 2
Es war versprochen, mir zur Heilung in die Augen zu schauen,
قەرار بی پەی دەوای بڎیەی نە دیڎەم
Qerar bî pey deway biḏyey ne dîḏem
ein Gebirge und ein Nomadenzelt für mich mitzubringen.
کەشێو بۆ من دەوار باری چەنی وێت
Keşêw bo min dewar barî çenî wêt
Doppelvers 3
Mein Leiden hat meine Geduld dahinschmelzen lassen,
سەبووریش تاوناوە دەردەداری
Sebûrîş tawnawe derdedarî
ich bin atemlos – bring die Beständigkeit (das Versprechen) mit dir.
نەفەس بڕیان قەرار باری چەنی وێت
Nefes biřyan qerar barî çenî wêt
Doppelvers 4
Es ist tiefste Nacht, ich frage mich, ob sie je endet,
شەوەزەنگە و بیەن داخۆم تەمامیۆ
Şewezenge û biyen daxom temamyo
bring auch ein wenig Sonnenlicht mit dir.
کەمێویچ ڕۆجیار باری چەنی وێت
Kemêwîç řojyar barî çenî wêt
Doppelvers 5
Ich weiß, der Frühling kommt, du kommst, o mein Atem,
مزانوو مەی وەهاریچ مەی هەناسە
Mizanû mey weharîç mey henase
bring den Blick deiner berauschten Augen mit dir.
دیای دیڎەی خومار باری چەنی وێت
Diyay dîḏey xumar barî çenî wêt
Doppelvers 6
Komm, damit der Klang unserer Freude widerhalle,
بۆرێ با دەنگێ دۆوە دڵ وەشیما
Borê ba dengê dowe dił weşîma
bring die Treue vom letzten Jahr mit dir.
وەفاداری جە پار باری چەنی وێت
Wefadarî ce par barî çenî wêt
Doppelvers 7
Wenn du kommst, bedeutet der Frühling alles,
ئەگەر تۆ بەی وەهار یانێ کە گرڎ چێو
Eger to bey wehar yanê ke girḏ çêw
bring die sanfte Brise und den Duft der Schattenhänge mit dir.
شنەی وەش بۆی نسار باری چەنی وێت
Şney weş boy nisar barî çenî wêt
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Die Doppelbedeutung von „Qerar“

Das Wort bedeutet im Kurdischen „Versprechen“ wie auch „Ruhe, Beständigkeit“. Der Dichter spielt mit dieser Ambivalenz: Er fordert die Erfüllung des Versprechens ein, um endlich inneren Frieden (qerar) zu finden – der Radîf barî çenî wêt („bring es mit dir“) macht jede Strophe zur Packliste der Sehnsucht.

2
Licht und Dunkelheit

Die „ewige Nacht“ (şewezeng) der Trennung steht gegen das erhoffte Sonnenlicht (řojyar), das die Geliebte mitbringen soll. Der Frühling wird als Person verstanden – ohne die Ankunft des Du bleibt er eine leere Hülle: „Wenn du kommst, bedeutet der Frühling alles.“

3
Kulturelle Verankerung

Dewar (Nomadenzelt), hewar (Alm) und nisar (Schattenhang) verorten das Gedicht fest in der kurdischen Gebirgskultur. Die Sehnsucht ist nicht abstrakt: Sie gilt einem bestimmten Leben – auf der Alm, im Wind der Heimat, in der Sicherheit des Zeltes – und der „Treue vom letzten Jahr“ (wefadarî ce par).

Zum Verständnis

Die Poetik von Aras Ajhand – Synthese der drei Lieder

Mit Bôrê Mele, Payîz und Qerar rehabilitiert Ajhand das Hewramî als Sprache moderner Subjektivität. Drei Kennzeichen: Natur-Identität – das menschliche Schicksal wird konsequent durch die kurdische Landschaft erklärt (Granatäpfel, Berge, Frühling, Herbst); somatische Poesie – Sehnsucht und Schmerz werden körperlich erfahrbar (Atemlosigkeit, berstendes Herz, schmelzende Geduld); Suche nach Sinn – in einer Welt der Trennung sucht das lyrische Ich eine Verbindung zum Du, die über die bloße Zeit hinausgeht. Keine einfachen Liebeslieder, sondern existenzielle Klagen, die die Gebirgslandschaft in eine Seelenlandschaft verwandeln.