Le Yadimay (Du bist in meiner Erinnerung) – Barham Hassan
Eine Litanei der Allgegenwart: Barham Hassan besingt die Geliebte, die in allem existiert – in Blut und Adern, im Mondschein des Sommers, in der Kehle der Hirtenflöte, im Blitz und im Blumenduft. Ein Zustand, kein bloßes Erinnern. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.
Anmerkung: Die Zeile „Pîrozî lam le yadmay“ beantwortet jede Strophe wie ein Refrain; einzelne Zeilen wiederholen sich im Vortrag.
Kurzes Vokabular
| Kurdisch | Umschrift | Bedeutung |
|---|---|---|
| یاد | yad | Erinnerung, Gedenken |
| -ای | -ay | Suffix: „bist du“ |
| دەمار | demar | Ader |
| شەوگار | şewgar | Nachtzeit |
| پیرۆز | pîroz | heilig, gesegnet |
| هەنسک | henisk | Schluchzen |
| گزنگ | giznig | erstes Licht des Morgengrauens |
| سروە | sirwe | sanfter Hauch, Brise |
| شمشاڵ | şimşal | kurdische Hirtenflöte |
| چەخماخە | çexmaxe | Donnerschlag, Funkenschlag |
| پرشنگ | pirşing | Funkeln, Strahl |
| خونچە | xunçe | Knospe |
| ژان | jan | Schmerz, Wehen |
Literarische Analyse
Das Suffix -ay steht im Soranî für „bist du“: Es ist kein passives Erinnern, sondern ein Zustand – „du bist ein Teil meines Denkens“. Die Geliebte existiert in jedem Moment des Bewusstseins.
Die Hirtenflöte gilt in der kurdischen Kultur als Instrument der Sehnsucht und Melancholie. Dass die Geliebte im Klang – ja „aus der Kehle“ – dieser Flöte existiert, heißt: Sie ist im tiefsten kulturellen und emotionalen Ausdruck des Sängers präsent.
Pîroz bedeutet heilig, gesegnet – eine sehr starke Aussage: Die Liebe wird auf eine spirituelle Ebene gehoben. Die Person ist nicht nur wichtig, sie ist geheiligt.
Meisterhaft verbundene Gegensätze: Gestern und Heute, Lachen und Weinen, Sommermond und Wintersonne, Blumenduft und tiefster Schmerz. Die Botschaft: Egal in welchem Zustand ich bin, wie die Welt sich ändert – du bist überall.
Meer, Morgengrauen, Frühlingsregen, Blitz, Sterne, Knospe, Nachtigall: Die gesamte Natur wird zum Archiv der Geliebten. Jedes Element trägt ihre Anwesenheit – das Gedicht macht die Landschaft zum Spiegel der Erinnerung.
Eine Litanei der Allgegenwart: Die geliebte Person ist so eng mit dem Ich verknüpft, dass sie in jedem Wort und jedem Naturbild direkt neben dem eigenen Empfinden steht – was geistig eng zusammengehört, wird auch im Vers eng zusammengestellt.
