Emşew Nîgat Tarmayîye (Heute Nacht) – Barham Hassan
Tiefgründige, romantische Soranî-Lyrik: Barham Hassan verbindet Sufi-Mystik (Derwisch, Tekye, Xaneqa) mit modernen Bildern wie Kamera und Fotoalbum – die Geschichte getrennter Liebender, die geistig eng zusammengehören und auf die Wiedervereinigung hoffen. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.
Anmerkung: Der Refrain wird nach jeder Strophe wiederholt; das Outro ist halb gesprochen, halb gesungen.
Kurzes Vokabular
| Kurdisch | Umschrift | Bedeutung |
|---|---|---|
| تارمایی | tarmayî | Schatten, Schemen |
| دەروێش | derwêş | Derwisch |
| تەکیە | tekye | Sufi-Tempel, Versammlungshaus |
| خانەقا | xaneqa | Gebetshaus der Sufis |
| هەرەس | heres | Einsturz |
| گۆچان | goçan | Wanderstab |
| وەلی و شەم | Welî û Şem | berühmtes kurdisches Liebespaar (Welî Dêwane und Şem) |
| تروسکە | tiruske | Funke |
| ئاڵای وەفا | alay wefa | die Fahne der Treue |
| ساوا | sawa | Neugeborenes |
| کەشکۆڵ | keşkol | Schale/Bettelsack der Derwische |
| غوربەت | xurbet | Fremde, Exil |
| ڕەنگی زەرد | rengî zerd | „gelbe Farbe“ – Blässe vor Kummer |
Literarische Analyse
Die Liebe als religiöse Hingabe: Der Liebende ist ein Derwisch – ein armer, suchender Mystiker – und die Geliebte sein Heiligtum, in dem das Herz betet. Die Liebe wird dadurch geheiligt und über den Alltag erhoben.
Eine Anspielung auf eine berühmte kurdische Liebesgeschichte, vergleichbar mit Leyla und Majnun: Der Dichter Welî Dêwane verewigte seine unerreichbare Liebe Şem in seinen Versen. Der Vergleich stellt die eigene Sehnsucht in die Reihe der großen, schicksalhaften Lieben.
Das stille Haus, das „kurz vor dem Einsturz“ steht: Die Einsamkeit als Bauwerk, das ohne den Trost der Geliebten zerfällt – nur sie kann in dieser Stadt trösten. Der Refrain macht die Isolation räumlich greifbar.
Im Kurdischen wie im Persischen ist das „Gelbwerden“ des Gesichts die Metapher für Kummer, Krankheit und tiefe Sehnsucht: Der Liebende ist vor Sehnsucht schwach und blass geworden.
Der keşkol ist die Schale, die Derwische bei sich trugen. Hier symbolisiert er die Last der Einsamkeit und die in der Fremde (xurbet) gesammelten Erfahrungen – die der Liebende wie ein Bettler auf der Schulter trägt.
Das gesprochene Outro verdichtet alles: Die „Kamera“ des traurigen Gesichts soll die Blässe des Liebenden festhalten – für ewig im „zerzausten Album“ des Herzens. Das Testament: geliebt zu bleiben, bevor der „Herbst des Lebens“ selbst den Brief aus der Ferne unmöglich macht.
Tiefgründige Soranî-Romantik zwischen Mystik und Moderne: Sufi-Symbolik (Derwisch, Keşkol) trifft auf das Bild der Kamera und des Fotoalbums. Getrennte Liebende, die „geistig eng zusammengehören“ – und danach streben, es auch im Leben wieder zu sein.
