Emşew Nîgat Tarmayîye (Heute Nacht) – Barham Hassan

Tiefgründige, romantische Soranî-Lyrik: Barham Hassan verbindet Sufi-Mystik (Derwisch, Tekye, Xaneqa) mit modernen Bildern wie Kamera und Fotoalbum – die Geschichte getrennter Liebender, die geistig eng zusammengehören und auf die Wiedervereinigung hoffen. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Emşew Nîgat TarmayîyeBarham Hassan
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DeutschSoranî
Strophe 1 · Der Derwisch im Heiligtum
Heute Nacht ist dein Anblick ein Schatten, der über meinem Haupt tanzt.
ئەمشەو نیگات تارماییە لە ژوور سەرم سەما ئەکا
Emşew nîgat tarmayye le jûr serim sema eka
Mein Herz ist ein Derwisch in deinem Tempel [tekye] – im Gebetshaus [xaneqa] betet es für dich.
دڵم دەروێشی تەکیەتە لە خانەقا دوعا ئەکا
Dilim derwêşî tekyete le xaneqa du’a eka
Gräme dich nicht – eine Zeit lang hat uns das Schicksal getrennt,
خەفەت مەخۆ زەمەنێکە لە یەکی دوور کردینەوە
Xefet mexo zemenêke le yekî dûr kirdînewe
doch ein Tag wird kommen, an dem wir wieder so glücklich wie früher vereint sind.
ڕۆژێ دادێ وەکوو جاران بە یەکتر شاد ببینەوە
Rojê dadê wekû caran be yektir şad bibînewe
🔁 Refrain · Das Haus der Einsamkeit
Außer dir kenne ich niemanden in dieser Stadt, der mich trösten könnte.
کەس شک نابم بێجگەلە تۆ لەم شارەدا بملاوێنێ
Kes şik nabim bêcgele to lem şareda bimlawênê
Das Haus meiner Einsamkeit ist still – es steht kurz vor dem Einsturz.
ماڵی تەنیاییم خامۆشە وا خەریکە هەرەس دێنێ
Malî tenyayîm xamoşe wa xerîke heres dênê
Strophe 2 · Welî und Şem
Egal was ich tue – es gibt keinen Laut, der meiner Seele Geduld schenkt.
هەرچەن ئەکەم دەنگێ نییە سەبووری بێ بۆ گشت گیانم
Herçen ekem dengê nîye sebûrî bê bo gişt gyanim
Möge deine Liebe ein Wanderstab für meine Müdigkeit sein, der meine Hand hält, um aufzustehen.
گۆچانێ بێ بۆ ماندوێتیم دەستم بگرێ بۆ هەڵسانم
Goçanê bê bo mandiwêtîm destim bigrê bo helsanim
Seit dem Tag, an dem ich dich kennenlernte, ist dein Name immer auf meinen Lippen.
لەو ڕۆژەوەی کە ئاشنات بووم هەر ناوی تۆم لەسەر دەمە
Lew rojewey ke aşnat bûm her nawî tom leser deme
Gott weiß: Unsere Sehnsucht ist wie die Liebe von Welî und Şem.
خوا ئەزانێ حەزی ئێمە وەک عەشقەکەی وەلی و شەمە
Xwa ezanê hezî ême wek ’eşqekey welî û şeme
Strophe 3 · Die Fahne der Treue
Lass uns gemeinsam in diesem Leben der Funke von Sehnsucht und Hoffnung sein.
با پێکەوە لەم ژینەدا تروسکەی حەز و هیوا بین
Ba pêkewe lem jîneda tiruskey hez û hîwa bîn
Lass uns füreinander leben, füreinander sterben und die Fahne der Treue tragen.
بۆ یەک بژین بۆ یەک بمرین هەڵگری ئاڵای وەفا بین
Bo yek bijîn bo yek bimrîn helgirî alay wefa bîn
Dann wird das Leben ein Paradies sein, in dem wir beide jung wie Neugeborene sind.
ئەوسا ژیان بەهەشتێکە من و تۆ تیایە ساوا بین
Ewsa jyan beheştêke min û to tyaye sawa bîn
In den Armen des anderen werden wir niemals alt, solange die Welt besteht.
لە ئامێزی یەکتریدا تا دنیا مابێ پیر نابین
Le amêzî yektirîda ta dinya mabê pîr nabîn
Outro · Das Testament
Komm, meine Seele – nimm mit der „Kamera“ deines stillen, traurigen Gesichts
وەرە گیانە بە کامێرای ئەو ڕوخسارە کش و ماتەت
Were gyane be kamêray ew ruxsare kiş û matet
ein Bild von meiner blassen [gelben] Farbe auf.
وێنەی ڕەنگی زەردم بگرە، بگرە
Wêney rengî zerdim bigre, bigre
Bewahre es für ewig im zerzausten Album der Seiten meines Herzens auf.
لە ئەلبومە شێواوەکەی پەڕەی دڵدا بۆ ئەبەدی هەڵی بگرە
Le elbume şêwawekey perey dilda bo ebedî helî bigre
Meine Seele – ich trage den Bettelsack [keşkol] der Fremde auf der Schulter und vertraue dir dieses Testament an:
گیانە من کەشکۆڵی غوربەتم لە شانە و ئەم وەسیەتەت پێ ئەسپێرم
Gyane min keşkolî xurbetim le şane û em wesyetet pê espêrim
Damit nicht der Herbst des Lebens kommt und ich dir nicht einmal mehr aus der Ferne einen Brief schicken kann.
نەک گەڵاڕێزانی تەمەن بێت و ئیتر نەتوانم لە دووریشەوە نامەیەکت بۆ بنێرم
Nek gelarêzanî temen bêt û îtir netwanim le dûrîşewe nameyekit bo binêrim

Anmerkung: Der Refrain wird nach jeder Strophe wiederholt; das Outro ist halb gesprochen, halb gesungen.

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
تارماییtarmayîSchatten, Schemen
دەروێشderwêşDerwisch
تەکیەtekyeSufi-Tempel, Versammlungshaus
خانەقاxaneqaGebetshaus der Sufis
هەرەسheresEinsturz
گۆچانgoçanWanderstab
وەلی و شەمWelî û Şemberühmtes kurdisches Liebespaar (Welî Dêwane und Şem)
تروسکەtiruskeFunke
ئاڵای وەفاalay wefadie Fahne der Treue
ساواsawaNeugeborenes
کەشکۆڵkeşkolSchale/Bettelsack der Derwische
غوربەتxurbetFremde, Exil
ڕەنگی زەردrengî zerd„gelbe Farbe“ – Blässe vor Kummer
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Sufi-Metaphern (Derwêş, Tekye, Xaneqa)

Die Liebe als religiöse Hingabe: Der Liebende ist ein Derwisch – ein armer, suchender Mystiker – und die Geliebte sein Heiligtum, in dem das Herz betet. Die Liebe wird dadurch geheiligt und über den Alltag erhoben.

2
Welî und Şem

Eine Anspielung auf eine berühmte kurdische Liebesgeschichte, vergleichbar mit Leyla und Majnun: Der Dichter Welî Dêwane verewigte seine unerreichbare Liebe Şem in seinen Versen. Der Vergleich stellt die eigene Sehnsucht in die Reihe der großen, schicksalhaften Lieben.

3
Das Haus der Einsamkeit (Refrain)

Das stille Haus, das „kurz vor dem Einsturz“ steht: Die Einsamkeit als Bauwerk, das ohne den Trost der Geliebten zerfällt – nur sie kann in dieser Stadt trösten. Der Refrain macht die Isolation räumlich greifbar.

4
Die „gelbe Farbe“ (Rengî zerd)

Im Kurdischen wie im Persischen ist das „Gelbwerden“ des Gesichts die Metapher für Kummer, Krankheit und tiefe Sehnsucht: Der Liebende ist vor Sehnsucht schwach und blass geworden.

5
Der Keşkol der Fremde

Der keşkol ist die Schale, die Derwische bei sich trugen. Hier symbolisiert er die Last der Einsamkeit und die in der Fremde (xurbet) gesammelten Erfahrungen – die der Liebende wie ein Bettler auf der Schulter trägt.

6
Das Outro als Testament

Das gesprochene Outro verdichtet alles: Die „Kamera“ des traurigen Gesichts soll die Blässe des Liebenden festhalten – für ewig im „zerzausten Album“ des Herzens. Das Testament: geliebt zu bleiben, bevor der „Herbst des Lebens“ selbst den Brief aus der Ferne unmöglich macht.

7
Fazit

Tiefgründige Soranî-Romantik zwischen Mystik und Moderne: Sufi-Symbolik (Derwisch, Keşkol) trifft auf das Bild der Kamera und des Fotoalbums. Getrennte Liebende, die „geistig eng zusammengehören“ – und danach streben, es auch im Leben wieder zu sein.