Şête Giyan (Der heilige Wahnsinn) – Hamid Mihemedyan · Text: Abbas Kamandi

Moderne kurdische Lyrik, tief in der klassischen Tradition verwurzelt: Der Text stammt von Abbas Kamandi (1952–2014), dem Universalgenie Ostkurdistans – Dichter, Sänger, Maler und Dramatiker. In der Interpretation von Hamid Mihemedyan wird das Gedicht zur Meditation über die bedingungslose Liebe, die sich über alle gesellschaftlichen Urteile hinwegsetzt – getragen von der archetypischen Figur des „wahnsinnigen Liebenden“. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Şête GiyanHamid Mihemedyan
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DeutschSoranî
Vers 1 · Das Lob des Wahnsinns
Man sagt mir, du hättest mich „verrückt“ [şêt] genannt – o, möge ich jenem Munde geopfert sein!
پێم ئەڵێن فەرموتە شێتم ئەی بەقوربان ئەو دەمە
Pêm elên fermûte şêtim ey bequrban ew deme
Selbst wenn du bis zum Jüngsten Tag von meinem Wahnsinn sprichst – es wäre noch immer zu wenig.
باسی شێتیم تا قیامەت گەر بکەیت هیشتا کەمە
Basî şêtîm ta qiyamet ger bikeyt hîşta keme
Vers 2 · Der Tadel der Welt
Nicht nur du – die ganze Welt soll wissen, dass ich deinetwegen verrückt und ein umherirrender Wanderer [sergerdan] bin.
نەک لە تۆ عالەم بزانن شێتو سەرگەردانتم
Nek le to ’alem bizanin şêt û sergerdantim
Meine Seele – was kümmert einen Liebenden schon der Tadel der Welt?
گیانەکەم ئاشق چ باکێکی لە لۆمەی عالەمە
Gyanekem aşiq çi bakêkî le lomey ’aleme
Vers 3 · Die Verleugnung
Oder jenes, was ich hörte: dass du verleugnest, mich überhaupt zu kennen.
یان ئەوەی بیستومە هەر حاشا لەناسینم ئەکەی
Yan ewey bîstûme her haşa le nasînim ekey
Dieses dein Wort ist herzzerreißend – es ist der Gipfel von Qual und Gram.
ئەم کەلامەت دڵ تەزێنە ئەو پەری دەردو خەمە
Em kelamet dil tezêne ew perrî derd û xeme
Vers 4 · Der Wink des Auges
Hätte der Wink deines Auges nicht die Hoffnung in mein Herz gepflanzt,
ئەگەر ئیشارەی چاوەکەت هیوای نەخستەبایە دڵ
Eger îşarey çaweket hîway nexistebaye dil
wann hätte ich mir jemals all diesen Schmerz und diese Trauer aufgebürdet?
کەی لە کۆڵی خۆم ئەنا ئەم هەموو ئێشو ماتەمە
Key le kolî xom ena em hemû êş û mateme
Vers 5 · Falter und Kerze
Sprich nicht so, meine Augen [meine Liebe] – es gibt niemanden, der es nicht weiß:
وامـەفـەرمـوو چـاوەكـانـم كـەس نیە ئاگای نەبێ
Wamefermû çawekanim kes nîye agay nebê
Der Beschützer der Seele des Falters ist allein das zitternde Licht der Kerze.
حـافـیزی ڕۆحـی پـەپـولـە نـوری لـەرزانی شـەمە
Hafîzî rohî pepûle nûrî lerzanî şeme

Anmerkung: Dichtung: Abbas Kamandi (عەباس کەمەندی). Ein Ghasel in fünf Versen; die gesungene Fassung wiederholt einzelne Halbverse.

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
شێتşêtverrückt (vor Liebe)
شێتیşêtîLiebeswahn – höchste Stufe der Liebe
بەقوربانbequrban„geopfert sein“ – Ausdruck der Hingabe
سەرگەردانsergerdanumherirrend, kopflos
لۆمەlomeTadel, Vorwurf
حاشاhaşaVerleugnung, Abstreiten
دڵ تەزێنdil tezênherzzerreißend
ئیشارەîşareWink, Zeichen
کۆڵkolSchulter, Rücken – Bild für die Last
پەپولەpepûleFalter, Schmetterling
شەمşemKerze
حافیزhafîzBeschützer, Hüter
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Die Ästhetik des Wahnsinns (Şêtî)

Eine paradoxe Reaktion: Der Liebende freut sich, „verrückt“ genannt zu werden, und will sich für die Lippen opfern, die dieses Urteil sprachen. Im Majnun-Motiv der kurdisch-orientalischen Tradition ist der Wahnsinn kein Defekt, sondern die höchste Stufe der Liebe: das Ego vollständig aufgelöst, der Liebende über der Vernunft – und damit über dem Tadel (lome) der Gesellschaft.

2
Soziale Ausgrenzung und das Exil des Herzens

Sergerdan – der ziellos Umherirrende – symbolisiert die existenzielle Heimatlosigkeit. Kamandi kontrastiert das individuelle Gefühl mit dem Tadel der Welt: In seiner Isolation findet der Liebende eine heroische Freiheit – wer ohnehin als verrückt gilt, über den haben die Gesetze der „normalen“ Welt keine Macht mehr.

3
Die mörderische Kraft der Verleugnung (Haşa)

Der dramatische Wendepunkt: Auf seinen Wahnsinn ist der Liebende stolz – doch dass die Geliebte verleugnet, ihn zu kennen, ist „herzzerreißend“ (dil tezên). Die Identität des Liebenden hängt vollständig an der Anerkennung durch das Du: Ohne diesen Blick existiert er nicht mehr.

4
Die Verantwortung der Schönheit (Îşarey çaw)

Der Dichter zieht die Geliebte zur Rechenschaft: Nur weil ihr „Wink des Auges“ Hoffnung pflanzte, nahm er die Last des Schmerzes auf sich. Die Liebe als stummer Pakt – die Schönheit ist nicht unschuldig, sie lockt den Liebenden in das Lazarett des Kummers.

5
Die Sufi-Metapher von Falter und Kerze (Pepûle û Şem)

Das berühmteste Bild der klassischen Mystik, tiefgründig umgedeutet: Das Kerzenlicht ist der „Beschützer“ (hafîz) der Falterseele – obwohl es ihn verbrennt, ist es der einzige Grund seiner Existenz. Der Falter findet seine Bestimmung erst in der Vernichtung durch das Licht; das „zitternde Licht“ steht für Zerbrechlichkeit und Unwiderstehlichkeit des idealen Schönen zugleich.

6
Sprachstil und Tonfall

Ein elegantes Soranî, reich an klassischen Ausdrücken (qiyamet, hafîz); der Ton eine Mischung aus Demut, Vorwurf und Stolz. Hamid Mihemedyans Interpretation betont die lyrische Zärtlichkeit und verwandelt die Klage in eine meditative Erzählung über die Unausweichlichkeit des Schicksals.

7
Fazit

Eine zeitlose Meditation über die totale Hingabe: Im „Wahnsinn“ findet der Liebende seine wahre Wahrheit. Hoffnung ist eine schwere Last, und die Schönheit besitzt eine Macht, die Seelen erschaffen und zerstören kann – der Schmerz des Individuums, erhoben in das universelle Bild des Falters in der Flamme.