Şête Giyan (Der heilige Wahnsinn) – Hamid Mihemedyan · Text: Abbas Kamandi
Moderne kurdische Lyrik, tief in der klassischen Tradition verwurzelt: Der Text stammt von Abbas Kamandi (1952–2014), dem Universalgenie Ostkurdistans – Dichter, Sänger, Maler und Dramatiker. In der Interpretation von Hamid Mihemedyan wird das Gedicht zur Meditation über die bedingungslose Liebe, die sich über alle gesellschaftlichen Urteile hinwegsetzt – getragen von der archetypischen Figur des „wahnsinnigen Liebenden“. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.
Anmerkung: Dichtung: Abbas Kamandi (عەباس کەمەندی). Ein Ghasel in fünf Versen; die gesungene Fassung wiederholt einzelne Halbverse.
Kurzes Vokabular
| Kurdisch | Umschrift | Bedeutung |
|---|---|---|
| شێت | şêt | verrückt (vor Liebe) |
| شێتی | şêtî | Liebeswahn – höchste Stufe der Liebe |
| بەقوربان | bequrban | „geopfert sein“ – Ausdruck der Hingabe |
| سەرگەردان | sergerdan | umherirrend, kopflos |
| لۆمە | lome | Tadel, Vorwurf |
| حاشا | haşa | Verleugnung, Abstreiten |
| دڵ تەزێن | dil tezên | herzzerreißend |
| ئیشارە | îşare | Wink, Zeichen |
| کۆڵ | kol | Schulter, Rücken – Bild für die Last |
| پەپولە | pepûle | Falter, Schmetterling |
| شەم | şem | Kerze |
| حافیز | hafîz | Beschützer, Hüter |
Literarische Analyse
Eine paradoxe Reaktion: Der Liebende freut sich, „verrückt“ genannt zu werden, und will sich für die Lippen opfern, die dieses Urteil sprachen. Im Majnun-Motiv der kurdisch-orientalischen Tradition ist der Wahnsinn kein Defekt, sondern die höchste Stufe der Liebe: das Ego vollständig aufgelöst, der Liebende über der Vernunft – und damit über dem Tadel (lome) der Gesellschaft.
Sergerdan – der ziellos Umherirrende – symbolisiert die existenzielle Heimatlosigkeit. Kamandi kontrastiert das individuelle Gefühl mit dem Tadel der Welt: In seiner Isolation findet der Liebende eine heroische Freiheit – wer ohnehin als verrückt gilt, über den haben die Gesetze der „normalen“ Welt keine Macht mehr.
Der dramatische Wendepunkt: Auf seinen Wahnsinn ist der Liebende stolz – doch dass die Geliebte verleugnet, ihn zu kennen, ist „herzzerreißend“ (dil tezên). Die Identität des Liebenden hängt vollständig an der Anerkennung durch das Du: Ohne diesen Blick existiert er nicht mehr.
Der Dichter zieht die Geliebte zur Rechenschaft: Nur weil ihr „Wink des Auges“ Hoffnung pflanzte, nahm er die Last des Schmerzes auf sich. Die Liebe als stummer Pakt – die Schönheit ist nicht unschuldig, sie lockt den Liebenden in das Lazarett des Kummers.
Das berühmteste Bild der klassischen Mystik, tiefgründig umgedeutet: Das Kerzenlicht ist der „Beschützer“ (hafîz) der Falterseele – obwohl es ihn verbrennt, ist es der einzige Grund seiner Existenz. Der Falter findet seine Bestimmung erst in der Vernichtung durch das Licht; das „zitternde Licht“ steht für Zerbrechlichkeit und Unwiderstehlichkeit des idealen Schönen zugleich.
Ein elegantes Soranî, reich an klassischen Ausdrücken (qiyamet, hafîz); der Ton eine Mischung aus Demut, Vorwurf und Stolz. Hamid Mihemedyans Interpretation betont die lyrische Zärtlichkeit und verwandelt die Klage in eine meditative Erzählung über die Unausweichlichkeit des Schicksals.
Eine zeitlose Meditation über die totale Hingabe: Im „Wahnsinn“ findet der Liebende seine wahre Wahrheit. Hoffnung ist eine schwere Last, und die Schönheit besitzt eine Macht, die Seelen erschaffen und zerstören kann – der Schmerz des Individuums, erhoben in das universelle Bild des Falters in der Flamme.
