Zîndûm Kewe (Erwecke mich zum Leben) – Leyla Feriqi

Ein kraftvolles, fast existenzielles Werk der modernen kurdischen Musik: Reue über die eigene Lebensmüdigkeit und der leidenschaftliche Wunsch nach Neugeburt – ein Schrei nach Vitalität, in dem allein die Liebe vom spirituellen Tod retten kann. Interpretiert von Leyla Feriqi mit dramatischer Stimmgewalt. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Zîndûm KeweLeyla Feriqi
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DeutschSoranî
🔁 Refrain · Erwecke mich
Erwecke mich zum Leben, erwecke mich von den Toten –
زیندووم کەوە، زیندووم کەوە
Zîndûm kewe, zîndûm kewe
ich bereue meinen eigenen [spirituellen] Tod.
لە مەرگی خۆم پەشیمانم
Le mergî xom peşîmanim
Werde zur Seele für meine Seele.
ببە بە گیان بۆ گیانم
Bibe be gyan bo gyanim
Werde zum Beben meines Herzens,
ببە بە خورپە بۆ دڵم
Bibe be xurpe bo dilim
werde zur Glut meines kalten Blutes,
ببە گڕی خوێنی سڕم
Bibe girî xwênî sirim
zum Aufruhr in meinen Adern.
خرۆشی ناو دەمارانم
Xiroşî naw demaranim
Strophe 1 · Der unvollendete Plan
Der Plan meines Lebens ist noch lange nicht vollendet.
زۆری ماوە نەخشەی ژیانم
Zorî mawe nexşey jyanim
Noch lange nicht gestillt ist die Sehnsucht meines Inneren –
زۆری ماوە تاسەی دەروون
Zorî mawe tasey derûn
ich bereue meinen eigenen Tod.
لە مەرگی خۆم پەشیمانم
Le mergî xom peşîmanim
Werde zu feurigen Lippen,
ببە بە لێوی ئاگرین
Bibe be lêwî agirîn
werde zum neuen Alphabet für mein Epos.
ئەلفوبێی نوێ بۆ داستانم
Elfubêy nwê bo dastanim
Gib mir die Kraft des Weinens zurück –
پێم بدەوە هێزی گریان
Pêm bidewe hêzî giryan
erschüttere mich, versetze mich in Aufruhr.
ڕاچەنینم، خرۆشانم
Raçenînim, xiroşanim
Strophe 2 · Sterne am schwarzen Himmel
Besäe ihn wieder mit Sternen –
دایچێنەوە بە ئەستێرە
Dayçênewe be estêre
das klagende [schwarze] Zwitschern meines Himmels.
جریوەی ڕەشی ئاسمانم
Cirîwey reşî asmanim
Erwecke mich zum Leben, erwecke mich –
زیندووم کەوە زیندووەم کەوە
Zîndûm kewe zînduwem kewe
erneuere meine Adresse [meine Identität].
تازە کەوە ناونیشانم
Taze kewe nawnîşanim

Anmerkung: Der Refrain rahmt das Lied und kehrt zwischen den Strophen wieder; einzelne Zeilen variieren im Vortrag.

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
زیندوو کردنەوەzîndû kirdinewezum Leben erwecken
پەشیمانpeşîmanreuig
خورپەxurpeBeben, Herzklopfen
خوێنی سڕxwênî sirkaltes, erstarrtes Blut
خرۆشxiroşAufruhr, Wallung
دەمارdemarAder
نەخشەnexşePlan, Entwurf
تاسەtaseSehnsucht
ئەلفوبێelfubêAlphabet
داستانdastanEpos, Heldengeschichte
ڕاچەنینraçenînErschütterung, Aufschrecken
جریوەcirîweZwitschern
ناونیشانnawnîşanAdresse – übertragen: Identität
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Die Dialektik von Tod und Auferstehung

Das zentrale Motiv der Reue (peşîmanî): Das lyrische Ich war in emotionaler Erstarrung – einem Zustand, den es „Tod“ nennt. „Zîndûm kewe“ ist ein Gebet an die Geliebte (oder die Liebe selbst), diesen Zustand aufzuheben: Die Liebe als schöpferische Kraft, die das „kalte Blut“ wieder entzündet.

2
Somatische Vitalität (Herzschlag und Adern)

Xurpe – das Beben des Herzens als Zeichen von Lebendigkeit; xiroşî naw demaran – der Aufruhr in den Adern als Metapher für Leidenschaft. Das Ich will nicht in Frieden leben, sondern in Erschütterung: Ruhe ist Tod, Schmerz und Bewegung sind Leben.

3
Das Motiv des „Neuen Alphabets“ (Elfubêy nwê)

Ein besonders schönes Bild: Die alte Sprache und die alten Lebensentwürfe reichen nicht mehr – der Dichter braucht eine neue Ausdrucksform, eine neue Identität (nawnîşan), um seine Geschichte weiterzuerzählen. Die Geliebte als Muse, die den Dichter neu erschafft.

4
Die „Kraft des Weinens“ (Hêzî giryan)

In der kurdischen Poetik ist Weinen ein Zeichen spiritueller Tiefe: Wer nicht mehr weinen kann, ist innerlich tot. Der Wunsch nach der „Kraft des Weinens“ ist der Wunsch nach Empathie und tiefem Empfinden – die Ablehnung der Gleichgültigkeit.

5
Kosmische Erneuerung

Der „schwarze Himmel“ des Ichs soll neu mit Sternen „besät“ werden (dayçênewe): der Wunsch nach Orientierung und Licht in der Dunkelheit der Depression. Die Liebe als Akt der Neuschöpfung des persönlichen Universums.

6
Leyla Feriqis Interpretation

Eine fast aggressive Sehnsucht: Ihr Gesang ist ein Manifest des Willens, die treibende, dramatische Musik setzt den „Aufruhr“ (xiroşan) akustisch um. Sie singt nicht als Opfer, sondern als eine Frau, die ihr Leben zurückfordert.

7
Fazit

Eine Hymne an den Lebenswillen durch die Liebe: Bruch mit dem Klischee der passiven Trauer, stattdessen Erschütterung und Erneuerung. Wahre Existenz besteht aus Leidenschaft, Schmerz und der Suche nach einem „neuen Alphabet“ – die Verwandlung von Asche zurück in Glut.