Bo Dwacare (Der letzte Abschied) – Leyla Feriqi

Eine der emotionalsten Balladen im Repertoire von Leyla Feriqi: Persönliche Liebe und das Schicksal des Volkes, untrennbar verwoben – der endgültige Abschied und die Bereitschaft zur totalen Selbstaufopferung für den „lichten Tag“ der Freiheit, getragen von ihrer dramatischen, technisch brillanten Stimme. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Bo DwacareLeyla Feriqi
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DeutschSoranî
🔁 Refrain · Der Abschied
Zum letzten Mal verlasse ich dich – so lebe wohl, mein Liebling.
بۆ دواجارە بەجێت دێڵم سا ماڵاوا ئازیزەکەم
Bo dwacare becêt dêlim sa malawa azîzekem
Berge, Hügel und weite Ebenen durchstreife ich – so lebe wohl, mein Liebling.
شاخ و گرد و هەرد ئەکێڵم سا ماڵاوا ئازیزەکەم
Şax û gird û herd ekêlim sa malawa azîzekem
Ach, für das Ziel eines lichten Tages durchwandere ich dunkle Pfade.
ئاخ بۆ ئامانجی ڕۆژی ڕووناک ڕێگای تاریکی دەکێڵم
Ax bo amancî rojî rûnak rêgay tarîkî dekêlim
Ich verlasse dich.
بەجێت دێڵم
Becêt dêlim
Strophe 1 · Der Sturm der Ferne
Lass mich sterben im Sturm des Schmerzes der Ferne, solange die Gelegenheit dazu ist.
دەبا بمرم لە تۆفانی دەردی دووری تا فرسەتە
Deba bimirim le tofanî derdî dûrî ta firsete
Damit ich nicht an einem Tag sterbe, an dem mein Haupt an deiner Brust liegt.
نەکا بمرم لە ڕۆژێکا کە سەرم لەسەر سینەتە
Neka bimirim le rojêka ke serim leser sînete
Strophe 2 · Wein und Blut
Lass mich sterben auf dem Weg der Liebe und Freiheit, das Herz übervoll von Blut.
دەبا بمرم لە ڕێگای عشق و ئازادی دڵ پڕ خوێنە
Deba bimirim le rêgay ’işq û azadî dil pir xwêne
Gleich dem Wein aus dem Becher eines Berauschten – vergieße mich mit deiner eigenen Hand.
وەک شەرابی جامی بەدمەست بە دەستی خۆت بمڕژێنە
Wek şerabî camî bedmest be destî xot bimrijêne
Strophe 3 · Das weiße Gewand
Wenn ich im weißen Gewand [dem Leichentuch], ach, ohne Seele vor deine Augen trete,
گەر بە جل و بەرگی سپی ئاخ بە بێ ڕۆح هاتە بەر چاوم
Ger be cil û bergî sipî ax be bê roh hate ber çawim
mögen die Gefährten herbeikommen zur Totenklage – möge ich, der Erschlagene, dann zu Wort kommen.
بەڵکوو بێنە شینم یاران، بێتە گفتوگۆ کوژراوم
Belkû bêne şînim yaran, bête giftugo kujrawim

Anmerkung: Der Refrain wird zu Beginn und am Ende gesungen; „Becêt dêlim“ kehrt als Ruf zwischen den Strophen wieder.

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
ماڵاواmalawaLebewohl
ئازیزazîzLiebling, Teurer
کێڵانkêlanpflügen – übertragen: mühsam durchwandern
تۆفانtofanSturm
فرسەتfirsetGelegenheit
عشق’işqLiebe, Leidenschaft
ئازادیazadîFreiheit
بەدمەستbedmestschwer berauscht
جل و بەرگی سپیcil û bergî sipîdas weiße Gewand – das Leichentuch (kefen)
شینşînTotenklage
گفتوگۆgiftugoGespräch
کوژراوkujrawder Erschlagene
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Die Dialektik von Liebe und Kampf (’Işq û Azadî)

Das zentrale Motiv: Die persönliche Liebe (’işq) und die Sehnsucht nach Freiheit (azadî) sind untrennbar verbunden. Das lyrische Ich wählt bewusst den schmerzhaften Abschied, um dem Ruf des Landes zu folgen – die „dunklen Pfade“ des Widerstands mit dem einen Ziel: der „lichte Tag“ (rojî rûnak) der Freiheit.

2
Das Paradoxon des Todesortes

Eine der stärksten Passagen: der Wunsch, im „Sturm der Ferne“ zu sterben statt in den Armen der Geliebten. Die Brust der Geliebten – eigentlich Ort der Geborgenheit – erscheint als Bedrohung des heroischen Ideals: Das Ich will als Märtyrer der Freiheit fallen, ohne die Reinheit des Opfers durch privates Glück zu „schwächen“. Radikaler Patriotismus, der das Kollektiv über das Individuum stellt.

3
Somatische und dionysische Metaphorik (Blut und Wein)

„Vergieße mich mit deiner eigenen Hand wie Wein“ – klassische Sufi-Metaphorik: Der Wein steht für Leben und Rausch; der Tod wird zum sakralen Akt der Vereinigung. Der Schmerz wird ästhetisiert und in berauschte Hingabe transformiert.

4
Die Symbolik des weißen Gewandes

Das „weiße Gewand“ ist das kefen, das Leichentuch. Das Ich kehrt „ohne Seele“ zurück – und wünscht, dass sein Schweigen zum „Gespräch“ (giftugo) wird: Das Opfer des Gefallenen als Botschaft an die Lebenden, den Kampf fortzusetzen.

5
Topografische Identität (Şax û Gird û Herd)

Berge, Hügel, Ebenen: Die Geografie ist nicht Kulisse, sondern der Raum, in dem sich die Identität des Volkes bewährt. Kêlan (pflügen) steht metaphorisch für das mühsame Durchwandern und Sichern des eigenen Bodens.

6
Leyla Feriqis Interpretation

Die ganze Bandbreite ihrer Stimme – von hauchend-intimen Tönen bis zu kraftvollen, opernhaften Ausbrüchen: die Zerrissenheit zwischen zarter Liebe zur Person und harter Pflicht gegenüber dem Vaterland. Die Musik trägt den „Sturm“, von dem der Text spricht.

7
Fazit

Eine Hymne auf die tragische Entschlossenheit: bereit, das Kostbarste – Liebe und Leben – für das Ideal der Freiheit zu opfern. Der Abschiedsschmerz wird zur moralischen Kraft; wahre Liebe zum Vaterland erfordert manchmal den Verrat an der privaten Sehnsucht. Eines der kraftvollsten Dokumente der modernen kurdischen Erinnerungskultur.