Ke Delên Emro (Wenn sie sagen, heute seien Flur und Berge grün) – Mazhar Khaleqi · Text: Pîremêrd

Eine der gefühlvollsten Hommagen an die Stadt Silêmanî und ihre Natur: Der Text stammt von Pîremêrd (1867–1950), dem großen Aufklärer, der Silêmanî als kulturelles Herz Kurdistans betrachtete. Mazhar Khaleqi verleiht den Versen durch seinen ruhigen Gesangsstil eine fast sakrale Atmosphäre – das Erwachen des Frühlings und die göttliche Schönheit der kurdischen Landschaft.

Ke Delên EmroMazhar Khaleqi
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DeutschSoranî
Strophe 1 · Die Heimatstadt
Wenn man sagt, heute seien Flur und Berge grün [şîn],
کە دەڵێن ئەمڕۆ دەشت و کێو شینە
Ke delên emro deşt û kêw şîne
wie lieblich ist doch unsere Heimatstadt.
چەندە مەڵبەندی ئێمە شیرینە
Çende melbendî ême şîrîne
Steige hinauf auf den Hügel „Girdî Yare“ und sieh:
بچۆ سەر گردی یارە ببینە
Bço ser girdî yare bibîne
In dieser Welt ist sie eine farbenprächtige Blüte.
لە جیهاندا گوڵێکی ڕەنگینە
Le cîhanda gulêkî rengîne
Strophe 2 · Der Goyje-Berg
In jener Stunde, wenn der Tag zum Abend wird,
ئەو دەمەی ڕۆژ دەگاتە ئێوارە
Ew demey roj degate êware
wende dein Angesicht zum Goyje-Berg und schaue:
ڕوو بکەرە شاخی گۆیژە بنواڕە
Rû bikere şaxî Goyje binware
Gottes Thron scheint dort offenbar zu werden,
عەرشی پەروەردگاری لێ دیارە
Erşî perwerdgarî lê diyare
seine Hänge gleichen einem wasserreichen Paradies.
دامەنی وەک بەهەشتی ئاودارە
Damenî wek beheştî awdare
Strophe 3 · Sarçinar
Das Flöten der Nachtigallen im Frühling,
زەمزەمەی بولبولی بەهارانی
Zemzemey bulbulî beharanî
der feine Sprühregen unter den Nomadenzelten,
وردە بارانی ژێر دەوارانی
Wirde baranî jêr dewaranî
in der Nacht des Festes in „Sarçinar“ –
لە شەوی بەزمی سەرچنارانی
Le şewî bezmî serçinaranî
bringt selbst den strengsten Asketen [Wişkesofî] zum Singen.
وشکە سۆفی ئەخاتە گۆرانی
Wişke sofî exate goranî

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
مەڵبەندmelbendHeimatgegend, Region
گردی یارەGirdî Yare„Hügel der Geliebten“ – historischer Ort in Silêmanî
عەرشی پەروەردگارerşî perwerdgarder Thron Gottes
دامەنdamenHang, Saum (des Berges)
زەمزەمەzemzemedas Flöten, Trällern
دەوارdewarNomadenzelt
بەزمbezmFest, gesellige Runde
وشکە سۆفیwişke sofîder „trockene Sufi“ – freudloser Asket
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Topografie als Identität

Pîremêrd nutzt markante Orte Silêmanîs: Girdî Yare („Hügel der Geliebten“), den Hausberg Goyje und den Quellort Sarçinar. Die Stadt wird zum ästhetischen Gesamtkunstwerk – einer „farbenprächtigen Blüte“ (gulêkî rengîn): Lokalpatriotismus, der die Heimat als schönsten Ort der Welt definiert.

2
Die Sakralisierung der Natur

„Gottes Thron scheint dort offenbar zu werden“: Die Berge der Heimat werden zum irdischen Standort des göttlichen Throns erklärt, die Hänge dem Paradies (beheşt) gleichgesetzt – die kurdische Landschaft erhält spirituelle Würde und Unantastbarkeit.

3
Der Sieg der Poesie über die Askese

Der „Wişkesofî“ – der trockene, lebensfeindliche Asket – ist bei Pîremêrd die Figur des freudlosen Dogmatismus. Dass ihn Nachtigallen und die Festnacht in Sarçinar zum Singen bringen, zeigt: Die Schönheit Kurdistans erweicht selbst das härteste Herz und führt es zur Kunst.

4
Farbsymbolik und Sensorik

Şîn bedeutet zugleich das Blau des Himmels und das satte Grün der sprießenden Vegetation – die Farbe der Fruchtbarkeit und Hoffnung. Der feine Sprühregen (wirde baran) unter den Nomadenzelten schafft ein intimes, taktiles Gefühl von Geborgenheit.

5
Khaleqis Interpretation

Mazhar Khaleqi singt mit einer Eleganz, die zur Ruhe kommen lässt: Seine Stimme spiegelt den Frieden, den Pîremêrd in der Landschaft sucht – ein Gebet an die Schönheit der Heimat.

6
Fazit

Die inoffizielle Hymne auf Natur und Kultur Silêmanîs: Die Heimat als göttliches Geschenk, dessen Schönheit die Seele heilt – ein Plädoyer für Lebensfreude, Aufklärung und die tiefe Verbundenheit mit dem kurdischen Boden.