Hey Wax li Min (Ach, wehe mir) – Aram Tigran

Die tief melancholische Klage über das Schicksal Kurdistans – „Widerstand durch Trauer“: Aram Tigran bringt das kollektive Leid zur Sprache und endet doch im Aufruf zur Einheit. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Hey Wax li MinAram Tigran
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DeutschKurmancî
Strophe 1
Ach, wehe mir, ach – was ist das für eine Welt!
هەی واخ ل من واخ، ئەڤ چ دنیایە
Hey wax li min wax, ev çi dinyay e
Kurdistan befindet sich in den Händen der Feinde.
کوردستان بن دەستێ دژمنانە
Kurdistan bin destê dijminan e
Unser Hab und Gut ist Fremden überlassen worden,
مال و ملکێ مە ژ خەلکێ ڕە مایە
Mal û milkê me ji xelkê re maye
das Glück (die Gerechtigkeit) der Welt ist heute erloschen.
بەختێ دنیایێ ئیرۆ نەمایە
Bextê dinyayê îro nemaye
Strophe 2
O Mutter, o Vater – so sind die Zeiten,
دایێ دەورانە، باڤۆ دەورانە
Dayê deuran e, bavô deuran e
wo sind die Versprechen und Fügungen des Schicksals?
سۆز و قەرارێ فەلەکێ کانێ؟
Soz û qerarê felekê kanê?
Unser Tag ist kein Tag, die Nacht keine Nacht mehr,
ڕۆژا مە نە ڕۆژە، شەڤ نە شەڤانە
Roja me ne roj e, şev ne şevan e
das Leid des kurdischen Volkes ist schwer und bitter.
دەردێ ملەتێ کوردان گورانە
Derdê miletê kurdan guran e
Strophe 3
Wo sind all unsere Gärten und Haine geblieben?
باخ و باخچێ مە تەڤدا کانی نە؟
Bax û baxçê me tevda kanî ne?
Unser Herz ist verwundet wegen jener Erde.
دلێ مە ژ بەر وێ ئاخ ببرینە
Dilê me ji ber wê ax bibrîn e
Wir erheben Anspruch, doch sie fragen: „Wer seid ihr?“
ئەم دەو دکن، دبێن هوون کی نە
Em dew dikin, dibên hûn kî ne
Sie verbrennen die Sehnsucht unserer Herzen.
مەقسەدێ دلان دشەوتینە
Meqsedê dilan dişewtîne
Strophe 4
Süßes Vaterland, wir vergessen dich nicht –
وەلاتێ شرین، ئەم تە بیر ناکن
Welatê şirîn, em te bîr nakin
reicht euch die Hände und ruft gemeinsam aus:
دەست بدن دەستێ هەڤ، ب هەڤ ڕە بانگ کن
Dest bidin destê hev, bi hev re bang kin
Befreit das süße Kurdistan bald,
کوردستانا شرین زوو ئازاد کن
Kurdistana şirîn zû azad kin
macht die Kurden der Welt auf einmal glücklich.
کوردێ دنیایێ ب جارەک شا کن
Kurdê dinyayê bi carek şa kin
Zum Verständnis

Literarische und politische Analyse

1
Existentielle Entfremdung

Der Refrain benennt den Verlust der Heimat im materiellsten Sinn: Mal û milkê me ji xelkê re maye – der eigene Besitz ist Fremden geblieben. Das verweist auf die historische Realität von Vertreibung und Ansiedlungspolitik auf kurdischem Boden; die Klage bextê dinyayê nemaye macht daraus eine Anklage gegen die Ungerechtigkeit der Welt.

2
Die Aufhebung der Zeitrechnung

Roja me ne roj e, şev ne şevan e – „unser Tag ist kein Tag, die Nacht keine Nacht“: Unter totaler Unterdrückung verliert das Leben seinen Rhythmus, selbst Tag und Nacht ihre Bedeutung; alles wird vom „schweren Leid“ (derdê guran) überschattet.

3
Die Verleugnung der Identität

Das politische Herzstück: Em dew dikin, dibên hûn kî ne – „Wir fordern unser Recht, doch sie fragen: Wer seid ihr?“ Der Schmerz entsteht nicht nur durch Gewalt, sondern durch die Arroganz der Macht, die das Gegenüber auslöscht, indem sie ihm die Existenz abspricht.

4
Mutter und Vater als Zeugen

Wie oft im kurdischen Volkslied werden dayê und bavô direkt angerufen – Zeugen des Leids und Hüter der Tradition. Der Ausruf trägt die kindliche Verzweiflung vor dem Schicksal (felek), das sein Wort nicht gehalten hat.

5
Der Aufruf zur Einheit

Trotz aller Trauer endet das Lied im aktiven Appell: Dest bidin destê hev – das Händereichen als klassischer Topos der Einheit (yekîtî). Der Weg aus der Klage führt über kollektives Handeln und das gemeinsame Rufen.

6
Fazit

Ein Klagelied am Übergang vom individuellen Wehklagen zum nationalen Erwachen: Tigrans sanfte Stimme erzählt von Raub, Verleugnung und Hoffnung – das kollektive Gedächtnis der verlorenen „Gärten und Haine“, transformiert in den Willen zur Befreiung. Eine Hymne der Unbeugsamkeit.