Diçim Diçim Nema Têm (Ich gehe, ich gehe) – Aram Tigran

Eines der bekanntesten melancholischen Abschiedslieder der kurdischen Tradition: der schmerzhafte Entschluss, Heimat und Geliebte für immer zu verlassen – zerrissen zwischen tiefer Zuneigung und der Unmöglichkeit einer gemeinsamen Zukunft. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Diçim DiçimAram Tigran
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DeutschKurmancî
🔁 Refrain (nach jeder Strophe)
Ich gehe, ich gehe, ich komme nie mehr zurück,
دچم دچم نەما تێم
Diçim diçim nema têm
ich bin fassungslos und weiß nicht, was ich sagen soll.
وەز هەیریم چ ببێم
Wez heyirîm çi bibêm
Von nun an kehre ich niemals wieder.
ئێدی پشتی نەما تێم
Êdî piştî nema têm
Ich gehe fort, ich bleibe nicht hier,
دچم ل ڤر نامینم
Diçim li vir namînim
es ist genug, all diese Schmerzen zu ertragen,
بەس ئە دەردا هلینم
Bes e derda hilînim
ich schicke dir nun meinen letzten Gruß.
فەن ژ تە را بشینم
Fen ji te ra bişînim
Strophe 1 · Die Eltern der Geliebten
Ich bin der Liebhaber deiner Augen,
وەز ئاشقێ چاڤێ تە
Wez aşiqê çavê te
mit deinem Vater bin ich wohlzufrieden,
مەمنوون ئم ژ باڤێ تە
Memnûn im ji bavê te
doch der [strenge] Blick deiner Mutter …
لێ ئاورێ دیا تە
Lê awirê diya te
Strophe 2 · Was gehen wir die Leute an?
Ach und Weh sind völlig nutzlos,
ئاخ و ئۆف بێ فەیدەیە
Ax û of bê feyde ye
es liegt allein an meinem und deinem Herzen –
ب دلێ من و تەیە
Bi dilê min û te ye
was kümmert es die Leute, was mit uns geschieht?
هەرێ خەلقێ چ ژ مەیە
Herê xelqê çi ji me ye
Strophe 3 · Der Wanderer
Ich gehe, ich gehe als ein Wanderer,
دچم دچم رێونگی
Diçim diçim rêwingî
ich schreite voran mit diesem meinen Fuß,
وەز دمەشم ب ڤی لنگی
Wez dimeşim bi vî lingî
ich bin verliebt in jenen Klang [deine Stimme].
وەز ئاشقێ وی دەنگی
Wez aşiqê wî dengî

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
دچمdiçimich gehe
نەما تێمnema têmich komme nicht mehr [zurück]
هەیریheyirîfassungslos, ratlos
ئاورawirder [scharfe] Blick
ئاخ و ئۆفax û ofAch und Weh, das Klagen
خەلقxelqdie Leute, die Öffentlichkeit
رێونگیrêwingîWanderer, Reisender
ئاشقaşiqVerliebter, Liebhaber
دەنگdengKlang, Stimme
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Die Endgültigkeit des Aufbruchs

Die ständige Wiederholung von diçim diçim nema têm erzeugt einen hypnotischen, unerbittlichen Rhythmus. Es ist kein Hilferuf, sondern die Feststellung einer vollendeten Tatsache. Der Zustand der Verwirrung (heyirîm) zeigt: Die Trennung entspringt nicht mangelnder Liebe, sondern einer ausweglosen Situation.

2
Familiäre Konflikte

Ein feines Detail ist die Erwähnung der Eltern: Das Verhältnis zum Vater ist positiv (memnûn), doch der „Blick der Mutter“ (awirê diya te) deutet das Hindernis an. In der kurdischen Familienstruktur spielen Mütter oft die entscheidende Rolle bei der Wahl der Ehepartner – der Dichter flieht vor einem sozialen Gefüge, das seine Liebe nicht zulässt.

3
Das Motiv des Wanderers

Das lyrische Ich nennt sich rêwingî. In der kurdischen Literatur ist der Wanderer die Metapher für einen Menschen, der Identität und Frieden verloren hat: Ist die Heimat (die Geliebte) unerreichbar, wird das ganze Leben zur ziellosen Reise. Das Gehen „mit diesem meinen Fuß“ (bi vî lingî) unterstreicht die Einsamkeit und die mühsame physische Realität des Fortgehens.

4
Individuum gegen das Gerede

Xelqê çi ji me ye – was geht es die Leute an? Hier steht das Individuum gegen die Gesellschaft (xelq): Im traditionellen Kontext scheitern Liebesbeziehungen oft am Klatsch und an den Erwartungen von Nachbarschaft und Stamm. Das Klagen (ax û of) ist nutzlos geworden, weil der Druck der Öffentlichkeit die private Liebe erstickt hat.

5
Die Ästhetik des Klangs

Am Ende bekennt sich der Dichter zur Liebe an den „Klang“ (deng) – die Stimme der Geliebten, im Kontext von Aram Tigran aber auch eine Anspielung auf die Musik selbst: Sie ist die einzige Verbindung, die der Wanderer in die Ferne mitnehmen kann.

6
Fazit

Eine zeitlose Hymne an den schmerzhaften Abschied: die Klage eines Menschen, der sich zur Heimatlosigkeit verdammt sieht, weil die soziale Realität keinen Raum für sein Glück lässt. Das Lied dokumentiert die psychologische Last der Trennung und den Trotz gegenüber einer wertenden Gesellschaft – das universelle Thema des „Gehens aus Not“, perfekt eingefangen.