Überblick
Muftî Pêncwênî (bürgerlich Mela Abdullah Tûtunçî) war ein bedeutender kurdischer Dichter, Aufklärer und Sozialreformer – einer der mutigsten Intellektuellen seiner Zeit, der religiöse Tradition mit moderner Wissenschaft und nationalem Bewusstsein verband: der „Tabakhändler und Lichtbringer“.
Herkunft und Ausbildung
Muftî Pêncwênî wurde 1881 im Dorf Bêstane nahe Pêncwên geboren, verlor früh seinen Vater und wuchs unter der Obhut seines älteren Bruders auf. Seine klassisch-religiöse Ausbildung führte ihn durch die bedeutendsten Zentren Kurdistans: Saqqez, Mehabad, Bokan und schließlich Byara. Obwohl er die höchste religiöse Qualifikation erlangte und den Ehrentitel „Muftî“ erhielt, traf er eine für seine Zeit revolutionäre Entscheidung: Er weigerte sich, als Mullah von religiösen Spenden oder der Gunst der Feudalherren (Aghas) zu leben.
Die Wahl der Unabhängigkeit
Er kehrte nach Pêncwên zurück und eröffnete einen kleinen Laden für Tabak und Haushaltswaren – daher sein Beiname Tûtunçî (Tabakhändler). Dieser Beruf sicherte ihm finanzielle Unabhängigkeit: Er wollte frei sein, die Wahrheit zu sagen, ohne fürchten zu müssen, dass ihm ein Stammesfürst das Gehalt streicht.
Ein Kämpfer für Bildung und Frauenrechte
In der Unwissenheit (Nezanî) sah Muftî das größte Hindernis für die Freiheit der Kurden. Er war einer der Ersten seiner Region, der forderte, dass Kinder – ausdrücklich auch Mädchen – Schulen besuchen; er schickte seine eigenen Töchter zur Schule, was ihm in der konservativen Gesellschaft viel Feindseligkeit und sogar Morddrohungen einbrachte. Zugleich kritisierte er Mullahs, die den Glauben missbrauchten, um das Volk dumm zu halten – ein Volk ohne Wissenschaft sei zum Untergang verurteilt.
Politisches Engagement und die Republik Mahabad
Sein Herz schlug für ein freies Kurdistan. Als 1946 die Republik Mahabad ausgerufen wurde, reiste er trotz schwerer Krankheit dorthin, um den historischen Moment mit eigenen Augen zu sehen, und schrieb glühende Gedichte für die Republik, die in der Zeitschrift Hełałe erschienen. Nach dem Fall der Republik kehrte er nach Pêncwên zurück.
Die Begegnung mit dem Dichter Hejar
In seinem Buch „Çêştî Micêwir“ beschreibt der große Dichter Hejar Mukriyanî eine bewegende Begegnung: Auf der Flucht suchte er Muftî in seinem ärmlichen Laden auf und schildert ihn als einen Mann in extremer Armut – mit gelähmter Frau und kleinen Kindern in einem dunklen Kellerzimmer –, der jedoch vor patriotischer Leidenschaft brannte und weinte, als er hörte, dass die kurdische Bewegung in Schwierigkeiten war.
Vermächtnis
Muftî Pêncwênî starb am 15. Juni 1952 in Silêmanî. In seinem Testament bat er, auf dem Hügel Girdî Seywan begraben zu werden – heute das Pantheon der kurdischen Dichter und Denker. Er bleibt der Mann, der die Fackel der Bildung in die dunkelsten Winkel der kurdischen Gesellschaft trug und bewies, dass wahre Größe nicht im Titel, sondern in der Ehrlichkeit des Wortes liegt.
„Gewreyek“ (Ein Herrscher)
Direkte, scharfe Sozialkritik ohne blumige Verschleierung – der Refrain: „möge Gott diesem Herrscher den Untergang bescheren!“
Hintergrund & Bedeutung
- Nationaler Vordenker: Er definierte Patriotismus als Dienst an der Wissenschaft: „O Heimat, ich verstehe, warum du weinst – es ist der Mangel an Bildung bei deinen Anführern.“
- Sozialer Mut: Der „Mullah des Volkes“, der lieber Tabak verkaufte, als seine Prinzipien zu verraten.
- Literarischer Realist: Er holte die kurdische Lyrik aus dem Jenseits ins Diesseits – in die sozialen Nöte der Menschen. Die zweite Strophe fügt hinzu: Ein Herrscher ohne Auge für die Armen, gierig und seelenfeindlich, verdiene den Untergang – „und wäre sein Ruhm so groß wie der von Sultan Salomo“.
Einordnung und Zeitgenossen
Zeitlich gehört Muftî Pêncwênî (1881 – 1952) in die Zeit der Presse und frühen Moderne (1898–1945), Region Başûr. Zeitgenossen im Datensatz der Akademie: Bêxud (Mela Mehmûdî Muftî), ʿEbdulrehman Begî Baban („Babe“), Şêx Mehmûdê Berzincî (Nemir), Mela Ebas Hilmî Kakayî. Einen Überblick über die Strömungen gibt die Seite Epochen & Schulen.